Samuel Koch: "Der Glaube hilft mir, Hoffnung zu behalten"

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Foto: Simone Fischer-Trefzer

Interview

Eine ganze Nation war zutiefst geschockt, als der fröhliche junge Mann vor laufenden Kameras diesen furchtbaren Unfall hatte. Millionen Zuschauer wurden Zeuge, wie ein beginnendes Leben - Samuel hatte gerade seine Schauspielausbildung abgeschlossen, war ein Multi-Sporttalent - von 100 auf gegen 0 gefahren wurde. Ganz Deutschland bangte, wartete auf Nachrichten aus der Klinik. Und war entsetzt über die grausame Diagnose - die lautete: vom Hals abwärts gelähmt. Jetzt studiert er wieder und hat ein Buch geschrieben - bzw. es dem Journalisten Christoph Fasel diktiert. Ein Zeichen, dass es ihm besser geht? Wir sprachen mit ihm.

tina: Wie sieht Ihr Tagesablauf derzeit aus?

Samuel Koch: Der Tag beginnt wie bei jedem anderen mit Aufstehen und Morgentoilette und endet mit dem Schlafengehen, nur dass das bei mir jeweils zwei Stunden dauern kann, da ich bei allem Hilfe brauche. Ansonsten gibt's noch keinen normalen Tagesablauf, weil alles für mich, meine Unterstützer und die Dozenten an der Hochschule noch mehr oder weniger in der Erprobungsphase steckt.

Hat sich Ihr Gefühl für Zeit verändert?

Samuel Koch: Ja, sicher. Mein Körper kann so gut wie nichts mehr von dem, was er vor dem Unfall konnte. Mir ist mein persönlicher Super-GAU widerfahren. Bewegung hat mich früher ausgemacht, und von diesem Teil von mir ist nichts übrig geblieben. Ich befinde mich in einer Art unfreiwilligem Entzug von einer Droge, der ich 23 Jahre lang Futter gab. Daher definieren sich Zeit und Geduld für mich völlig anders.

Was ist für Sie Lebensqualität?

Samuel Koch: Darunter hätte ich früher solche Dinge wie "ein Haus am Meer" verstanden - heute ist es für mich ein Stück Lebensqualität, wenn ein Freund mir die Mütze auf Anhieb so aufsetzt, wie ich es gern hätte.

Sie haben Ihr Schauspielstudium in Hannover gerade wieder aufgenommen. Wie funktioniert das?

Samuel Koch: Ich werde von einem Pfleger begleitet. Ich kann ja keine Seite umblättern und keinen Stift halten. Deshalb merke ich mir die Vorlesungen oder nehme sie auf Band auf, meine Kommilitonen schreiben auch für mich mit. Bücher lese ich am Computer oder lasse sie mir vorlesen. Unterricht im Fechten, Tanzen, Turnen und Reiten kann ich natürlich nicht mehr nehmen, dafür besuche ich andere Seminare oder Vorlesungen.

Welche Fähigkeiten haben Sie schon zurückgewinnen können?

Samuel Koch: Immerhin hat der Heilungsverlauf bislang nicht stagniert.

Wie und wo leben Sie heute?

Samuel Koch: In einer Mietwohnung in Hannover.

Haben Sie noch starke Schmerzen ?

Samuel Koch: Leider ja. Da der oberste Halswirbel dreimal gebrochen ist und damit seine Funktion verloren hat und der zweite Halswirbel am Schädel anstößt, sind laut der Ärzte auch chronische Schmerzen nicht auszuschließen. Wobei ich wiederum erfreulicherweise sagen kann, dass die schmerzfreien Intervalle länger werden.

Seit Herbst haben Sie auch Rückschritte hinnehmen müssen. Hat die Hoffnung Sie jemals verlassen?

Samuel Koch: Meine sogenannte inkomplette Lähmung bedeutet, dass das Rückenmark gequetscht und nicht durchtrennt wurde. Motorische Fähigkeiten könnten in den nächsten zwei, zehn oder dreißig Jahren wiederkommen - oder nie. Und diese Hoffnung lasse ich mir nicht nehmen.

Was waren Ihre dunkelsten Momente?

Samuel Koch: Einer der zumindest schmerzhaftesten Momente war eine Notfall-Untersuchung im MRT, bei der mein Halofixateur, der in meinem Schädel festgeschraubt war, an die vibrierenden Wände der Röhre schlug. Die Kombination aus Schmerz und doppelter Hilflosigkeit war nicht gerade schön. Ansonsten war es eher ein schlimmer Prozess und kein einzelner Moment, in dem mir immer mehr klar wurde, was ich alles verloren habe und dass ich nicht wie sonst immer nach ein paar Wochen wieder fit sein würde. Dass dies ein nachhaltiger Zustand sein könnte.

Wie sind Sie mit Gott ins Gericht gegangen? Wie hat der Unfall Ihr Verhältnis zum Glauben beeinflusst?

Samuel Koch: Ich glaube nicht, dass es mir zusteht, mit Gott ins Gericht zu gehen. Eher habe ich mich vielleicht gefragt, was Gott mir mit diesem Unfall sagen will. Ich hoffe nicht, dass es sein Plan ist, mich im Rollstuhl sitzen zu lassen. Es ist gerade der Glaube, der mir hilft, die Hoffnung zu behalten.

Welches sind die tröstlichsten und fröhlichsten Momente mit Familie und Freunden?

Samuel Koch: Gemeinsam herzhaft zu lachen, mitgezogen zu werden, wenn ich mal durchhänge, gemeinsam etwas zu unternehmen.

Nach dem Unfall haben sich unzählige, auch fremde Menschen bei Ihnen gemeldet. Hat Sie das auch mal überfordert?

Samuel Koch: Eigentlich nicht. Es hat mich sehr gefreut. Ich habe so viele liebe, ermutigende, kraftspendende Mitteilungen erhalten. Es tat mir sehr leid, dass ich nicht antworten konnte. Aber ich kann ja noch nicht einmal einen Kugelschreiber halten. Geschweige denn einen Brief schreiben.

An welche Zuschriften erinnern Sie sich besonders gern?

Samuel Koch: An solche, die von Menschen stammen, die ebenfalls schwere Schicksalsschläge erlitten haben.

Haben Sie auch schlechte Erfahrungen mit neugierigen Journalisten gemacht?

Samuel Koch: Eigentlich nicht. Die meisten waren fair und rücksichtsvoll. Nur ganz wenige haben versucht, auf unlautere Weise an Informationen zu kommen und sich zum Beispiel in die Intensivstation einzuschleichen.

Jetzt haben Sie ein Buch geschrieben - warum?

Samuel Koch: Erstens, um mir selbst einen Zwischenstand zu geben - um innezuhalten und nachzudenken, was passiert ist und was das mit mir gemacht hat. Zweitens, um all den Menschen zu danken, die mir so viele gute Wünsche haben zukommen lassen, und ihnen etwas von mir zu erzählen. Drittens, um die Chance zu nutzen, auf die Situation von Rollstuhlfahrern in Deutschland aufmerksam zu machen. Vielleicht können meine Erfahrungen ja auch so anderen Betroffenen helfen.

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