Nach der GeburtPostpartale Depression: Mehr als Heultage und Babyblues

 Mit dem Baby kam die Traurigkeit - viele Mütter leiden unter der Postpartalen Depression. Einige sprechen über ihren Kummer - andere schweigen und verlieren sich häufig in einem Karussell aus Kummer.
Mit dem Baby kam die Traurigkeit - viele Mütter leiden unter der Postpartalen Depression. Einige sprechen über ihren Kummer - andere schweigen und verlieren sich häufig in einem Karussell aus Kummer.
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Inhalt
  1. Symptome einer Postpartalen Depression
  2. Eine Mutter erzählt: So habe ich die Depressionen erlebt
  3. Ursachen für eine Postpartale Depression
  4. Vier Frauen, ein Schicksal: Depressionen nach der Geburt
  5. Hilfe: So kann eine Postpartale Depression behandelt werden

Postpartale Depression: Wenn eine Mutter ihr Kind nicht lieben kann

Ein Baby bekommen und zur Mutter werden, das stellen sich die meisten Frauen als ein großes Glück vor. Doch viele Frauen erleben das Mutterwerden leider ganz anders. Sie können ihr neues Leben als Mutter nicht annehmen, fühlen sich verzweifelt, ängstlich und traurig. Eine Bindung zu ihrem Baby aufzubauen erscheint ihnen unmöglich. Diese Frauen erkranken nach der Geburt an einer Postpartalen Depression.

„Alles erscheint ihr so eng, so klein, ohne Perspektive mit Kind. Wird sie jemals wieder glücklich sein? Aber wie kann man glücklich sein, wenn sich der Körper wie aus Beton anfühlt und der Kopf hohl ist? Sie weint, leise. Die Knie angezogen, hockt sie auf dem Sofa. Sie kann nicht mehr. Sie fühlt sich als schlechte Mutter, als Zombie ohne Gefühle. Trennung, Tod, Arbeitslosigkeit, Krankheit – das sind alles nachvollziehbare Gründe, in eine Depression zu fallen. Aber ein Kind, ein Wunschkind noch dazu, das kann sie doch niemandem vermitteln …“ 

(Auszug aus dem Buch „Nur die Liebe fehlt“ von Petra Wiegers)

Symptome einer Postpartalen Depression

Die Symptome einer postpartalen Depression können so unterschiedlich sein, wie die Frauen, die daran erkranken können. 

Viele der betroffenen Frauen empfinden nach der Geburt Angst, Verzweiflung, Panik oder tiefe Traurigkeit. Sie fühlen sich nicht imstande, eine Verbindung zu ihrem Baby aufzubauen, viele empfinden das Baby als störenden Fremdkörper. 

„Die postpartale Depression ist eine sehr tragische Erkrankung“, verdeutlicht Dr. Luc Turmes, Ärztlicher Direktor an der LWL-Klinik in Herten. Im Gegensatz zum auch als „Heultage“ bekannten „Babyblues“, den etwa 80 Prozent aller Mütter kurz nach der Geburt durchleben, ist die „Postpartale Depression“ langatmiger und bleibt. Postpartale Depressionen treten häufig in den ersten drei Monaten nach der Geburt auf, können sich sogar noch bis ein Jahr danach entwickeln.

Manche Forscher sprechen übrigens von einer postnatalen statt einer postpartalen Depression. Die Bezeichnung partal bezieht sich auf die Geburt, der lateinische Begriff partuis bedeutet Geburt. Postnatal bezieht sich auf das Neugeborene und stammt von dem lateinischen Begriff natus für geboren ab.

Oft fühlen sich die erkrankten Frauen völlig überfordert von ihrer neuen Aufgabe als Mutter. Sie haben Angst, das Baby nicht richtig umsorgen zu können oder es zu verletzen. Die ständige Sorge um das Kind macht sie schlaflos. Die dauerhafte Schlaflosigkeit über viele Monate hinweg kann zu chronischer Erschöpfung führen, die wiederum Ängste und Verwirrungszustände auslösen kann.

Die Frauen verlieren die Fähigkeit zur Selbstfürsorge, schaffen es nicht mehr, sich um sich selbst oder die Familie zu kümmern. Oftmals liegen sie stundenlang im Bett, unfähig zu kommunizieren. Sie wünschen sich nur noch Ruhe und das Ende der ständigen Verpflichtung, sich um das Kind zu kümmern.

