Osteoporose - die unterschätzte Volkskrankheit

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Dr. Jutta Semler
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Experten-Interview

Der WUNDERWEIB-Experte für Osteoporose: Dr. Jutta Semler

Dr. Jutta Semler ist Medizinische Direktorin des IWHC Zentrum für Prävention und Gesundheitsförderung der Abteilung Stoffwechselerkrankungen mit Schwerpunkt Osteologie des Immanuel-Krankenhauses in Berlin-Wannsee.

Im großen WUNDERWEIB-Interview erklärt die Expertin die typischen Merkmale von Osteoporose, spricht über die aktuelle Situation im Hinblick auf Diagnose und Therapie in Deutschland und spricht über den Grund, warum die Zahl der Osteoporose-Kranken steigt.

Außerdem gibt sie hilfreiche Tipps zur Vorbeugung von Osteoporose und darüber, wie man sein persönliches Risiko und erste Alarmsignale erkennt.

Osteoporose gilt als unterschätzte Volkskrankheit. Was bedeutet das eigentlich?

Dr. Semler: Eine Volkskrankheit ist eine Krankheit, die mehrere Millionen Menschen betrifft. Bislang haben Experten angenommen, dass etwa vier bis sechs Millionen Deutsche an Osteoporose leiden. Doch erst unlängst hat die BoneEVA-Studie gezeigt, dass wir von knapp acht Millionen Erkrankten ausgehen müssen.

Was sind die typischen Merkmale der Erkrankung?

Dr. Semler: Zunächst merkt der Betroffene gar nichts, denn die Krankheit verläuft weitgehend stumm. Auch die Geschwindigkeit, mit der die Erkrankung fortschreitet, ist sehr unterschiedlich. Erste Anzeichen können ein Rundrücken und eine deutliche Abnahme der Körpergröße von mehr als 4 cm sein. Mit einem Knochenbruch können dann auch Schmerzen auftreten. Allerdings haben nur 4,3 Prozent der knapp acht Millionen Betroffenen osteoporotische Brüche wie Wirbelkörper- oder Oberschenkelhalsbrüche. Damit es erst gar nicht zum Bruch kommt, ist eine gezielte Kontrolle bei Risikogruppen wie Menschen über 70, extrem schlanken Frauen nach den Wechseljahren, Kortison-Patienten und Raucherinnen unerlässlich.

Zuweilen heißt es, dass Osteoporose tödlich sein kann – wie ist das zu verstehen?

Dr. Semler: Ein Rundrücken wirkt sich beispielsweise auf die Lunge aus. Sie wird ganz klein und ist nicht zuletzt durch die Schmerzen bei der Atmung schlecht belüftet, so dass sich leicht eine Lungenentzündung einstellt, an der die Patienten sterben können. Ein Oberschenkelhalsbruch, der eine lange Bettlägerigkeit nach sich zieht, kann zu einer Fettembolie oder einer tödlichen Thrombose führen. Die lange Lagerung im Bett führt zudem zu Dekubitus (Wundliegen), der eine Blutvergiftung oder eine Lungenentzündung nach sich ziehen kann.

Wie sieht die aktuelle Situation im Hinblick auf Diagnose und Therapie in Deutschland aus?

Dr. Semler: Wie die BoneEVA-Studie zeigt, bekommen in Deutschland lediglich 22 Prozent der Betroffenen überhaupt eine Osteoporose-Therapie. Als Goldstandard einer zeitgemäßen Behandlung gelten in Kombination mit Vitamin D und Calcium gegebene Bisphosphonate, die lediglich zehn Prozent der Erkrankten erhalten. Das Erschreckende ist jedoch, dass über 90 Prozent der Patienten eine reine Schmerztherapie verordnet wird, bei der das Grundleiden unbehandelt bleibt. Die Schmerzbehandlung mit Morphinen ist sehr kostspielig und geht zudem mit Nebenwirkungen einher. Eine moderne Osteoporose-Therapie macht diese Schmerztherapeutika hingegen nach kurzer Zeit oft überflüssig.

Woran liegt es, dass die Zahl der Osteoporose-Kranken steigt, und wer ist betroffen?

