PsychologieNocebo-Effekt: Wie der Krankmacher wirkt und was dagegen hilft

Nocebo-Effekt: Wie er uns krank macht
Krankmacher Nocebo-Effekt: Das Gegenstück zum Placebo
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Inhalt
  1. Wo liegt der Unterschied zwischen Nocebo und Placebo?
  2. Wie funktioniert der Nocebo-Effekt?
  3. Wie kann ich mich vor dem Nocebo-Effekt schützen?
  4. Wer ist anfällig für den Nocebo-Effekt?

Der Nocebo-Effekt ist ein unsichtbarer Krankmacher: Er manipuliert unser Unterbewusstsein - und mit ihm unsere Gesundheit.

Wo liegt der Unterschied zwischen Nocebo und Placebo?

Wie das Placebo, ist auch ein Nocebo in erster Linie ein wirkstofffreies Präparat. Die Symptome, die ein Nocebo hervorruft, sind also ebenfalls psychosomatischer Natur.

Nocebo kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "ich werde schaden". Somit ist es in etwa das Gegenteil vom bekannteren Placebo ("ich werde gefallen"). Der Nocebo ruft eine negative - meistens körperliche - Reaktion im Menschen hervor - zumindest scheinbar. Placebos verursachen dagegen eine positive Veränderung im Menschen hervor (z.B. im Wohlbefinden).

Während Placebos oft in Studien zu Vergleichszwecken bewusst eingesetzt werden, handelt es sich bei Nocebos um eine unerwünschte Reaktion, die es zu vermeiden gilt. Deswegen ist der Nocebo-Effekt auch bei weitem nicht so bekannt wie sein Gegenstück.

Wie funktioniert der Nocebo-Effekt?

Die Ursache des Nocebo-Effekts, so nehmen Forscher zumindest an, liegt in der menschlichen Erwartungshaltung und der klassischen Konditionierung (etwa frühere negative Erfahrungen, Angst oder negative / skeptische Erwartungshaltung gegenüber dem Medikament oder dem Arzt).

Konkret heißt das: Wenn man den Beipackzettel eines Medikamentes liest, in dem steht, dass mögliche Nebenwirkungen Kopfschmerzen und Schwindel sind, bekommt man nach Einnahme des Medikaments eben jene Schmerzen.

Der Nocebo-Effekt kann sich auch in sichtbaren Symptomen äußern, wie eine Studie der University of California bewies: Die Probanden der Studie litten alle unter Lebensmittelallergien. Sie bekamen Injektionen mit Kochsalzlösung verabreicht - allerdings wurde ihnen gesagt, dass es Allergene wären. Ein Viertel der Probanden wiesen daraufhin allergische Reaktionen (z.B. auf der Haut) auf.

Neben Injektionen, wurde der Nocebo-Effekt in weiteren Studien mit Tabletten, Therapien, elektrischen Strömen und sogar Voodoo-Flüchen nachgewiesen. Kurz gesagt: Nocebo beruht auf unserer inneren Überzeugung einer (Neben-)Wirkung.

Den Nocebo-Effekt können sogar ganz banale Dinge auslösen. Wer ganz fest davon überzeugt ist, dass man davon krank wird, wenn man im Winter mit nassen Haaren die Wohnung verlässt, der wird es vermutlich auch. Während die Freundin, die vom Gegenteil überzeugt ist (etwa, dass nasse Haare im Winter das Immunsystem stärken - Placebo-Effekt), vermutlich nie davon krank wird.

Das gleiche gilt übrigens auch für die Inhaltsstoffe von Lebensmitteln. Wenn wir oft genug von den Symptomen einer Glutamat-Unverträglichkeit lesen oder hören, so glauben wir - wenn der Nocebo-Effekt zuschlägt - ebenfalls darunter zu leiden.  Dabei gibt es bis heute keinen eindeutigen Beleg dafür, dass Glutamat eine Überempfindlichkeit auslösen kann!

Wie kann ich mich vor dem Nocebo-Effekt schützen?

Das berühmteste Fallbeispiel des Nocebo-Effekts (veröffentlicht von der Fachzeitschrift General Hospital Psychiatry) ist wohl der von dem depressiven Derek Adams:

Als Derek von seiner Freundin verlassen wurde, versuchte er sich das Leben mit einer Überdosis Tabletten zu nehmen, indem er rund 30 Stück eines Medikamentes gegen Depressionen schluckte. Nach der Einnahme ging es ihm immer schlechter, er überlegt es sich anders, wollte doch am Leben bleiben, und rief den Notarzt, bevor er zusammenbrach. Im Krankenhaus wurde festgestellt, dass der 26-Jährige als Testperson an einer Studie teilnahm, die eben jene Tabletten testete, mit denen er sich vergiften wollte. Was Derek nicht wusste: Er gehörte zu jenem Teil der Testpersonen, die ein Placebo verabreicht bekamen, also wirkstofffreie Zuckertabletten. Sogar wenn er 100 Stück geschluckt hätte, würde er nicht daran sterben. Als die Ärzte in der Notaufnahme es herausfanden, teilten sie es Derek mit. Und als er es erfuhr, dauerte es keine 15 Minuten bis es ihm wieder gut ging.

