Paddeln wie Gott in Frankreich

paddeln wie gott in frankreich

Reise

An traumhaften Schlössern vorbei schlängelt sich die Dordogne mitten durch Frankreichs Schlemmerparadies. SHAPE-Autorin Tina Engler entdeckte den idealen Weg durch die romantisch-kulinarische Verführung: morgens rudern, abends genießen

Brrrr, ist das kalt!" Ich stoße einen spitzen Schrei aus, als ich durchs knietiefe Wasser der Dordogne beim Örtchen Vitrac zu meinem Boot wate, einem Einer-Wanderkanu aus robustem Kunststoff. Tour-Guide Gomez, Chilene und der Liebe wegen in Südfrankreich gestrandet, will uns mit unserem Transportmittel für die nächsten fünf Tage vertraut machen. Schon das Hineinsteigen ist schwierig, denn das Ding ist viel kippeliger, als es aussieht, und die Strömung des Flusses macht es schwer, das Boot zu halten. Zum Glück geht es den acht Anderen ähnlich - eine bunte Truppe aus Italienern, Schweizern und Franzosen. Und kaum im Boot müssen wir wieder raus, denn Gomez hat versäumt, uns die Sicherheitswesten anzulegen. "Die Dordogne ist tückisch, ein richtiger Wildwasserfluss mit starker Strömung und ein paar kleineren Stromschnellen", erklärt er in seinem Mix aus Englisch und Französisch. "Wenn ihr reinfallt und abtreibt, wird's gefährlich." Dabei hatte ich doch gelesen, der 490 Kilometer lange Fluss sei gerade ideal für Einsteiger. Gomez beruhigt: "Wenn ihr euch an die Regeln haltet, kann nichts passieren!"

Beherzt greifen wir zu den Westen. Nachdem jeder ein Paddel in passender Länge (im Stehen schulterhoch) gewählt hat, geht es erneut ins Wasser und wir lernen das richtige Paddeln. Nach 30 Minuten klappt es mit den gleichmäßigen Schlägen und Gomez grinst schelmisch: "Bevor wir morgen los- fahren, müsst ihr noch Kentern üben" - und das bei 17 Grad Wassertemperatur! Reihum bringt Gomez unsere Kanus zum Kippen und verlangt: "Springt raus, ehe das Boot mit Wasser vollläuft." Eine echte Herausforderung, denn instinktiv will ich mich viel lieber festklammern, doch nach ein paar Versuchen klappt es. Zum Wiedereinsteigen muss ich an die Seite schwimmen und mich an der Mitte des Bootes mit beiden Händen festhalten. Um Schwung zu bekommen, tauche ich mit dem Körper etwas tiefer ein und ziehe mich dann mit durchgestreckten Beinen ins Boot. "Häng dich rüber wie ein Kartoffelsack", ermuntert mich Gomez, der mein Bemühen beobachtet. Irgendwann habe ich den Schwung raus.Nach dem Training sind wir pitschnass und wechseln schnell die Klamotten. Zum Aufwärmen bringt uns Etienne, der Wirt der zum Kanuverleih gehörenden "Loisirs Bar", eine Perrier-Flasche. "L'Eau de Vie", ruft er grinsend, und prompt entpuppt sich das Wasser des Lebens als hochprozentiger Schnaps. Danach zaubert er Leckereien auf den Tisch: Chèvre Chaud, gebackener Ziegenkäse, und Foie Gras. Die Gänsestopfleber zum warmen Baguette schmeckt köstlich. Kein Wunder, die Region Perigord, in der auch unsere Ausgangsbasis Vitrac liegt, gilt als das Schlemmerparadies Frankreichs. Wir fangen schon an, Kalorien zu zählen, doch Gomez beruhigt uns: "Paddeln ist ein Ganzkörper-Workout, bei dem all eure Muskeln trainiert werden und ihr viele Kalorien verbrennt." Gut gesättigt fahren wir mit Bernie, dem Besitzer von "Canoës Loisirs", einem von über 50 Kanuverleihern der Region, ins fünf Kilometer entfernte Carsac, wo uns im Hotel "La Villa Romaine" noch einmal gemütliche Betten erwarten.

Kleidertonne mit Trockengarantie Mit dem ersten Hahnenschrei um sechs Uhr bin ich wach. Schnell in den Zen-Garten, Morgennebel liegt über dem Fluss, ein herrlicher Ort für mein kleines Yogaprogramm. Zum Frühstück gesellt sich Gomez zu uns und wir besprechen die Route. Rund 110 Kilometer auf dem Wasserweg liegen vor uns, immer flussabwärts, von Vitrac bis Lalinde. Im Auto wäre die Strecke in zwei Stunden zu bewältigen, doch mit dem Kanu werden wir Tagesetappen von 15-20 Kilometern zurücklegen, damit genügend Zeit bleibt, um die Umgebung zu erkunden. Für die fünf Tage packen wir nur das Nötigste ein. Jeder bekommt eine wasserfeste Tonne, um sein Gepäck zu verstauen. Ich stopfe meine so voll, dass sich das Gewinde kaum schließen lässt - den anderen Mädels geht es genauso. Zelte und Schlafsäcke haben Gomez und Bernie schon in den Begleitbooten untergebracht. Bepackt fährt uns Bernie zur Kanubasis, wir verschnüren unsere Tonnen an den Kanus, um sie beim Kentern nicht zu verlieren. Etwas nervös sind wir schon, als wir unsere Boote zu Wasser lassen.
Burgen, Schlösser, Brasserien Wir gleiten auf sanften Wellen mit der Strömung, müssen jedoch an einigen Stellen hart arbeiten, um nicht ans Ufer gedrängt zu werden. Anfangs muss sich jeder voll aufs Manövrieren konzentrieren, doch nach und nach können wir dabei auch die überwältigende Naturkulisse genie- ßen. Die Dordogne ist das Land der Burgen und Schlös- ser, hinter jeder Biegung lauert eine Überraschung - und der Fluss schlängelt sich in vielen Schlaufen durch eine wie verzaubert wirkende Landschaft. Wuchtige Trutz-burgen ragen aus steilen Felsmauern hervor, Inselchen liegen im Fluss und überall wuchert üppiges Grün. Die Sonne brennt bei 30 Grad, da hilft nur ab und zu der freiwillige Sprung ins kühle Nass. Vorbei an Grotten und Höhlen, Maisfeldern, Gänsefarmen, Kiesstränden und Bauernhöfen führt die Route. Entlang des Ufers liegen viele schöne Campingplätze und man kann anhalten, wo man will.

