Platz 3: "5-Sterne Finale"

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Literaturwettbewerb 2012

Hier präsentieren wir den 3. Platz des Maxi-Literaturwettbewerbs 2012

Beim Filet von der Dorade Royal mit gegrilltem Babylauch hätte er stutzig werden müssen. Tat er aber nicht. Er nippte am Weißburgunder aus der Steiermark, der nach zartem Biskuit schmeckte. „Hat es gemundet?“ fragte die Servicefrau artig und balancierte die edlen, länglichen Teller, auf denen der vierte Gang des Abendmenüs wie ein Kunstwerk angeordnet gewesen war, mit einem noch artigeren Lächeln ab. Vera kostete schon das ofenfrische Vanillesoufflé an Marille. Es war seine Idee gewesen, in dieser Fünf-Sterne-Wellness-Residenz mitten in den Tiroler Alpen wieder alles gut zu machen. Wenn es gut lief, verzieh ihm Vera alles. Die Affäre mit Steffi, und auch jene mit Martina. Zum Glück hatte die Gemeinde noch nichts mitgekriegt, sonst wäre er auch diese Pfarrstelle wieder losgeworden, und zum Dekan wollte er nicht erneut vorgeladen werden und dastehen wie ein Schuljunge, der seine Strafe absitzen muss. Nein, diesmal schien alles gut zu laufen, blöd war nur gewesen, dass Steffi nicht dichtgehalten hatte, den ekstatischen Sex aufs Spiel gesetzt und Vera reinen Wein eingeschenkt hatte. Er nippte am Weißburgunder, der jetzt seine feinste Gewürznote entfaltete mit nussigem Anklang und Birnenfrucht im Nachhall. Er beobachtete Vera über das Glas hinweg und stellte zufrieden fest, dass sich ihre Stirn wieder geglättet hatte und der zornige Blick verschwunden war. Ein wenig erinnerte sie ihn jetzt an seine sanfte Martina, und ein Seufzer entfuhr ihm, als er zarten Karamell-Touch im Abgang auf der Zunge schmeckte.

Als Pfarrer war er es gewohnt, tief in die Seelen anderer Menschen zu blicken. Martina hatte ihm vertraut. Mehr noch, sie war ihm hörig gewesen. Wenn er sonntags auf der Kanzel stand und predigte, saß sie in der ersten Bank vor dem Altarraum und nickte

zustimmend, wenn er die Gemeinde dazu aufforderte, Psalm 33 im Wechsel zu beten. Auch sie hoffte auf Gottes Allmacht und Hilfe, sie hoffte auf den Tag, an dem er Vera verlassen und stattdessen sie offiziell zu seiner Gattin erklären würde. Dass dieser Tag nie kommen würde, wusste er, Daniel, von Anfang an. Er lechzte nach unverbindlichem, erotischem Abenteuer, sie nach Liebe. Wenn Martina zu ihm aufblickte, verschwammen die Worte der Kanzelinschrift „Wir sahen Seine Herrlichkeit“ mit ihrer Anbetung, und sie geronnen so zu einer willkommenen Unterwerfung, die ihm rauschende Orgasmen bescherte.

Zum Digestif wurde Stanzer Zwetschgenwasser serviert. Nun musste er sich vorläufig am Alkohol berauschen und für eine Weile gut Wetter machen. Einen Skandal konnte er sich in seiner Position nicht leisten. Vera lehnte sich wohlig gesättigt zurück, erschöpft vom sechs-gängigen Gourmet-Menü aus einer der angesagten Hauben-Küchen Tirols. Gezielt hatte er eines der besten Wellness-Hotels Österreichs für diesen Urlaub ausgewählt. Schwimmen, saunieren, dampfbaden auf höchstem Niveau, mit Bergpanorama und funkelnden Kronleuchtern sogar in der Dusche. Er wusste, dass Vera auf so was stand. Eifrig eilte der Chef-Sommelier herbei und schenkte vom Weißburgunder nach, in dem nun ein Hauch von weißem Pfirsich erblühte. Vera sollte sich wohl fühlen, sich aalen im sonnenbeschienen Solebad mit Blick auf die Samnaungruppe und die Ötztaler Alpen - und in seiner Fürsorge. Sie sollte nach einer wohligen (und teuren) Relax-Massage mit heißen Vulkanit-Steinen später auch unter seinen Händen wieder biegsam und geschmeidig werden. Er achtete jetzt nicht aufs Geld, buchte ihr Verwöhn-Termine zur Harmonisierung der Chakren und erstklassige Beauty-Anwendungen. Er wusste: Seine Großzügigkeit würde sich auszahlen, wenn zu Hause wieder alles beim Alten war, sie abends Mathe-Klausuren korrigierte und er sich auf den Konfirmandenunterricht vorbereitete, zusammen mit der neuen ehrenamtlichen Mitarbeiterin im Konfi-Team – jung, geschieden und hungrig nach Liebe, also genau seine Kragenweite.