Dr. Semler: Ob die Zahl der Betroffenen tatsächlich steigt, ist fraglich. Fest steht lediglich, dass die Aufmerksamkeit, die die Krankheit erregt, zunimmt. Grundsätzlich spricht die demographische Entwicklung allerdings für eine Steigerung. So soll sich die Zahl der Betroffenen bis 2050 nahezu verdoppeln. Betroffen sind vor allem Frauen nach den Wechseljahren, ältere Menschen, extrem schlanke Frauen, Patienten mit Schilddrüsenüberfunktion oder einer chronischen Darmentzündung und auch solche, die eine Kortisonbehandlung erhalten, sowie Diabetiker und Raucherinnen.

Wie erkennt man sein persönliches Risiko und erste Alarmsignale?

Dr. Semler: Man sollte zunächst überlegen, ob man zu den bereits benannten Risikogruppen gehört. Auch die Frage, ob Vater oder Mutter in der Vergangenheit einen Oberschenkelhalsbruch erlitten haben, gibt Aufschluss über das eigene Risiko. Mit fortschreitendem Alter sollte man darauf achten, ob man gravierend an Körpergröße verliert.

Wie kann man vorbeugen?

Dr. Semler: ist eine knochengesunde Lebensweise angezeigt. Dazu gehört neben dem Verzicht auf Zigaretten und übermäßigen Alkoholkonsum eine ausreichende Aufnahme von Calcium mit der Nahrung. Als Calciumlieferanten sollten nicht nur Milch und Milchprodukte konsumiert werden, sondern eine bunte Kostform mit viel Gemüse und Obst sowie calciumreichem Mineralwasser. Empfehlenswert ist letztlich eine mediterrane Kost mit viel Fisch. Ebenso wichtig ist eine regelmäßige körperliche Bewegung, die Koordination und Balance schult und für den Muskelaufbau sorgt. Thai Chi, Nordic Walking und Tanzen können je nach Konstitution passende Sportarten sein, mit denen man in jedem Alter anfangen kann.

Wann muss man gegen Knochenschwund aktiv werden?

Dr. Semler: Sowie man feststellt, dass man zu einer Risikogruppe gehört – letztlich also lebenslang. Die Knochendichte kann nämlich bei Frauen auch plötzlich in der Schwangerschaft abnehmen. Männer, die in jungen Jahren sehr viel Alkohol konsumiert haben, bringen ebenfalls ein gewisses Krankheitsrisiko mit. In allen Risikofällen ist eine gezielte Kontrolle unerlässlich. Denn mit modernen Osteoporosetherapeutika wie Bisphosphonaten lassen sich Brüche effektiv verhindern. Das ist auch im Hinblick auf die Kosten sinnvoll: Eine vernünftige Osteo-Therapie kostet etwa 650 Euro im Jahr – ein Oberschenkelhalsbruch etwa 10.000 Euro.

Wie sieht eine moderne, wissenschaftlich belegte Dauerbehandlung aus?

Dr. Semler: Dabei sollte es sich um eine individuell maßgeschneiderte Therapie handeln, die alle Möglichkeiten einer wissenschaftlich gesicherten Medikation mit modernen Bisphosphonaten oder anderen Medikationen, ausnutzt und eine Basistherapie aus Vitamin D, Calcium und Bewegung beinhaltet. Hilfreich ist u. a. die Fixkombination Fosavance, die die notwendige Wochendosis an Vitamin D bereits enthält.

Welche Rolle spielt Calcium in der Therapie und warum ist vor allem die Einnahme von Vitamin D so wichtig?

Dr. Semler: Calcium ist ein unverzichtbarer Knochenbaustein. Doch erst Vitamin D macht es möglich, dass Calcium in die Knochen eingebaut werden kann. Zudem hilft das Vitamin, Stürze zu verhindern, und stärkt die Muskelkraft. Normalerweise wird Vitamin D bei Sonneneinstrahlung (UV-Licht) in der Haut gebildet. Doch mit fortschreitendem Alter nimmt die Fähigkeit zur Vitamin-D-Synthese ab, so dass bei Osteoporose-Patienten die Vitamin-D-Versorgung medikamentös sichergestellt werden muss.

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