Wer anfällig für den Nocebo-Effekt ist, für den kann es also bedrohlich werden - frei dem Motto: Glaube kann Berge versetzen. So können als Folge des Nocebo-Effekts entweder die schädlichen Nebenwirkungen auftreten oder das Medikament verliert seine Wirkung - was bei chronischen oder lebensbedrohlichen Krankheiten (Diabetes, Tumore etc.) verheerend sein kann.

Dann kann schon das aufmerksame Lesen eines Beipackzettels oder ein Gespräch mit dem Arzt krank machen. Was wirklich hilft:

  • Die Nebenwirkungen im Beipackzettel gar nicht erst durchlesen. Die Liste der Nebenwirkungen auf dem Beipackzettel sind ohnehin in erster Linie für den Hersteller von Nutzen, der sie aus haftungsrechtlichen Gründen beifügen muss. Wer auf das Lesen des Beipackzettels nicht verzichten möchte, sollte sich immer die Relation der angegebenen Nebenwirkungen vor Augen führen: "sehr selten" bedeutet etwa, dass weniger als einer von 10.000 Testpersonen diese Nebenwirkungen erlitten. Und "selten" heißt, dass einer (oder etwas mehr als einer) von 10.000 Testpersonen von dieser Nebenwirkung betroffen war. Also: Die Wahrscheinlichkeit, dass gerade man selbst diese Symptome erleidet, ist sehr, sehr gering!
  • Die Worte des Arztes nicht auf die Goldwaage legen. Wenn der Arzt sagt, dass die verschriebene Arznei "zu Kopfschmerzen und Übelkeit" führen kann, versuch es zu ignorieren. Bitte deinen Arzt, dass er in Zukunft Nebenwirkungen nur dann erwähnt, wenn sie unumgänglich sind, Doppeldeutigkeiten (etwa ein "Wir machen Sie gleich fertig!" vor einer Operation) oder Verunsicherungen ("Diese Salbe könnte vielleicht helfen.") in seinen Formulierungen vermeidet.
  • Sich der Existenz des Nocebo-Effekts bewusst sein. Wie im oben angeführten Fallbeispiel kann schon das Wissen helfen, einen Nocebo-Effekt wirkungslos zu machen.
  • Noch genauer nachfragen und Informationen vom Arzt oder Apotheker einholen. Wenn man von einer Nebenwirkung auf der Packungsbeilage verunsichert ist oder sie einen verängstigt, kann man etwa den Arzt oder Apotheker fragen (nicht umsonst heißt es "Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker."), ob es Grund zur Sorge ist und ihm schon solche Fälle untergekommen sind. Ein "Ich arbeite schon seit x Jahre hier und habe es noch nicht erlebt" kann jeglichen Nocebo-Effekt zunichtemachen.
  • Die negativen Gedanken beiseiteschieben und sich positivem Zuwenden. Einige Ärzte und Psychotherapeuten raten beispielsweise dazu, in die optimistische Richtung zu recherchieren, etwa über Patienten lesen, die die gleiche Krankheit gut überstanden haben oder Freunde und Verwandte fragen, wie gut sie das Medikament vertragen haben.
  • Beschäftigen sie sich mehr mit dem Placebo-Effekt. Die feste Überzeugung, dass das Medikament einwandfrei und schnell wirkt, kann dazu führen, dass es tatsächlich so ist.

Wer ist anfällig für den Nocebo-Effekt?

Untersuchungen zufolge sind Frauen häufiger vom Nocebo-Effekt betroffen als Männer.

Für beide Geschlechter gilt: Wer

  • pessimistisch ist und / oder eine negative Lebenseinstellung hat
  • unter Ängsten oder Depressionen leidet
  • zu Grübeleien neigt und Schwierigkeiten damit hat, zu entspannen und abzuschalten
  • schon einmal schlechte Erfahrungen mit dem Medikament oder der Situation gemacht hat
  • seiner körperlichen Gesundheit kritisch gegenüber steht

ist anfälliger für den Nocebo-Effekt.

 

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