Nach dem ausgiebigen Frühstück mit frischer Maracuja, Sekt, Lachs und Beet Tartar am dritten Urlaubstag überredete ihn Vera, die geplante Bergtour auf den Fisser Zwölferkopf sausen zu lassen und stattdessen weiter zu relaxen. „Schon wieder“, grollte er innerlich, ließ sich aber nichts davon anmerken, dass er lieber in Wanderschuhen und mit Rucksack bepackt vom Gipfel aus auf das Inntal geblickt hätte, als sich erneut in weißem Bademantel und mit Frottee-Latschen den ganzen Tag bräsig von Sauna zu Sauna zu schleppen. Aber er wollte die gute Stimmung nicht gefährden, zu viel stand jetzt auf dem Spiel. Wenn dieser Urlaub nicht fruchtete und er die aufziehende Katastrophe, die bereits am Ehe-Himmel sichtlich drohte, nicht schnellstens vertrieb, konnte er seinen Talar mitsamt dem Beffchen einmotten.

Zunächst entführte ihn Vera in die Himalaya-Salzgrotte, die mit Salzkristall-Leuchten in sanften Orangetönen ausgekleidet war. Sie atmeten die feuchte Luft - eine Wohltat für die Bronchien - und erfrischten sich anschließend im Inhalationsgang, wo sie ein sanfter, nach Minze duftender Sprühnebel umhüllte. Gut durchblutet, mit geröteten Wangen und einem wohligen Seufzer ließ er sich auf eine der Relax-Liegen sinken, griff nach Veras Hand und stellte zufrieden fest, dass sie sich ihm nicht mehr entzog. Er schien wieder Land zu gewinnen, hier auf dem Serfauser Hochplateau, 1400 Meter über dem Meeresspiegel. Bei hochsommerlichen Temperaturen mitten in einem heißen Juli war ihm zwar nicht nach zusätzlicher Wärme zumute, eher nach einer Abkühlung, und er dachte wehmütig an eiskalte Bergbäche, die hier zuhauf gen Tal rauschen. Doch er fügte sich, trottete Vera in seinen Hotel-Schlappen auch zur nächsten Sauna hinterher, mit Panoramablick diesmal. Beim Birken-Aufguss wurde ihm zwar kurz schwindelig bei all der gestauten Hitze, aber Vera lächelte ihm aufmunternd zu, und er verkniff sich eine plötzliche Schwäche. Keine Ruhepause gönnte sie ihm danach, buchte die Wasser-Schwebe-Liege mit frischem Bergheu, Moor, Nachtkerzenöl, Algen und Kürbiskernextrakt. Sogar eine Flasche Champagner hatte sie bestellt für den Privat-Spa, und zwinkerte ihm aufmunternd zu. Da konnte er sich wohl nicht entziehen. Es lief schließlich alles nach seiner Partitur. Als Vera ins Bad stieg, gab sie sich nicht die Mühe, ihre etwas rundlicher gewordenen Hüften und Speckröllchen am Bauch zu verbergen. Ihre 42 Jahre sah man ihr zwar nicht an, doch das wilde Abenteuer mit der neuen, sicher gefügigen Ehrenamtlichen und ihren wohlgeformten Brüsten reizte ihn viel mehr. Unwillkürlich leckte er sich die Lippen und führte schnell das Champagner-Glas zum Mund. Im 38 Grad heißen Wasser schien sein Blut zu blubbern, die Perlen stiegen ihm zu Kopf. Er wusste nicht: War es das Badewasser oder der Champagner? Plötzlich eröffnete ihm Vera, dass sie einen Termin mit dem Dekan vereinbart hatte, um ihm vorzuschlagen, sich künftig mehr in der Gruppenarbeit der Kirchengemeinde zu engagieren. Schließlich war sie die Pfarrersfrau, auch, wenn sie durch ihren Beruf als Lehrerin stark eingespannt war. Und vielleicht konnte sie so Daniels etwas angekratzten Ruf wieder rehabilitieren. Schließlich würden sie in der Öffentlichkeit besser dastehen, wenn sie gemeinsam auftraten und Gerüchte zu eventuellen erneuten Affären so gar nicht erst aufkommen konnten. Sie redete in einem Schwall, er ließ Wasser nach, kaltes diesmal, und es wunderte ihn, ja erschreckte ihn, dass sie dieses heikle Thema ausgerechnet jetzt, in dieser vollendeten Harmonie einer golddurchwirkten Badewanne, ansprach. Er konnte sich nicht mehr alles merken, was sie sagte, stürzte stattdessen hektisch den Champagner hinunter und hoffte, davon wieder einen kühlen Kopf zu bekommen. Vera schenkte schnell nach, sprach ebenso schnell weiter, er hörte nur die Worte Dekan, Gemeinde und „in Zukunft zusammen“, trank daher hastig weiter. Vera beugte sich zu ihm, kraulte seinen Nacken, liebkoste seinen Hals, ließ ihre Hände unter Wasser den ganzen Körper entlang wandern. Ihm wurde ganz schwindelig, schon wieder, er schnappte nach Luft, schob den Champagnerkühler, der auf einem Brett zwischen ihnen stand, beiseite und stemmte sich wankend nach oben, raus aus dem heißen Bad ins nebenstehende Haferstroh-Himmelbett. Er seufzte tief, Veras Redeschwall verebbte, sie folgte ihm ins Stroh. Er war drauf und dran, das Vaterunser zu beten, doch Vera steckte ihm eine schwarze Olive in den Mund, und er kam nicht dazu. So gottergeben hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt, und das sogar ohne außerehelichen Sex. Er musste doch alles richtig gemacht haben in seinem Leben, und die Flausen, die sich Vera jetzt in den Kopf gesetzt hatte, würde er ihr heute Abend beim Duett vom weißen Waller und Tampuragarnele schon austreiben. Als Vorspeise würde es Kaninchenrücken im Sesambisquit geben. Und vielleicht würde er heute vom 2008-er Opus Eximium Nummer 21 kosten. Der Chef-Sommelier hatte ihm schon von dessen dunklem Rubingranat und zarter Vanille-Note vorgeschwärmt - ein ausgewogenes Spiel von Frucht und Holz, das in ihm jetzt, Oliven kauend auf dem Stroh-Bett liegend, schon die Vorfreude auf das heutige Diner aufglomm. Vera riss ihn aus seinen Tagträumen: Nun wollte sie in die Rosen-Sauna. Er sträubte sich schlapp, doch sie ließ nicht locker. Sie war Saunieren von ihren wöchentlichen Frauen-Abenden gewohnt, er jedoch sah allenfalls im Ski-Urlaub eine Schwitzhütte von innen. Und letzten Winter nicht mal das, nach den heißen Nächten mit Martina im Hotel-Bett hatte er keine Hitze mehr benötigt, trotz Eis und Schnee. Außerdem wusste er, dass sein Kreislauf und sein Herz die überhöhten Temperaturen nicht allzu gut vertrugen, er war eben gerne ein kühler Kopf. Vera nannte ihn auch berechnend, aber nur, wenn sie Streit hatten.

