Platz 2: "Dieser Auftrag ist obskur"

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Literaturwettbewerb 2012

Hier präsentieren wir den 2. Platz des Maxi-Literaturwettbewerbs 2012

Wo bleibt der Typ nur?

Ich warte auf einer Bank im Botanischen Garten und recke mein Gesicht der Sonne entgegen. Den Griff des Kinderwagens lasse ich nicht los. Sonntägliche Parkbesucher spazieren vorbei. Manche schwatzen, andere schweigen, Schwerfällige trampeln, Kinder hüpfen, ab und zu wird Sand vom Gehweg aufgewirbelt und staubt prickelnd gegen meine nackten Waden. Das, was sich im Inneren des Kinderwagens befindet, wird durch ein Moskitonetz vor neugierigen Blicken geschützt.

Ein schlafendes Baby, was sonst?

Aber, nein!

Da drin könnte alles Mögliche sein - außer einem Lebewesen. So wurde es mir jedenfalls zugesichert.

Ich suche in meinem Designerbag nach einem Bonbon, rücke mein bauchfreies Top zurecht, reibe mit etwas Spucke das bisschen Schmutz vom glänzenden Leder meiner neuen Stilettos. Da fällt ein Schatten auf mich. Ich zucke zusammen. Eine Frau, grauhaarig und froschgesichtig, glotzt in den Kinderwagen. Sie hat den Tüllstoff gelüftet.

„Da liegt ja eine Puppe“, entrüstet sie sich.

Ich springe auf. „Was fällt Ihnen ein!“

„Sie haben kein einziges Mal nach ihrem Kind geschaut! Ich beobachte Sie schon die ganze Zeit.“

„Na und? Was geht Sie das an?“

„Und im Kinderwagen hat sich so gar nichts gerührt“, quakt die Alte. „Komisch, oder? Ich habe an plötzlichen Kindstod gedacht, und …“

„Sie haben wohl nicht alle Tassen im Schrank!“ Ich drängele sie vom Wagen weg.

Doch die Froschgesichtige ist mit ihrer Mission noch nicht fertig. Bevor ich sie daran hindern kann, reißt sie die Federdecke fort, die der Puppe bis unter das Kinn reicht. Mein Erstaunen ist nicht geringer als das der Frau. Beide starren wir in den Kinderwagen.

Die Puppe ist körperlos.

Unterhalb des kahlen Babykopfes befindet sich statt Rumpf, Armen und Beinchen ein schwarzer, prall gefüllter Plastiksack. Eilig werfe ich die Decke drüber.

„Was …“, setzt die Alte wieder an, aber sie wird unterbrochen. Jemand ruft das Codewort.

„Mäxchen! Da ist ja das Maximännchen!“ Ein Mann hastet auf uns zu. Lässig legt er mir seinen Arm um meine Taille und schaut dabei strahlend zu dem Puppenkopf im Kinderwagen. Das Froschgesicht sieht uns mit offenem Maul an und macht dann eine eindeutige, an unserem gesunden Geisteszustand zweifelnde Geste.

„Liebling, wir müssen los! Mäxchens Oma wartet schon“, sagt der fremde Typ munter, schnappt sich den Kinderwagen und zieht ihn und mich energisch von der Alten fort.

„Unerhört!“, quakt es hinter uns her.

Wortlos verlassen wir den Park.

„Verdammt, was ist in dem Beutel drin?“, möchte ich den Typen - er ist so um die vierzig und hat auffällig gut trainierte Armmuskeln - am liebsten fragen. Aber ich verkneife es mir.

Denn dieser Auftrag ist obskur.

Ich hab mich von Mimi Lorenz anheuern lassen. Mimi, meine Kommilitonin, ist im Hauptberuf Chaotin. Sie musste heute Morgen dringend nach Stockholm fliegen. Für einen „total wichtigen“ Job solle ich einspringen, beschwor sie mich, ich müsse mir nur das simple Codewort „Mäxchen“ merken und ein bisschen Zeit aufwenden. Na gut, hab ich gedacht, 200 Mäuse an einem Nachmittag sind sonst nicht so leicht verdient.

Also habe ich vorhin den Kinderwagen aus einer leer stehenden Garage abgeholt. Dort lag ein Kuvert mit der Anzahlung parat. Den Rest nach Auftragserledigung, stand auf dem Umschlag.

Nun ächze ich neben dem Typen transpirierend Altstadtgassen hinauf. Nur mühsam gelingt es mir, mit ihm Schritt zu halten. Meine Füße in den sexy- Stilettos schmerzen höllisch.

Nach einer halben Ewigkeit landen wir in einem Hinterhof. Kein Sonnenstrahl. Aber über uns leuchtet ein Stückchen tintenblauer Himmel wie die Erinnerung an einen Urlaub am Mittelmeer.

„Du wartest hier bis ich zurück bin“, bestimmt der Mann.

