Patchwork-ChaosVon Halbgeschwistern, Expartnern und neuen Lieben

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Die Roman-Autorin Anneke Mohn lebt mit ihrer Familie in Hamburg und hat selbst schon ganz schön viel Patchworkerfahrung.
Foto: Anneke Mohn

"Es klingt immer, als würde ich meine Männer wie Handtaschen wechseln!"

Die Hamburger Roman-Autorin Anneke Mohn liebt ihre Patchwork-Familie. Aber die verwirrenden Familien-Konstellationen sorgen auch immer wieder für herrlich peinliche Momente. Zwei davon schildert sie hier exklusiv für Wunderweib.de.

"Vor ein paar Jahren im Italien-Urlaub. Ich hatte es mir gerade mit einem Buch in einem der letzten freien Liegestühle am Pool bequem gemacht, neben mir mein damals noch ziemlich neuer Freund, als ich meine neunjährige Tochter rufen höre: „Ich hab auch eine Halbschwester!“ Sie schließt im Wasser gerade Freundschaft mit einem etwa gleichaltrigen Mädchen, und da der Pool relativ leer ist, ist ihr Gespräch für alle Umsitzenden bestens zu verstehen. „Und drei Halbbrüder“, fügt sie stolz hinzu.

Das andere Mädchen blickt sich um, deutet auf ein paar Jungs auf der Wiese und fragt, ob es die wären.

„Nee, meine Brüder sind schon groß. Mein Vater war schon zwei Mal verheiratet und mein großer Bruder hat selbst schon Kinder. Die sind älter als ich. Ich bin also schon als Tante zur Welt gekommen.“

Stille.

Ich halte mir das Buch etwas dichter vors Gesicht und überlege, wie ich der Situation unauffällig entfliehen könnte. Ich finde diese große, bunte Familie selbst toll und bereichernd, nicht nur für meine Tochter. Aber wenn es nach mir ginge, müssten nicht unbedingt sämtliche Gäste der Ferienanlage über alle Details informiert werden.

Äh, das war jetzt noch mal ...?

Das andere Mädchen schweigt immer noch, vermutlich leicht überfordert. Selbst meine an sich gut informierten Freundinnen müssen ab und zu nachfragen, wenn ich etwas erzähle: Äh, das war jetzt noch mal ...? Wer ein Paar ist oder war, zu wem welches Kind gehört, wie alles genau zusammenhängt – das erklärt sich in Patchworkfamilien nicht von selbst.

„Ist dein Vater auch hier?“, fragt das Mädchen im Pool jetzt. „Nein. Das da neben meiner Mutter ist ihr neuer Freund.“

Mein Freund grinst mich hinter seiner Zeitung an, ich rutsche noch etwas tiefer in meinen Liegestuhl. Das klingt ja nun wirklich, als würde ich die Männer wechseln wie die Handtaschen, dabei war ich bis vor kurzem Single und vorher viele Jahre lang mit dem Vater meiner Tochter zusammen.

Ich überlege gerade, aufzustehen und das den anwesenden Urlaubern einfach zu erläutern, da taucht hinter meinem Buch eine Frau auf und streckt mir lächelnd die Hand entgegen. „Hallo, ich bin Christine, die Mutter von Emilia.“ Sie deutet mit dem Kinn Richtung Pool. Ebenfalls Hamburger, wie sich herausstellt, und ebenfalls eine Patchworkfamilie, mit der wir seitdem befreundet sind. Auch deswegen, weil sie so gut verstehen, dass in solchen Familien Gefühlslagen, Zeitplanung und Ferienkoordination meist noch ein bisschen chaotischer und komplizierter sind als in „normalen Familien“.

Ein Jahr später sitze ich mit meiner Tochter in dem Gymnasium, auf das sie gerne gehen möchte. Es kommt mir eher wie eine Bewerbung vor als wie eine Anmeldung, denn die Aufnahmebedingungen sollen streng sein. Wir warten lange inmitten sehr vieler Zehnjähriger, fast alle anderen haben Mutter und Vater dabei. Schließlich werden wir aufgerufen und sitzen der gestrengen Rektorin gegenüber – Burberry-Rock, Perlenkette, durchdringender Blick.

Meine Tochter ist bester Laune, während ich mich fühle, als wäre ich in einer Prüfung. Die Dame beginnt mit den Formalitäten: Adresse, Eltern, Geschwister. Der Nachname kommt ihr bekannt vor, ein zwei Jahre älteres Mädchen auf der Schule hat denselben – eine Schwester? „Nein, meine Nichte“, sagt meine Tochter selbstbewusst. Die Rektorin guckt erstaunt. „Moment! Jetzt mal von vorn ...“

Plötzlich fängt sie an, einen Stammbaum zu zeichnen

Meine Tochter fasst zusammen, aber die Dame will es ganz genau wissen. Sie dreht ihr Formular um und beginnt etwas zu zeichnen. Ich recke den Hals. Das wird jetzt aber kein Stammbaum, oder? Doch, wird es. Während ich mich noch hilflos frage, ob das nicht unter Datenschutz fällt, hakt sie investigativ nach: „Also, aus erster Ehe hat dein Vater zwei Kinder ...?“

Als endlich auch die allerletzte Frage geklärt ist, nickt die Rektorin sachlich. „Na... aber ihr scheint euch ja alle gut zu verstehen. Das ist ja die Hauptsache.“

Meine Tochter strahlt, und auch ich finde: Da hat sie recht. Ich hoffe trotzdem, dass wir nun das Thema wechseln. Nicht, dass als nächstes meine Trennung von ihrem Vater auf der Tagesordnung steht, über die die Dame ja noch gar nicht unterrichtet ist. Vermutlich ließen sich Gründe und Hintergründe auch sehr schön in einem Schaubild festhalten.

Aber dazu kam es dann nicht. Den Platz an der Schule haben wir bekommen, und die Rektorin stellte sich noch als sehr freundliche Frau heraus. Sie ist mittlerweile pensioniert. Der Stammbaum allerdings dürfte bis heute in der Akte meiner Tochter liegen.

***

Noch viel mehr lustiges Patchwork-Leben gibt es in Anneke Mohns neuestem Roman "Unter einem Dach - Familie ist nichts für Feiglinge!" zu lesen!

Die Story: Dana liebt ihren Job an der Uni, das Leben im Hamburger Grindelviertel - und Mattis. Dass ihr neuer Freund drei Kinder aus früheren Beziehungen hat, macht ihr nicht viel aus. Aber das Zusammenleben gestaltet sich weitaus komplizierter als gedacht. Als Mattis eine renovierungsbedürftige Villa am Hamburger Stadtrand kauft und kurz darauf Maren, seine Ex, vorübergehend mit ihren beiden Kindern bei ihnen einzieht, ist es mit der Harmonie vorbei ...

Verlag rororo | ISBN: 978-3-499-27197-7

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