Unsere Tagesstrecken planen wir je nach Lust und Laune. Meist erreichen wir spätmittags unser Tagesziel, den Hunger stillen wir in einem der Bistros oder in einer Brasserie am Flussufer, kaufen auf den Märkten Frisches fürs Picknick und zum Grillen. Nach dem Einchecken und Zelt aufbauen geht's dann zum Sightseeing - und zu sehen ist hier immer was. Die Szenerie in den malerischen Dörfern und mittelalterlichen Städtchen erinnert an wunderschöne Filme wie "Chocolat". Domme, ein Dorf 30 km nach Tourstart, beeindruckt mit seinen Befestigungsanlagen und thront wie ein Adlernest auf dem Fels. Enge, gewundene Gassen führen durch den Ort. Von Cénac auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses starten wir mit vom Verleih vorbereiteten Bikes eine Tour ins zehn Kilometer entfernte Sarlat. Wir strampeln über Landstraßen, vorbei an Sonnenblumenfeldern und Schafherden, bis wir das lebhafte Städtchen erreichen. Es wirkt wie ein riesiges Open-Air-Museum, mit seinen mittelalterlichen Häusern, die golden in der Sonne glänzen. Maler und Schmuckverkäufer haben Hochsaison, und auf dem Place de la Liberté ist kein Tisch mehr zu haben. Wir stärken uns auf der Altstadtmauer mit Rotwein und frischem Baguette, unserem typischen Mahl für den kleinen Nachmittags-Appetit.

Sicher über Stromschnellen Die Tage vergehen zwischen Wanderungen, Ausritten, Mountainbike-Touren und Besichtigungen viel zu schnell, der Muskelkater der ersten Etappen legt sich, das Paddeln fällt zusehends leichter. Inzwischen traue ich mich sogar, durch die kleinen Stromschnellen zu fahren. Ein Gefühl wie in einer Wildwasserbahn, nur bin ich hier diejenige, die das Ruder in der Hand hat! Flussabwärts entdecken wir immer wieder Neues: In La Roque- Gageac kleben die Häuser wie Bienenwaben an den Felsen, und in den tropischen Gärten am Hang wachsen Früchte, sogar Bananen. Nur eine Flussbiegung weiter lässt die gewaltige Festung des Chateau de Castelnaud mit ihrer Ausstellung von Folterwerkzeugen das Mittelalter wieder aufleben, und zehn Ruderminuten später entdecken wir das Chateau Les Milandes, in dem Revuestar Josephine Baker in den 20ern ihr berühmtes Waisenheim errichtete. Die Zeitreise geht weiter, Zeugnisse der Vergangenheit finden sich hinter jeder Kurve. So viele Eindrücke machen müde, daher lassen wir die Tage gern am Lagerfeuer ausklingen.
Austern zum Frühstück Während die Anderen bis zum Endziel Lalinde weiterfahren, gönne ich mir eine Extratour und steige in Trémolat aus. Ich will eine Nacht im Lieblingshotel von Skandalautor Henry Miller verbringen. Das Herrenhaus "Le Vieux Logis" liegt in einem verwunschenen Garten und es tut gut, einige Stunden nur für sich zu haben. Am nächsten Morgen holt mich die Gruppe ab und Gomez bringt uns zum Parkplatz in Vitrac zurück. Nach tränenreichem Abschied sitze ich im Auto zurück nach Bordeaux. Denn bevor ich wieder nachhause fliege, möchte ich nach so viel Natur etwas Luxus. Ich quartiere mich im "Chateau Le Mirambeau" ein, vor den Toren der Stadt, und habe noch 2 Tage Urlaub, um die UNESCO-geschützte Altstadt zu erkunden.

Frühmorgens breche ich auf, miete ein Fahrrad und radle für ein Doppel-Frühstück direkt zum St.-Michel-Markt: Knusprige Croissants und ein Café au Lait, dann am späten Vormittag frische Austern mit einem Glas Weißwein - besser kann kein Tag beginnen. Mein Weg führt durch kleine, kopfsteingepflasterte Gassen, vorbei an aufwändig restaurierten Häusern des 18. Jahrhunderts in die Rue St. Catherine, die Straße der 1.000 Boutiquen. Weiter geht es Richtung Garonne, über die berühmte Pont de Pierre und zurück, um in den Buchlädchen und Galerien am Place Gambetta zu stöbern. Auf der Dachterrasse des Museums CAPC genieße ich die Abendsonne, tanze später in den Clubs der restaurierten Kai-Anlagen in den Morgen. Mein letzter Blick vom Glockenturm Pey-Berland geht zur Garonne. Die fließt etwas weiter nördlich in die Dordogne - ich ahne, wohin mich die nächste Paddeltour führen wird. Allez! Hier sind Frankreichs beste Sport-Hotspots