Er zieht den Plastiksack hastig unter der Federdecke hervor und stopft ihn sich unters T-Shirt, über dem er eine abgewetzte Lederweste trägt. In Nullkommanichts wölbt sich ein stattlicher Bierbauch unter dem weißen Baumwollstoff. Der Typ bemüht sich, die Wampe mit der Weste zu kaschieren.

Es sieht bescheuert aus.

„Mein Geld?“, frage ich.

„Gleich. Bin bald zurück. Verstanden?“ Aus erdnussbutterfarbenen Augen sieht er mich eindringlich an.

Die Sache ist mir nicht geheuer. Verschwinde, rät mir mein Instinkt. Ich lasse Puppenkopf und Kinderwagen zurück und schleiche mich davon.

Als ich um die nächste Ecke biege, remple ich gegen den Typen. Er stöhnt. Seine Knie geben nach. Shit! Ein Einschussloch in seinem Rücken! Er kippt zur Seite. Halleluja! Was jetzt? Entsetzt bücke ich mich zu ihm runter.

Er ist tot, glaube ich.

Ich starre auf den falschen Bauch. Mit zitternden Händen ziehe ich die schwarze Tüte unter dem T-Shirt hervor und lasse sie in meinem geräumigen Lederbag verschwinden.

Passt perfekt.

Wenn es Drogen sind, gehe ich sofort zu Polizei, damit will ich nichts zu tun haben, schwöre ich mir.

Mit rasendem Herzen verschwinde ich im Untergrund.

Es sind nur wenige Fahrgäste unterwegs, wer hat schon Lust bei dem wunderschönen Wetter seine Zeit unter der Erde zu verbringen? Der Typ hat selber Schuld, beruhige ich mein - seien wir ehrlich - eher schwach ausgeprägtes Gewissen. Den geklauten Beutel schnüre ich erst auf, als die U-Bahn anfährt. Ein Blick hinein und ich kann aufatmen. Kein Hasch, kein Kokain oder so ein grausiges Zeug.

Der Inhalt ist mir sehr sympathisch.

Zwei Tage traue ich mich nicht aus meiner Wohnung. In den Regionalnachrichten haben sie etwas über den toten Typen in der Gasse gebracht. Tobias B., 38, Beamter, sei erschossen worden, heißt es. Vom Täter fehle jede Spur. Tatmotiv unbekannt.

Das Ganze ist mir nicht geheuer.

„Verhalte dich ruhig. Ich bin bald wieder da“, rät mir Mimi fernmündlich aus der schwedischen Hauptstadt.

Die hat gut reden!

Am dritten Tag erliege ich der Versuchung, ein winziges bisschen von dem Geld, das sich im schwarzen Sack befindet, auszugeben. 70.000 Euro in Scheinen haben meiner Meinung nach eine ebenso bedürftige wie würdige Besitzerin gefunden. Ich verordne mir zur Belohnung für den Stress der letzten Tage eine Shopping-Tour de luxe. Wie immer gerate ich in einen hemmungslosen Kaufrausch, gebe das Geld mit der mir eigenen Wonne aus, zücke es aus dem schicken Lederportemonnaie, das ich mir als erstes geleistet habe, und blättere die Scheine dem Verkaufspersonal lässig auf den Tresen.

In einer Edelboutique der Innenstadt finde ich tolle Klamotten. Am Ende lege ich fast 4.000 Euro cash auf den Tisch. Es ist ein Fehler, mir danach noch einen weiteren köstlichen Prosecco aufschwatzen zu lassen. Als ich schließlich gehen will, rüttle ich an einer verschlossenen Tür.

„Wir haben die Polizei gerufen. Sie haben versucht, uns Falschgeld unterzujubeln“, sagt eine der beiden gerade eben noch äußerst zuvorkommenden Verkäuferinnen und wirft mir einen gehässigen Blick zu.

Und dann kriege ich auch noch fast einen Herzkasper.

„Scheiße, wieso sind Sie nicht tot?“ Ich sinke auf einen zierlichen Schemel.

Der Mann mit den Erdnussbutteraugen lacht auf. Die Polizisten wollen mich abführen, aber der Typ winkt erstmal ab. Er ist der Chef. Ein Hauptkommissar.

„Mädchen, du hast alles verbockt“, sagt er tadelnd. „Warten, habe ich gesagt! Ich hatte eine schusssichere Weste an. Ich war doch nur ein bisschen benommen, und du haust einfach ab mit dem Zaster!“

Die Worte Kripo, Undercover und Drogenring rauschen durch meine Gehörgänge wie Exkremente, die von einer Toilettenspülung mitgerissen werden. Und der Typ schaut mich an, als müsste ich es kapieren.

„Wieso bezahlen die Kerle den Stoff nicht mit richtigem Geld?“, will ich wissen.

„Tja, Betrüger gibt’s in allen Branchen, Mädchen“, er seufzt. „Und manche sehen auch noch verteufelt hübsch aus!“

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