Schatz, lass uns zusammenziehen ...

schatz lass uns zusammenziehen

Ein Mann packt aus

Mit der ersten gemeinsamen Wohnung ist es ein bisschen wie mit Medizin: Beides ist gut für akute Bedürfnisse, aber nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen. Ein Blick in den Freundeskreis zeigt: Der eine oder andere Kumpel hätte vorher besser die Packungsbeilage lesen sollen ...

Es war eine Sensation. Micha erzählte es mir beim Joggen am Rhein: "Du, übrigens, Christina und ich ziehen zusammen." Ich geriet kurz ins Stolpern. So stelle ich mir es bei Frauen vor, wenn die beste Freundin beim Klamottenkauf voll daneben gegriffen hat. Sagt man es ihr? Nein, jedenfalls nicht so direkt, nehme ich an. Bei Männern ist es ähnlich. Ich nuschelte was wie "Super" und hoffte, dass es begeistert klingt. Er joggte federleicht weiter und plauderte über bevorzugte Wohngegenden und Mindest-Quadratmeter. Derweil überschlug ich innerlich, wie lange das gut gehen wird. Drei Monate? Vier Monate? Okay, ein halbes Jahr. Maximal!

Warum so pessimistisch? Ganz einfach: Weil Micha und Christina in meinem Bekanntenkreis irgendwie typisch für eine ganz bestimmte Sorte von Paaren sind.

Da ist auf der einen Seite Christina: zielstrebig, mit Hang zur Perfektion und Liebe zum Detail (so wie viele Frauen), durchaus mit Geschmack (so wie viele Frauen). Entsprechend ihr feminines "Schöner Wohnen"-Appartement: edel, stilvoll, mit schicken Möbeln, geradezu katalogesque. Und, na ja, irgendwie steril. Nix für Kerle.

Auf der anderen Seite Micha: Typ ewiger Junggeselle, oft in Feierlaune, unordentlich, mit einer Männer-Bude nach dem Männer-Motto "Hauptsache praktisch". In den späten 80ern richteten handwerklich begabte Familienväter so ihren Partykeller ein: überall Trophäen aus Urlauben und von Party-Wochenenden, geklaute Straßenschilder, geklaute Bierkrüge, geklaute Nummernschilder. Dazu ganze Kollektionen von Weinflaschen, Pokalen, Medaillen, Konzert-Eintrittskarten. An den Wänden Poster und liebevoll gebastelte Foto-Collagen mit fröhlichen, durchweg beschwipsten Menschen. Wer durch diese Wohnung geht, könnte problemlos Michas Biographie schreiben - selbst wenn er ihn nicht kennt.

Bevor Micha und Christina in ihre schicke Riesenwohnung zogen, saßen wir mit ein paar Leuten in Michas Küche und teilten spaßeshalber sein Erbe auf - "Brauchste bald ja eh nicht mehr den Kram." Auch Micha lachte.

Das Lachen ist ihm vergangen. Es war ein bisschen, als würde Ute Ohoven mit Al Bundy zusammenziehen. Klar, wer da das Nachsehen hat ... Die neue, gemeinsame Wohnung war: edel, stilvoll, mit schicken Möbeln, geradezu katalogesque. Kurz: für die meisten Männer so attraktiv wie Muttis Beinhaare.

Keine Sorge, liebe Leserinnen. Dafür mache ich nicht Christina verantwortlich. Sie hat sich bloß durchgesetzt, mehr nicht. Schuld ist Micha. Er gab seine Persönlichkeit, seine Vita, sein Ich noch vor der neuen Designer-Fußmatte ab. Dabei dokumentieren all diese Reliquien - Schilder, Krüge, Pokale, Eintrittskarten - jeden einzelnen Schritt unseres Werdegangs. Wer seine ganze Identität in Umzugskartons steckt und im Keller verstaut, verabschiedet sich endgültig von seiner Jugend und der Unbeschwertheit. Das sollten Männer eigentlich wissen - und Frauen zumindest ahnen. Es muss ja nicht gleich auf eine Wohnung wie beim Asi-Part in "Frauentausch" hinauslaufen.

Nach nicht einmal vier Monaten zog Micha aus. Da waren seine Kartons noch gepackt - immerhin.