Punktezählen war gestern: Weight Watchers in der Krise?

weight watchers in der krise

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Online-Community statt Gruppentreffen

Wer früher ans Abnehmen dachte, dachte an Weight Watchers. Wer heute ans Abnehmen denkt, denkt an Instagram. Wird es Weight Watchers bald nicht mehr geben?

Es liest sich wie die Geschichte vom hässlichen Entlein und dem schönen Schwan. Jean Nidetch, zu Beginn der 60er Jahre das hässliche Entlein, entwickelt sich in den nächsten Jahren zum schönen Schwan - verliert Kilo um Kilo und gründet schließlich das US-amerikanische Unternehmen Weight Watchers. Ein Erfolgskonzern - wie sich in den kommenden Jahren herausstellt.

Die Idee: einfach. Nidetch ordnet allen Lebensmitteln bestimmte Punkte zu. So hat zum Beispiel ein Stück Schokolade 1 Punkt, ein Brötchen 4 Punkte. Wie viele Punkte Frau täglich essen darf, bestimmen unterschiedliche Faktoren. Männlich oder weiblich? Klein oder groß? Sportlich oder unsportlich? Allein in Deutschland zählen rund 360.000 Frauen und Männer Woche für Woche fleißig Punkte. Eine Menge - oder etwa nicht? Nicht ganz! Denn - die fetten Jahre von Weight Watchers sind vorbei.

Das große Problem: Immer mehr WW-Fans kündigen ihre Mitgliedschaft, der Aktienkurs von Weight Watchers ist von 45 auf 4 Dollar abgestürzt. Die Umsätze brechen ein, die Gewinne werden weniger. Im ersten Quartal 2015 hat der Konzern sogar einen Verlust gemacht. Aber wie kann das sein - in einer Zeit, in der alle ans Abnehmen denken?

Angestaubtes Image und starre Strukturen

Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen. Mehrmals in der Woche treffen sich die Weight-Watchers-Mitglieder - vorzugsweise zu festen Zeiten, an einem Samstagmorgen zum Beispiel. An einem Samstagmorgen? Ja genau. Und genau hier liegt das Problem. Die Kinder zum Klavierunterricht fahren, mit dem Hund raus gehen oder die Wäsche machen - heutzutage wird es immer schwieriger, feste Termine in die klassische Tagesstruktur einzubauen. Die Nachfrage nach den bekannten Treffen wird immer weniger, zumal es viele der Ernährungs- und Motivationstipps auch online gibt. Was kann ich gegen Heißhunger tun? Oder wie nehme ich am schnellsten ab? Die passende Antwort - nur einen Mausklick entfernt.

Die Konkurrenz rennt davon

Mittlerweile bietet Weight Watchers zwar eine App an, geholfen hat das aber nicht. Im Gegenteil: Es gibt immer mehr kostenlose Ernährungs- und Fitness-Apps, die dem Abnehmriesen den Rang ablaufen. "Weight Watchers hat viel zu spät auf dieses Gerät gesetzt, obwohl es die zentrale Kommunikationsplattform unserer Zeit ist", sagt der Göttinger Ernährungspsychologe Ellrott der Zeit.

Wer früher ans Abnehmen dachte, dachte an Weight Wachters. Wer heute ans Abnehmen denkt, denkt an Supermodels und Fitness-Trainer - wie an Kayla Itsines zum Beispiel. "In 12 Wochen zum Bikini Body" - das Programm der jungen Australierin hat auf Instagram bereits mehr als 3 Millionen Fans. Eine mehr als attraktive Erfinderin und zahlreiche Vorher-Nachher-Fotos - wie soll ein traditionsreicher Weltkonzern wie Weight Watchers da mithalten? Mit seinen farblosen Werbekampagnen sicherlich nicht. "So eine Ansprache emotionalisiert nicht und lockt keine Kunden an", sagt Martin Fassnacht, BWL-Professor mit Schwerpunkt Marketing an der WHU-Otto-Beisheim-School für Management der Zeit. "Das Unternehmen wirkt alt."

Sattmacher-Prinzip statt Punktezählen

Das Einzige, das dem Unternehmen jetzt noch helfen könnte - eine zündende Idee. Der Launch ihrer App war gestern. Und die Einführung des neuen Punktesystems auch. Der Witz daran: Ein Punktesystem ohne Punkte - ab sofort muss nicht mehr gezählt werden. Wer sich an dem Sattmacher-Prinzip orientiert, darf von bestimmten Lebensmitteln so viel essen, wie er möchte. Ob diese Entwicklung ein Fortschritt ist? Wir wissen es nicht. Immerhin war es das Punktesystem, das Jean Nidetch und Weight Watchers weltberühmt gemacht hat. Bleibt zu hoffen, dass sich der Abnehmriese äquivalent zu seinen Fans in kleinen Etappen zum Ziel bewegt.

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