Selbstverteidigung: Die besten Tipps gegen Übergriffe

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Foto: MrKornFlakes / iStock

Selbstverteidigung für Frauen

Stellen Sie sich vor, Sie gehen abends eine Straße lang. Plötzlich merken Sie, dass Sie jemand verfolgt. Was tun? Und was, wenn die Situation eskaliert? Ein Experte für Selbstverteidigung und Zivilcourage gibt Tipps!

Übergriffe auf Frauen geschehen manchmal, aber nicht immer, durch Fremde und völlig unerwartet auf offener Straße. Jetzt ist es wichtig zu wissen, wie man sich verhalten sollte.

Viele Frauen haben Angst davor, auf der Straße, in Bus und Bahn, in der Bar oder sonst wo von gewaltbereiten Männern bedrängt zu werden.

Doch wie sollte man handeln, wenn man in diese Situation gerät? Oder gibt es vielleicht Wege, überhaupt zu vermeiden, als mögliches Opfer gesehen zu werden?

Oliver Dreber von wehrdichblog.com stand uns Rede und Antwort. Er gibt regelmäßig in Frankfurt/Main Workshops zu den Themen Frauenselbstverteidigung, Gewaltprävention und Zivilcourage.

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- WUNDERWEIB.de: Herr Dreber, was kann ich tun, um gar nicht erst als "potentielles Opfer" gesehen zu werden?

Oliver Dreber: "Alles beginnt mit der Haltung, der inneren Haltung sowie der Körperhaltung. Nicht umsonst spricht man auch von der Opferhaltung (gekrümmter Rücken, schleichender Gang, Blick zum Boden gerichtet). Grundsätzlich wird nur der als Opfer gesehen, der sich auch als solches verhält oder einfach schwächer ist (Senioren, Behinderte, Kinder).

Täter mögen keine Gegner! Bringen Sie daher mit Ihrer Haltung im Innen wie im Außen zum Ausdruck, 'NEIN! – Mit mir nicht!' Seien Sie selbstbewusst. Ein stabiler Stand, ein klarer Blick, eine ruhige, aber bestimmte Stimme und eine aufrechte, gerade Haltung signalisieren, dass hier jemand steht, der zu sich steht und kein Opfer ist."


- Ich gehe nachts eine Straße lang und merke, jemand verfolgt mich (ich bin mir aber noch nicht hundertprozentig sicher). Wie verhalte ich mich am besten?

"Bevor Ihr Gedankenkarussell beginnt sich zu kreisen und Sie sich unmerklich einer sehr kontraproduktiven Panik nähern, verschaffen Sie sich Sicherheit. Bleiben Sie kurz stehen und drehen Sie sich um. Wenig ist so fatal, wie eine Situation falsch einzuschätzen. Wenn Sie sich dabei sicherer fühlen, greifen Sie gleich in Ihre Tasche und holen Sie Ihr Handy hervor. Folgt Ihnen Niemand, atmen Sie durch und gehen Sie in Ruhe Ihrem Ziel entgegen.

Taucht doch jemand in Ihrem Blickfeld auf, bewahren Sie Ruhe. Wechseln Sie die Straßenseite und behalten Sie Ihr Handy in der Hand. Beobachten Sie, wie sich der Passant verhält.

Läuft dieser ohne Reaktion weiter, atmen Sie durch und gehen Sie in Ruhe Ihrem Ziel entgegen. Wechselt er gleichfalls die Straßenseite, bleiben Sie dennoch ruhig und nehmen Sie eine selbstbewusste Haltung ein.

Wenn Sie den Eindruck haben, dass der Passant auf Sie zukommt, sprechen Sie ihn direkt, klar und laut an. Wenn das zu keiner Reaktion führt, wählen Sie 110 und sofern möglich, klingeln Sie an der nächstgelegenen Eingangstür. Behalten Sie dabei den potentiellen Aggressor im Blick.

Lassen Sie sich auf keine Gespräche oder Diskussionen ein. Vermitteln Sie eindeutig, dass Sie keinen Kontakt wünschen ('Halt! Bleiben Sie stehen. Ich rufe gerade die Polizei!')."


- Der Mann lässt nicht locker, jetzt fasst er mich an. Was kann ich tun?