Eine Mutter erzählt: So habe ich die Depressionen erlebt

Britta, eine Kinderkrankenschwester, die nach der Geburt ihrer Tochter Lena an postpartalen Depressionen erkrankt, schildert ihre verzweifelte Situation: „Du kannst zwar erschöpft sein. Aber du musst doch glücklich sein, wenn du das Kind anguckst! Das war aber nicht so. Da war nur Angst. Angst, ihr nicht gerecht zu werden. Angst davor, dass sie wieder schreit. Angst, dass sie nicht trinkt. Diese Angst war ein richtiges körperliches Symptom, ich fühlte mich, als würde mir die Luft abgeschnürt. Ich habe mich von der Natur betrogen gefühlt. Betrogen um das Glück, das eine Mutter und ihr Baby empfinden.“

Manche Frauen mit postpartaler Depression können selbst solche Gedanken nicht von sich weisen, in denen sie sich vorstellen, das Baby oder sich selbst zu töten, um der belastenden Situation zu entfliehen. Manche Frauen rutschen sogar so weit in die Depression hinein, dass sie tatsächlich versuchen, einen Suizid zu begehen. 

Britta erzählt von ihren niederdrückenden Gedanken zur Zeit der Depression: „Irgendwann habe ich mich gefragt: Was ist eigentlich, wenn Lena nicht mehr aufwacht, wenn sie heute Nacht einfach gestorben ist? Bin ich dann traurig?“ erzählt die Frau reglos. „Ganz ehrlich – ich wusste es nicht.“ Spätestens da war klar, dass sie unter einer postpartalen Depression litt. 

Video: 9 Dinge über Menschen, die ihre Depression verheimlichen

 

Für zehn Wochen zog Britta mit ihrer Tochter in den Hertener Schlosspark, in die Mutter-Kind-Station für Postpartale Depression. Hier bekam sie Medikamente und intensive Therapie. Nach den ersten zwei Wochen ohne ihre Tochter, in denen sie medikamentös eingestellt wurde und akute Krisenbewältigung gegen die „Postpartale Depression“ im Mittelpunkt stand, ging es langsam bergauf.

Hier traf Britta auf Frauen mit ähnlichen Problemen. In Einzel- und Gruppentherapie reflektierte sie ihren hohen Anspruch an die Mutterschaft. Sie lernte, dass Lena zwar den Takt ihres Lebens vorgibt, sie aber nur eine gute Mama sein kann, wenn sie auch mal an sich denkt.

Jetzt, nach der Krankheit, schläft Lena eine Nacht bei ihren Großeltern in der Woche. „Vorher konnte ich Lena ja nicht abgeben. Vielleicht hing das damit zusammen, dass sie für mich selbst so eine schlimme Belastung war.“ Heute weiß Britta, dass die Sorge für ein Kind eher Freude als Bürde ist und ihr Herz macht einen Sprung, wenn Lena sie anlächelt. 

Auf den Spuren der Depressionen

Die Journalistin Petra Wiegers hat ein Buch über Depressionen nach der Geburt geschrieben: „Nur die Liebe fehlt -Von Depressionen nach der Geburt und Müttern, die ihr Glück erst finden mussten.“ Darin schildert sie die Schicksale von vier sehr unterschiedlichen Frauen, die alle nach der Geburt eines Kindes an Depressionen erkrankten. Petra Wiegers berichtet: „Eine Psychiaterin erzählte mir im Laufe meiner Recherche: Die häufigste Todesursache junger Mütter ist der Suizid! Zu viele junge Mütter scheitern heute an einem völlig überhöhten Idealbild der Mutter. Das ist nur eine Ursache, die eine postpartale Depression begünstigen kann. Jede vierte Mutter erleidet eine Depression nach der Geburt ihres Kindes.“

Oft wird davon ausgegangen, dass nur solche Frauen an einer postpartalen Depression erkranken, die zum ersten Mal ein Kind bekommen. Doch auch bei einem zweiten, dritten oder vierten Kind kann es zu einer depressiven Erkrankung kommen. Häufig ist dann eine Überlastung der Mutter die Ursache.

Ursachen für eine Postpartale Depression

Grundsätzlich ist zu sagen: Jede Frau kann an einer postpartalen Depression erkranken. Es trifft nicht nur die Frauen, die vielleicht schon vor der Schwangerschaft an Depressionen litten, oder jene, die in einer schwierigen Beziehung leben. 

Eine traumatische Geburt kann genauso eine postpartale Depression auslösen, wie schwierige Familienverhältnisse oder eine starke Überlastung der Frau. Auch ein Alleingelassenwerden der Mutter durch den Kindsvater und Lebenspartner beziehungsweise Ehemann kann zur Depression führen. 

Viele Frauen entwickeln auch deshalb eine depressive Störung, weil das neue Leben als Mutter ganz anders ist, als sie es sich vorgestellt haben. Plötzlich habe sie keine Freiheit mehr, keinerlei Selbstbestimmung, stattdessen diktieren die Bedürfnisse des Babys ihren Alltag. Besonders Frauen, die kein ausreichendes Hilfsnetzwerk haben, fühlen sich dann oftmals gefangen in einem Leben, das sie so dann doch nicht gewollt haben.