Die Champagner-Flasche war leer. Hatte er sie ausgetrunken, oder war der edle Tropfen ausgeflossen, als er sich aufs Haferstroh-Bett gehievt hatte? Vera hatte er nur an ihrem Glas nippen sehen, doch so genau erinnerte er sich jetzt nicht mehr. Unter normalen Umständen hätte er alles genau registriert, er war ein guter Beobachter und konnte auch die subtilsten Gesten seines Gegenübers deuten. Er konnte die Menschen lenken. Diese Gabe nutzte ihm nicht nur als Leiter einer Kirchengemeinde, sondern auch bei all den jungen Frauen, die ihm ergeben, seiner Machtposition und seinem Charme erlegen waren. Sicher, er sah gut aus, immer noch, mit 49, aber er konnte die Frauen auch mit Worten verführen, sie besänftigen, weich klopfen wie ein Schnitzel, um sie dann genüsslich zu vernaschen.

Feinstes Rosenöl-Wasser tropfte nun gemächlich auf die perfekt geformten, ausgetrockneten Blüten. Der sanfte, blumige Duft hüllte ihn ein. Er machte sich zwar nichts aus Rosen, doch er spielte mit. Vera schien von der Performance dieser Schwitzkabine völlig entzückt zu sein. Also machte auch er es sich wohlig gemütlich. In seinem Kopf blubberte es. Oder war es das Duftwasser, das ein automatischer Spender in regelmäßigen Abständen auf die heißen Steine träufelte? Daniel legte sich ebenfalls der Länge nach hin, fragte sich, wie viele Saunen sie wohl noch vor sich hatten, und spürte eine bleierne Schwere, sog den Rosenduft ein, der sich mit seinen Schweißperlen vermengte, in seinem Blut perlte der Champagner empor. Er verspürte den Impuls aufzustehen, seinen Kreislauf zu mobilisieren, doch er wurde immer träger, müder und lethargischer. Veras Geplauder plätscherte so dahin, wie das Rosenwasser, und ein eigenartiger Sog wurde immer stärker, der Sog, alles aufzugeben, eins zu werden mit Gott, in diesem Wellness-Paradies mit Petit Fours und exklusiven Verwöhn-Momenten, träumend von Perlhuhn-Brüstchen und Ananas-Gel, für immer in Ekstase schweben ohne Schuld und Sühne. Dass Vera leise die Tür hinter sich schloss, bei verebbendem Murmeln, einem finalen Decrescendo, bemerkte er nicht mehr.

„Fischvergiftung“, schrieb der Gerichtsmediziner in das Feld für die Todesursache. Vera hatte sich am Vorabend für das rosa gebratene Lamm-Nüsschen entschieden. Denn auch sie hatte eine Partitur.

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