Offene Beziehung: Treu – ein Leben lang?!

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Ein Gedanke bringt viele Paare ins Grübeln, die schon lange zusammen sind: Schafft man es wirklich, für immer treu zu sein?
Foto: Neil Guegan/Corbis

Viele Paare sprechen offen über einen möglichen Seitensprung

"Was, wenn einer von uns in fünf oder zehn Jahren fremdgeht?" Über eine offene Beziehung sprechen heute immer mehr Paare ganz selbstverständlich. Vom neuen Umgang mit einer möglichen Äffäre.

Vertrauen, Nähe und Verbundenheit wachsen in einer Beziehung von Jahr zu Jahr. Das schweißt ein Paar zusammen. Aber leider wächst etwas anderes nicht automatisch mit: die Lust, miteinander ins Bett zu hüpfen.

Wenn von der Leidenschaft aber irgendwann nur noch das gemeinsame Kuscheln auf dem Sofa übrig bleibt , überfällt uns schon die Sehnsucht, sich mal wieder komplett in der Lust zu verlieren. Man wird ihn dann gar nicht mehr los, den Wunsch nach mehr Aufregung . Mehr Atemlosigkeit. Und mehr Abwechslung. Denn ganz ehrlich: Oft sehnt man sich gar nicht (nur) nach mehr Sex mit dem vertrauten Partner. Man will auch mal wieder fremde Haut spüren. Eine Hand, von der man nicht schon erahnt, wohin sie sich auf den Weg machen wird. Man denkt also nach über ... eine Affäre. Oder gleich eine offene Beziehung? Immer mehr Paare tun das heute schon in glücklichen Zeiten: Sie sprechen vorsorglich darüber, wie es gelingen könnte, einander einen Seitensprung zu gestatten, ohne die Liebe zueinander zu verlieren. Total unromantisch? Eigentlich unmöglich? Vielleicht einfach nur erwachsen. Es ist schließlich ganz schön naiv, zu glauben, man werde später mal das einzige Paar auf der ganzen Welt sein, das nicht von solchen Sehnsüchten geplagt sein wird. Es geht ja gar nicht um einen Freibrief fürs ständige Fremdgehen – es geht nur darum, nicht gleich auszuflippen und die Beziehung zu beenden, wenn man mal ... Kann das klappen? Oder handelt man sich mit diesem Deal früher oder später doch seelische Verletzungen ein, die auch die größte Liebe irgendwann zerplatzen lassen wie einen Luftballon?

Paarcoach und Diplom-Theologe Ferdinand Krieg meint dazu: "Es hilft tatsächlich, offen miteinander über diese Gefühle zu sprechen. Geht einer von beiden fremd, entsteht der größte Vertrauensverlust nämlich meist dadurch, dass ein Seitensprung verschwiegen wurde. Oft wiegt das schwerer, als der Sex mit jemand anderem."

Wer mehr Freiheit verlangt, muss sie auch dem Partner zugestehen

Aber wie verabredet man so eine Fremdgeh-Erlaubnis oder im Nachhinein eine offene Beziehung? Setzt man sich zusammen an den Küchentisch und bespricht bei einer Tasse Kaffee, dass man vielleicht am kommenden Dienstag nicht zu Hause schlafen wird? Und andersherum: Will man überhaupt wissen, wann genau der Partner Sex mit jemand anderem (wem überhaupt???) haben will - oder schon hatte? Vielleicht flimmert dann ja gleich das Kopfkino los, er mit der anderen im Bett, dann macht sie ..., dann macht er ...

Nein, so kann das nicht gutgehen! Oder doch? Wichtig ist in jedem Fall, dass man sich auch über diese Spielregeln vorab mit dem Partner verständigt. Und dass dann beide Seiten hinter dieser Absprache stehen - sonst kostet der Ausflug in ein fremdes Bett garantiert einen hohen Preis.

Aber auch wenn man diese Dinge rechtzeitig geklärt hat, gibt es keine Garantie, dass so ein Abenteuer oder eine offene Beziehung gut ausgeht. Vielleicht steckt man die Folgen der eigenen Toleranz ja doch nicht so locker weg, wie man dachte. Auch in einer ganz vertrauten Beziehung könnten dann plötzlich Misstrauen und Sprachlosigkeit regieren. Weil man Nacht für Nacht daran denkt, dass man für den anderen jetzt vielleicht nicht mehr einzigartig ist. Weil man plötzlich zu dritt das teilt, was früher exklusiv für zwei war: das Wissen darüber, wie der andere atmet, riecht, sich bewegt, wenn die sexuelle Ekstase ihn davonträgt.

Andrerseits ... sollte man nicht lernen können, sich vom eigenen Stolz, vom Besitzdenken, von allen auftauchenden (Selbst-)Zweifeln zu verabschieden? "Jeder tickt da anders", erklärt Paarberater Ferdinand Krieg. "Eine Garantie für das Gelingen des offenen Umgangs mit einem Seitensprung gibt es nie."

Was ist also die Lösung? Noch vor 50 Jahren hätte man seine Gefühle einfach unter den Teppich gekehrt und nie offen über sexuelle Sehnsüchte gesprochen. Und vermutlich einfach keinen Sex mehr gehabt. Aber möchte man das – später als Wir-sind-nur-noch-gute-Freunde-Paar mit einem quälenden Geheimnis dastehen, nur weil man nicht mutig genug war, etwas Neues zu wagen?

71 % der Deutschen glauben, dass die Zahl der offenen Beziehung zunehmen wird

Eine Studie des Göttinger Psychologen Ragnar Beer ergab etwas, das vielleicht ein Trost sein kann: Überraschend viele "Fremdgeher", nämlich mehr als 80 Prozent, liebten ihre Partner über alles und bei ihrem Seitensprung ging es ausschließlich um Sex. Alles, was ein Paar sonst noch zusammenschmiedet, bekam also keinen Kratzer ab.

Und wer weiß ... Vielleicht genügt ja auch schon das Gespräch über diese Fremdgeh-Option. Weil man dem anderen damit zeigt, dass es für einen selbst nichts Wichtigeres auf der Welt gibt, als dass der andere glücklich ist. Vielleicht, vielleicht, vielleicht - lösen beide dann diese Seitensprung-Erlaubnis niemals ein.

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