Vier Frauen, ein Schicksal: Depressionen nach der Geburt

Petra Wiegers schildert in ihrem Buch „Nur die Liebe fehlt“ die Geschichten von Mavi, Isabel, Sarah und Charlotte. Mavi ist über Jahre eine kontrollierte Vorzeige-Mutter für zwei Kinder, die zusammenbricht, als ungeplant ein drittes Kind hinzukommt. Isabel ist eine Karrierefrau mit depressiver Vorgeschichte und entscheidet sich für ein Baby, obwohl sie innerlich spürt, dass ein Leben mit Kind nicht das Richtige für sie ist. Sarah wird Mutter, ohne dafür bereit zu sein und mit einem Mann an ihrer Seite, der sie in entscheidenden Moment alleine lässt. Sie ist derart überfordert, dass sie tatsächlich versucht, sich das Leben zu nehmen. Charlotte ist liebevolle Mutter eines Sohnes und erfolgreiche Ärztin – bis eine unerwartete Zwillingsschwangerschaft sie in die Knie zwingt. 

Keine dieser vier Frauen hat damit gerechnet, an einer postpartalen Depression zu erkranken und sie alle haben lange Zeit nicht den Mut, sich ihre Krankheit und Hilfsbedürftigkeit einzugestehen oder gar offen davon zu sprechen. 

Petra Wiegers erklärt: „Es gibt kaum ein größeres Tabu in unserer Gesellschaft: Eine Mutter liebt ihr Baby nicht! Die Geschichten von Mavi, Isabel, Sarah und Charlotte machen vielleicht ein bisschen klarer, wie diese Krankheit entstehen kann. Und wie schnell sie voranschreitet, wenn Frauen weiter Skrupel haben (müssen), sich in ihrer Not zu öffnen.“

Hilfe: So kann eine Postpartale Depression behandelt werden

Frauen, die an einer postnartalen Depression erkrankt sind, brauchen dringend ärztliche und therapeutische Hilfe und schnelle Entlastung im familiären Alltag.

In Petra Wiegers Buch erläutert Dr. Susanne Simen, dass die Behandlung zwingend drei Bereiche abdecken muss:

  1. Die Erkrankung der Mutter, beispielweise mit Medikamenten und Psychotherapie
  2. Die Beziehung zum Kind, um der Mutter den Aufbau von positiven Gefühlen für das Kind zu ermöglichen und den Umgang mit dem Baby in entspannter Atmosphäre zu üben
  3. Die Familie – in der Regel leiden auch der Kindsvater und Geschwisterkinder erheblich unter der Erkrankung der Mutter. Auch sie brauchen oftmals therapeutische Unterstützung zur Bewältigung der schwierigen Lebenssituation.

Frauen, die schon vor der Schwangerschaft einmal an einer Depression erkrankt sind, sollten bereits während der Schwangerschaft ihrem Frauenarzt davon erzählen, damit er nötigenfalls frühzeitig reagieren kann. Wer bereits in psychotherapeutischer Behandlung ist, sollte auch den Therapeuten informieren und um Unterstützung bitten.

Rat und Hilfe gibt es außerdem in psychiatrischen Mutter- oder Eltern-Kind-Ambulanzen, in spezialisierten Vereinen wie „Schatten und Licht“ oder bei der Marcé Gesellschaft, auf deren Internetseite direkt nach möglichen Mutter-Kind Aufnahmestellen bei postpartalen psychischen Erkrankungen gesucht werden kann.

In einer akuten Krise hilft auch die Notfall-Seelsorge, die 24 Stunden kostenfrei erreichbar ist:

0800 - 111 0 111 (evangelisch)
0800 - 111 0 222 (katholisch)
0800 - 111 0 333 (für Kinder und Jugendliche)

Viele weitere Informationen zur postpartalen Depression, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten sowie die ausführlichen Krankheitsgeschichten von vier betroffenen Müttern finden sich in Petra Wiegers Buch:

Nur die Liebe fehlt - in ihrem Buch zu Depressionen nach der Geburt erzählt die Journalistin Petra Wiegers die Geschichten von vier betroffenen Müttern.
Nur die Liebe fehlt - in ihrem Buch zu Depressionen nach der Geburt erzählt die Journalistin Petra Wiegers die Geschichten von vier betroffenen Müttern.
Foto: Patmos Verlag

 

Über Petra Wiegers:

Petra Wiegers ist Journalistin, Autorin, Filmemacherin und Moderatorin. Sie arbeitet für Arte und den Bayerischen Rundfunk. Zum Thema postpartale Depression hat sie einen Dokumentarfilm gedreht: "Mein fremdes Kind – Wenn Müttern die Liebe fehlt". Sie lebt mit ihrer Familie in München.

 

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