"Lassen Sie sich in keinem Fall greifen! Dies kann nur geschehen, wenn Sie den Aggressor in Ihren Persönlichkeitsbereich eindringen lassen, also überhaupt erst zu nah an sich heran. Durch eine klare und eindeutige Schutzhaltung sollten Sie dies verhindern können.

Sollten Sie dennoch gegriffen worden sein, verschwenden Sie bitte keine Energie mit Schreien, wildem Gezerre oder wirkungsloses Umsichschlagen. Jetzt muss es schnell gehen.

Führen Sie eine Gegenschockmaßnahme durch, indem Sie den Angreifer z. B. mit aller Macht gegen das Schienbein oder in den Genitalbereich treten oder sensible Ziele im Gesicht angreifen wie Augen, Nase, Ohren, Mund. Durch den Schmerz ist der Angreifer abgelenkt.

Lösen Sie den Griff vollständig und entfernen Sie sich sofort von der Gefahrensituation. Wählen Sie erneut 110, klingeln Sie an weiteren Türen oder sprechen Sie weitere Passanten an.

Statistiken zeigen, Frauen die sich sofort und gezielt wehren, tragen ein um 90% geringeres Verletzungsrisiko."


- Anderes Beispiel: Ich bin gar nicht selbst betroffen, aber ich sehe, wie eine andere Frau bedrängt wird. Sollte ich einschreiten? Wenn ja, wie?

"Hier sind wir im Feld der Zivilcourage. Zivilcourage ist immer dort vonnöten, wo Schwächere verhöhnt, verspottet, drangsaliert oder angegriffen werden und sich selbst nicht oder nicht mehr verteidigen können. Diese Übergriffe finden meist im öffentlichen, anonymisierten Raum statt.

Hier braucht jede Gesellschaft mutige Bürger, um Übergriffe dieser Art aus der Anonymität ans Licht zu bringen. Schwächere Mitbürger gehören in allen Gesellschaften geschützt. Das ist Zivilcourage.

Ja, Sie sollten eingreifen! Holen Sie bereits im Vorfeld Ihr Handy aus der Tasche. Sprechen Sie die bedrängte Person an und fragen Sie, ob diese Hilfe benötigt. Bleiben Sie dabei zunächst auf Distanz.

Machen Sie weitere Passanten auf die Situation aufmerksam. Sprechen Sie diese direkt an ("Hey, Sie da mit der roten Jacke!") und holen Sie sie in die Situation rein. Stellen Sie eine Überzahl dar, gerade auch optisch und räumlich. Wo Menschen einander beistehen, steht die Gewalt alleine da.

Sollte eine Deeskalation nicht möglich sein, rufen Sie bitte umgehend 110 oder in der Nähe befindliches Sicherheitspersonal. Wie Sie sich als couragierter Bürger verhalten, um Schwächeren zu helfen und dabei sich selbst zu schützen erfahren Sie in vielen deutschen Großstädten bei Projekten im Bereich Zivilcourage."


- Ich sehe, wie zwei Männer streiten. Die Situation droht zu eskalieren, sie wirken gewaltbereit. Was kann ich tun?

"Ja, auch hier sollten Sie helfen, aber ohne direkt in die Situation einzugreifen. Bleiben Sie auf Distanz. Sprechen Sie die unterlegene Person an und verfahren Sie wie oben. Sollte die Situation schneller eskalieren, was unter Männern eher zu erwarten ist, wählen Sie bitte umgehend 110 oder rufen Sie das Sicherheitspersonal zu Hilfe."

Foto: Hara Do UG - Workshop-Angebote "Wehr Dich!" & "Mutige Bürger FFM."

Oliver Dreber ist Trainer & Inhaber der Hara Do - Institut für Kampf und Kommunikation UG in Frankfurt/Main. Er gab uns Tipps, wie Sie Übergriffe vermeiden können.

Er selbst gibt regelmäßig Workshops zur Selbstverteidigung & Gewaltprävention für Frauen in Frankfurt am Main. In seinen Kursen lernen Frauen potentielle Gefahren rechtzeitig zu erkennen, Konflikte zu vermeiden und auch Angriffe im Notfall direkt abzuwehren.

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