Reinhold Messner: "Ich habe mit allem abgeschlossen"

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In den Bergen fühlt sich Reinhold Messner wohl.
Foto: AFP / Getty Images

Zum ersten Mal lässt der Bergsteiger tief in seine Seele blicken

Ein Besuch bei dem berühmtesten Bergsteiger der Welt. Offen wie nie zuvor spricht er über sein bewegtes Leben und den Tod.

Es ist ein schöner, aber noch recht frischer Frühlingstag in Südtirol. Aber Reinhold Messner (68) trägt nur Hemd und Jackett, als er sich mit uns zu einer ganz privaten Wanderung trifft. Bei ihm zu Hause in Bozen, auf Schloss Sigmundskron. Hier, wo die Bergsteigerlegende nach den Abenteuern seines Lebens nun angekommen ist.

Herr Messner, Sie haben alle Achttausender bestiegen, mit der Gefahr gelebt. Wie fühlt sich das Leben als Rentner denn an?

Reinhold Messner: Rente ist nichts für mich! „Das Unmögliche möglich machen“ ist mein Lebensmotto. Heute betreibe ich Bauernhöfe und leite Museen. Aufgaben, die mich aber genauso befriedigen wie früher die Berge. Außerdem habe ich nie in die Rentenkasse eingezahlt. Es gab nämlich Zeiten, in denen ich nicht gedacht habe, dass ich überhaupt 70 Jahre alt werde…

Fehlt Ihnen manchmal der besondere Kick der hohen Berge?

Reinhold Messner: Nein, ich habe mit allem abgeschlossen. Ich kann Dinge hinter mir lassen, die mir vorher viel bedeutet haben.

Wie fühlt sich Todesangst an?

Reinhold Messner: Es gibt keine Todesangst. Wenn im Berg etwas passiert, reagiert man wie ein wildes Tier. Dann kommt der Instinkt zum Tragen und der ist so gemacht, dass wir alles dafür tun, um zu überleben. Und der Instinkt kann es sich nicht leisten, Todesangst zu haben.

Er fasst den roten Anzug an, mit dem er einst ohne Sauerstoffgerät den Mount Everest bestieg. Reinhold Messner wird ganz still, wirkt in seinen Gedanken und Erinnerungen verloren. Es scheint, als stünde er erneut auf dem Gipfel der Welt.

Was ist Ihr Vermächtnis?

Reinhold Messner: Meine Museen sind mein Lebenswerk, mein Vermächtnis. In ihnen steckt all mein Herzblut, viele Erinnerungen – mein bewegtes Leben.

Verraten Sie uns bitte Ihren größten Sieg – und die schlimmste Niederlage…

Reinhold Messner: Das war beides die „Nanga-Parbat-Expedition“ im Himalaja 1970. Die Überschreitung dieses Berges war die verrückteste Sache, die wir je gemacht haben. Und die mein Bruder Günther (†24) beim Abstieg mit seinem Leben bezahlen musste.

In der Kapelle, die an den verstorbenen Bruder erinnert, wehen leise Töne heran. Es ist die Melodie von Bob Dylans „Blowin’ in the Wind“. Plötzlich ist Reinhold Messner sehr bewegt. Man spürt, dass ihm das Drama auch heute noch unglaublich nahe geht.

Haben Sie eigentlich Angst vor dem Tod?

Reinhold Messner: Nein! Ich hatte Momente, in denen ich keine Hoffnung mehr hatte, durchzukommen. Da war aber keine Angst. Im Gegenteil. Es war so wie in den Tod zu fallen. Eine Art Erlösung. Ich hatte schon Erlebnisse, wie ich meinen Körper verließ, von oben auf mich herabschaute. Ja, ich war wohl schon öfter tot…

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