Rückkehr ins LebenNach dem Krebs: Schwieriger Abschied von der Perücke

Catharina Junk hat ein Buch über das Leben nach dem Krebs geschrieben.
Ab wann darf ich mich trauen, wieder an das Leben zu glauben? Catharina Junk hat ein Buch über das Leben nach dem Krebs geschrieben.
Foto: Eva Haeberle
Inhalt
  1. Zwei Jahre lagen die Perücken jetzt im Keller
  2. Treffen mit einer anderen Chemo-Glatze?
  3. Plötzlich habe ich große Lust, die Krebsbombe platzen zu lassen
  4. Vielleicht brauche ich doch etwas mehr Zeit ...

Nach dem Krebs: Wann darf ich mich wieder trauen, an das Leben zu glauben? Den schwierigen Abschied von der Perücke beschreibt hier Catharina Junk, eine junge Frau aus Hamburg.

"Jetzt verkaufe ich sie also auf dem Flohmarkt. Es ist acht Uhr morgens, ich stehe allein hinter meinem Stand und zwischen alten Klamotten, Büchern und jeder Menge Trödel liegen die beiden identischen Perücken: lange, dunkle Haare, leicht gelockt. Meinen eigenen Haaren sehr ähnlich, die mittlerweile wieder kinnlang gewachsen sind. Ich bin 23 Jahre alt und es ist drei Jahre her, dass ich meine Chemo-Glatze mit diesen Perücken versteckt habe. Heute ist mein Blut wieder okay. Die Leukämie ist weg. Ich hatte unendliches Glück und medizinisch gelte ich als gesund.

Aber im Kopf ist das noch nicht so richtig angekommen.

Da ist immer noch die Angst, dass die Krankheit erneut ausbricht und alles von vorne beginnt: Chemo, Schmerzen, Kotzen und Todesängste. Und dann geht es beim zweiten Mal vielleicht nicht gut aus. Könnte sein. Niemand weiß das.

Zwei Jahre lagen die Perücken jetzt im Keller

Diese blöden Perücken, die natürlich nie wirklich wie echte Haare aussahen, obwohl ich versucht hatte, es mir einzureden, lagen jetzt zwei Jahre lang im Keller. Ich konnte sie nicht wegwerfen, weil ich immer glaubte: Wenn ich die Perücken zu früh los werde und die Leukämie wiederkommt, ärgere ich mich dass ich sie nicht mehr habe. Vollkommen idiotisch, denn Perücken-Mangel wäre wohl mein geringstes Problem, sollte ich einen Rückfall erleiden. Dahinter steckte natürlich ein anderer Gedanke, nämlich: Fühl dich bloß nicht zu sicher. Aber jetzt bin ich soweit. Glaube ich.

Zwei junge Frauen kommen an den Tisch. Ziemlich beste Freundinnen auf Schnäppchenjagd, gut gelaunt und sympathisch, ungefähr so alt wie ich. Eine hat blonde, kurze Haare, die andere trägt eine lässige rote Haar-Schnecke auf dem Kopf. Die Blonde entdeckt die Perücken und juchzt: „Guck mal, wie cool!“ Schwupps beugt sie sich vornüber, setzt eine Perücke auf und schwingt die langen Locken zurück. Die Haar-Schnecke kreischt: „Wie geil! Du siehst voll anders aus!“ „Hier ist ja noch eine!“ Zwei Handgriffe später hat die Rothaarige  ebenfalls braune lange Haare. Sie stehen wie Zwillinge voreinander und prusten los. Der Lachkrampf zwingt sie, die Knie zusammenzupressen und sich die Bäuche zu halten.

Treffen mit einer anderen Chemo-Glatze?

Schräg gegenüber schaut eine vielleicht vierzigjährige Frau von ihrem Stand aus verwundert zu uns herüber, so laut sind die beiden. Ich stehe regungslos hinter meinem Tapeziertisch und beobachte den Ausbruch. Die eigentlich Blonde wendet sich mir strahlend zu: „Sind das deine?“ Ich nicke und weiß nicht, was ich sonst noch sagen soll. Mich macht ihre Ahnungslosigkeit irgendwie aggressiv. Aber ich bin auch wütend auf mich selbst: Was habe ich mir dabei gedacht, die Perücken mit hierher zu nehmen?! Dass eine Frau mit Chemo-Glatze vorbei kommt und sagt: „Oh, wie praktisch, genau nach so etwas habe ich gesucht?“ Nein, das habe ich nicht gedacht und vor allem nicht gehofft.

