Phänomen Blog: Bloggst du noch, oder lebst du schon?

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"Je mehr im Leben los ist, desto weniger passiert auf dem Blog"
Foto: Michael Patrick O'Leary/Corbis

"Früher hatte man ein Tagebuch, heute ist es ein Blog."

Was man früher dem Tagebuch anvertraute, postet man heute auf seinem Blog. Das kann spannend sein, auch mal nützlich - oder saulangweilig. Jedenfalls dann, wenn Leute mehr schreiben als erleben

Es fühlt sich irgendwie an wie früher, wenn ich meine Hausaufgaben vergessen hatte. Was sage ich meiner Freundin Sara bloß, wenn sie mir gleich beim Wein gegenübersitzt und wissen will, wie mir denn der Eintrag zu ihren Wimpern-Extensions gefällt, den selbst genähten Haarbändern im Heidi-Look oder was auch immer sie diese Woche gepostet hat? Dass ich es einfach nicht geschafft hab? Der Server abgestürzt ist? Oder die Wahrheit: dass ich ihr Blog in etwa so spannend finde wie ein Uni-Seminar über die feministische Interpretationsebene von "Alien III"? Und ich mich manchmal heimlich frage: Wie wichtig muss man sich selbst nehmen, um jeden Brötchenkauf online zu stellen?

Es ist gut, dass es Blogs gibt, völlig klar. Dass jeder eine Plattform hat, um sich zu Missständen kritisch zu äußern. Menschen von Orten berichten können, zu denen Journalisten vielleicht keinen Zugang haben. Es macht auch Spaß, alltägliche Beobachtungen mit anderen zu teilen. Das können Kleinigkeiten sein, mit ganz individuellem Nutzen. Aha, in Osaka trägt man jetzt also Ballettschuhe mit bunten Netzstrumpfhosen - könnte ja sein, dass man gerade nach einer abgefahrenen Outfit-Idee gesucht hat. Und diese Band aus der kanadischen Pampa, von der noch keiner was gehört hat, sollte man sich auch schon mal anhören, die wird wohl das nächste große Ding. Super. Aber was im Leben meiner Freundin los ist, möchte ich von ihr persönlich erfahren, nicht irgendwo im Internet nachverfolgen müssen. Überhaupt: Würde man ein richtig tolles Blog nicht sowieso lesen, ohne dass der Schreiber nachhelfen muss? Kürzlich hat wieder jemand aus meinem Bekanntenkreis entschieden, dass sein Leben ins Netz gehört. Und sich mit dem ersten Satz gleich selbst beantwortet, warum höchstens seine Mutter (Follower: 1) die serienmäßigen Enthüllungsstorys beachten wird, falls sie nicht zu viel Bügelwäsche hat: "Keine Ahnung, ob die Welt dieses Blog braucht. Vermutlich nicht. Aber ich schreibe gern. Früher hatte man ein Tagebuch, heute ist es ein Blog."

Leider verstehen das viele so. Aber ein Tagebuch zu lesen (rein hypothetisch natürlich) ist spannend, weil da Sachen drinstehen, die eigentlich keiner wissen darf. Die Halböffentlichkeit von privaten Blogs, die zwar Nichtigkeiten preisgeben, aber da, wo es aufregend wird oder einer beleidigt sein könnte, enden, ist dagegen gar nicht fesselnd. Blogs sind ja immer dann gut, wenn jemand nicht nur versucht, seinen Alltag mit neonfarbenen Hintergründen und Fotos im Retrolook aufzupolieren, sondern etwas mitzuteilen hat. Das kann ein Rezept für einen sensationellen Blaubeerkuchen sein, ein Amateurvideo von einem Vulkanausbruch oder eine bösartige Analyse der letzten "Germany's Next Topmodel"-Folge. Nur nicht: irgendwas. Gar kein Eintrag ist auf jeden Fall immer besser als Belanglosigkeiten wie diese in die Welt zu blasen: "Ich bin mal wieder auf einer Durststrecke des Bloggens. Deswegen werd ich jetzt mal eine Runde ,StarCraft' zocken."

Eine Freundin von mir ist vor ein paar Monaten auf Südostasien-Reise gegangen, inklusive Blog. Wie schön, dachte ich, dass ich mitkommen darf, wenigstens virtuell. Aber anfangs, da muss sie so viel Zeit im Internet-Café verbracht haben, dass keine mehr für Erlebnisse blieb. Stattdessen: seitenlange Texte darüber, was sie über die Roten Khmer gelernt hatte, auch Updates zu ihrer ständig wechselnden Darmsituation ("Mein peinlichster Moment des Tages war, als ich mir den Hintern mit Zigarettenblättchen abwischen musste") - übrigens auch etwas, zu dem einige Blogger neigen: die Verbreitung von Dingen, die man so genau gar nicht wissen möchte. Dann, endlich, wurde es spannend. Ein hübscher Texaner tauchte auf, er hieß Devin, und am nächsten Tag wollten die beiden zusammen weiterreisen, nach Laos. Da enden die Einträge. Und das ist ziemlich oft so. Weil das Leben außerhalb des Internets plötzlich viel spannender ist. Und der Zuschauer, den man am meisten beeindrucken wollte, direkt neben einem steht. Bei Facebook kommt ja von den Menschen, bei denen gerade besonders viel im Leben passiert, auch am wenigsten.

Manchmal tun mir die Blogger ein bisschen leid, der Erlebnisdruck muss ja riesig sein. Alle wollen dauernd Lustiges beobachten, Spannendes erzählen, Neues entdecken, damit jemand noch reinklickt. Wie soll man das schaffen? Schließlich kostet ja das Bloggen selbst auch Zeit. Und die fehlt einem dann, um mit Freunden tolles Zeug zu erleben, das man super online stellen könnte. Gerät man bei Facebook erst unter Druck, wenn man seit vier Wochen das gleiche Profilfoto hat ("Änder das mal, da siehst du voll arrogant aus!"), muss auf einem Blog immer was los sein. 22 Uhr und noch nichts passiert? Dann fotografiert man eben einfach sein Essen. Oder geht doch noch auf die Party, auf die man eigentlich keine Lust hatte. Da lässt man sich dann beim Tanzen fotografieren. Mit Prosecco-Aperol in der Hand und gleich neben dem Serien-Sternchen, das zufällig auch da ist. Nach ganz großem Spaß soll dieses Bild aussehen. Nur wäre ausgelassen sein so viel leichter, wenn der Druck der Nachberichterstattung nicht wäre.

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