Schatz, du kratzt!

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Schatz, du kratzt!
Foto: Thinkstock

Kolumne: Männer mit Bart

Auch wenn Ben Affleck und Hugh Jackman einen tragen: JOY-Autorin Lucia Stern kann dem wachsenden Bart-Trend wenig abgewinnen – wer will schon Fossi-Bär küssen?

„Das Waschbecken ist schon wieder voller Stoppeln!“ Dieser Satz schallt bei uns jetzt öfter durch die Wohnung, seit mich mein Freund vor vier Wochen in einer Bierlaune fragte: „Denkst du, mir steht ein Bart?“ Um dann, ohne meine Antwort auch nur abzuwarten, hinzuzufügen: „Ich lass mir jetzt einen wachsen – so wie Ben Affleck, der sieht doch cool aus damit.“

Seitdem sind meine Lippen wund – und die Nerven blank. Als wir uns vor dreieinhalb Jahren kennenlernten, waren die Haare auf dem Haupt meines Liebsten schön surfermäßig lang, die im Gesicht kurz, jetzt ist es genau umgekehrt.

Bart statt Babypo-Wangen

„Hugh Jackman trägt das auch so“, meinte er, als er im Bad mit meinen Cremes Türmchen baute, um Platz für seinen neuen Langhaarschneider und die zig Aufsätze zu schaffen. Womit wir genau beim Thema wären: Die einzigen Männer , die in meiner Welt bisher einen Gesichtsteppich besitzen durften, waren Biolehrer und Strickpulli tragende Sozialpädagogen – abgesehen von Rudi Völler und seinem Kult-Pornobalken.

Doch vor etwa einem halben Jahr begann der Trend, Hollywood zu überwuchern: Jake Gyllenhaal, Russell Brand und Brad Pitt züchten Rauschebärte, als würden sie ZZ Top Konkurrenz machen wollen. Und im Netz schießen Blogs wie Thebearded.tumblr.com und Beardboys.tumblr.com mit Fotos von attraktiven, unbekannten Bartträgern wie Pilze aus dem Boden.

Vollbart-Trend aus Hollywood

In der Hoffnung, so eine Matte verleihe einem domestizierten Großstädter kernigen Holzfäller-Charme, hat sich nun ungefähr die Hälfte aller Männer in meinem Bekanntenkreis einen Bart zugelegt. Sogar mein Bankbeamter und mein geschniegelter Unternehmensberater-Nachbar, der mit „unten mit“ wohl von „oben ohne“, seinen Geheimratsecken, ablenken will.

Mein Freund und ich haben mittlerweile alle Wachstumsphasen durch: Die ersten drei Tage fühlte sich mein Gesicht wie junger Parmesan an, der unbarmherzig mit einer Reibe traktiert wurde, nach einer Woche piekste Schatzi wie ein Kaktus mit vielen kleinen Stacheln und mittlerweile könnte ich ihn ausgiebig kraulen, wenn sich gerade mal kein Stück Frühstücksei im Gestrüpp verfangen hat.

Stolze Männer

Ich liebe meinen Freund über alles, aber ich knutsche einfach lieber glatte Lippen und Wangen als die von Fossi-Bär. Doch ein Kommando zum Kahlschlag bringe ich auch wieder nicht übers Herz. Er ist nämlich mächtig stolz auf seine neue Manneszier: Ganz unauffällig wirft er in jedes Schaufenster und in jeden Spiegel einen kurzen Blick – irgendwie süß!

Dennoch hoffe ich, dass uns dieser Sommer eine respektable Hitzewelle beschert. Wenn mein Freund dann bei 30 Grad im Schatten „Mann, ich schwitze unter dieser Wolle wie Sau“ jammert, werde ich sofort parat stehen und ihm verständnisvoll seinen Rasierer reichen. Und dann das Waschbecken mit einer Begeisterung wie noch nie putzen.

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