Plötzlich habe ich große Lust, die Krebsbombe platzen zu lassen

Aber ich habe auch nicht damit gerechnet, dass diese beiden Haarteile, die für mich so eine große Bedeutung haben, für ein solches Ausmaß an hysterischer Belustigung sorgen würden. Inzwischen sind die beiden Perücken-Testerinnen dazu übergegangen, headbangenderweise aufeinander zuzuhopsen, „Final Countdown“ zu grölen und dabei Luftgitarre zu spielen. Das gibt bei mir nun wiederum ein paar Abzüge in der Sympathie-Note und ich habe plötzlich große Lust, die Krebsbombe platzen zu lassen: „Luftgitarre habe ich während der Chemo auch immer gespielt.“ Das sage ich natürlich nicht laut. Aber die Vorstellung wie die beiden Frauen dann schockiert mitten im Countdown einfrieren würden, lässt mich innerlich gehässig schmunzeln.

Die eigentlich Rothaarige zieht sich schnaufend die Perücke ab: „Boah, voll heiß dadrunter.“ Die eigentlich Blonde trocknet sich die Lachtränen und grinst mich an: „Ich hab mir fast in die Hose gepinkelt. Die Teile sind echt toll.“ Ich nicke mit einem gezwungenen Lächeln, das unbeabsichtigt die Kraft eines sofortigen Stimmungskillers besitzt. Die beiden Freundinnen merken, dass irgendetwas nicht stimmt. Sie sind ja nur ein bisschen blöd, nicht völlig. Betretene Stille, dann ein: „Na ja, dann wollen wir mal weiter.“ Sehr behutsam legen sie die Perücken in die Kartons zurück, als wären es zwei liebe Tierchen. Sofort mag ich die beiden Frauen wieder. Sie sagen nett „Tschüss“ zu mir und dann sind sie weg.

Vielleicht brauche ich doch etwas mehr Zeit ...

Ich atme einmal tief durch. Wahrscheinlich ist das jetzt so: Der Krebs liegt ja auch schon so lange zurück, dass man ihn mir nicht mehr ansieht. Das ist toll, großartig und wunderbar. Trotzdem brauche ich vielleicht doch noch etwas mehr Zeit als ich dachte.

Ich nehme die beiden Kartons vom Tisch und verstaue sie wieder in meiner Tasche. Ich will die Dinger nicht mehr haben. Aber ein Flohmarkt ist nicht der richtige Ort, um Erinnerungen dieser Art loszulassen. Hätte ich eigentlich auch vorher wissen können. Ich fühle mich dumm und allein. Und dann trifft mein Blick den der Frau am Stand schräg gegenüber. Die, die vorhin schon rüber geguckt hat. Sie lächelt wissend und nickt mir ermutigend zu. Ich verstehe, dass sie versteht. Überrascht lächle ich zurück. Dankbar, dass sie sich zu erkennen gibt.

Manchmal vergesse ich das: Ich bin nicht die einzige, die langsam Stück für Stück zurück ins Leben stolpern darf. Das macht es nicht weniger schwierig, aber in so einem Moment wie diesem trotzdem ein kleines bisschen leichter."

***

Dieser Text ist ein Gast-Beitrag von Catharina Junk, der Autorin des Romans "Auf Null".

Wie geht es nach dem Krebs weiter, wenn man eigentlich gesund aber noch von der Angst vor einem Rückfall gebremst ist? Der Roman von Catharina Junk befasst sich mit dieser Frage.
Inhalt: Gesund – aber nicht geheilt. Das ist Ninas Diagnose nach überstandener Leukämie. Für die Zwanzigjährige klingt das wie: Freu dich bloß nicht zu früh. Dann lernt Nina Erik kennen und ist schneller in ihn verliebt, als ihre Angst vor einem Rückfall es erlaubt. Aber wie soll Liebe funktionieren, wenn einem der Mut zum Leben fehlt? Wie geht es nach dem Krebs weiter, wenn man eigentlich gesund aber noch von der Angst vor einem Rückfall gebremst ist? Der Debütroman "Auf Null" von Catharina Junk vefasst sich auf lebensbejahende Weise mit dieser Frage. | Foto: Rowohlt Verlag
 

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