Sex in langen Beziehungen: Big love, no sex?

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Big love, no sex?
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Sex in der Langzeit-Beziehung

Je länger die Beziehung, desto seltener der Sex? Keine Panik, rät Sex-Päpstin Anne West: Die Lust ist kein Gradmesser des Liebesglücks. Und sie geht auch nicht ganz verloren, höchstens ab und an mal spazieren.

Das erste Mal „Wir sollten mal wieder Sex haben“-Sex hatten mein Mann und ich im vierten Jahr unserer Ehe . Das ist diese halbgare Sorte Liebesspiel, die aus Pflichtgefühl, Sorge und Sehnsucht entsteht. Pflichtgefühl, weil das letzte Mal schon so lange her ist. Sorge, dass es daran liegen könnte, dass wir uns nicht mehr so scharf finden. Sehnsucht, sich endlich mal wieder so aufregend zu spüren wie zu Beginn, wo jedes Treffen knisternd und prickelnd war.

Sex mit Routine

Als wir dann miteinander schliefen, gab es nichts, was fehlte – wir fanden die guten Stellen des anderen im Halbschlaf. Jetzt das Aber: bis auf diesen Hunger. Der hatte sich in Appetit gewandelt. Und wenn der Appetit nicht heute gestillt wird, dann morgen. Oder nächste Woche. Oder wenn wir weniger Stress haben …

Auf diese Weise können beiläufig mehrere sexlose Wochen ins Land gehen. Und auf einmal steht man da und gehört zu der schlüpfergrauen Statistik, die laut einer Studie der Universität Göttingen besagt, dass 57 Prozent der deutschen Paare maximal einmal pro Woche Sex haben („maximal“ ist die höfliche Umschreibung für „eher seltener“) und 17 Prozent in den letzten vier Wochen überhaupt nicht.

Mehr Liebe, weniger Lust

Die Liebe wird größer, die Lust schmaler: Das ist eine Gesetzesmäßigkeit, die den meisten Paaren in längeren Beziehungen (also mit mehr als drei, vier Jahren Dauer) begegnet. Männer fühlen sich weniger männlich und nicht mehr als Leistungsmacher bestätigt. „Ich habe es ihr besorgt“ ist das moderne Äquivalent zum steinzeitlichen „Ich habe Feuer gemacht!“, Sex gilt bei manchen Herren als Rückgrat des Selbstbewusstseins.

Frauen fühlen sich weniger geliebt. Oder weniger schön: Sie sehen im Nachlassen der Frequenz den Beweis, dass die 500 Gramm mehr auf der Hüfte abturnend seien und es eben doch nicht auf diese „inneren Werte“ ankäme. Aber wieso ist das Leben so ungerecht und gönnt uns zwar den besten Mann auf Erden – aber nicht den besten Sex, der immer währt?

Wir würden ein Leben in Leidenschaft nicht überleben

Wir sind nicht auf der Welt, um glücklich zu sein“, stellt die US-Anthropologin Helen Fisher trocken fest. „Wir sind auf der Welt, um uns fortzupflanzen.“ Und das impliziert laut ihren Forschungen, dass die wilde Leidenschaft 18 (normalerweise) bis 36 Monate (schöne Ausnahme) hält und dann nachlässt.

Mit einem schönen, ruhigen Abschwung, gelegentlichen Aufschwüngen und Zwischenphasen, wo wir es noch mal wissen wollen oder die Work-Life-Balance mehr Lust und „quality time“ für Entspanntheit und Sexualität zulässt, durchaus inbegriffen. Doch ganz gleich, wie nervös uns dieses Gesetz macht: Das Abflauen der Geilheit dient unserem Überleben.

Das Überleben sichern

Ein ständig aufeinander fixiertes Paar, das sich dauernd in die Büsche verdrückt und auf das Handy starrt, um keine SMS zu verpassen – das bekäme sein Leben nicht auf die Reihe. Weder das berufliche noch das soziale. Die Chemie des Verliebtseins ist ein starker Cocktail aus Dopamin, Serotonin und Adrenalin für Geist und Körper – er ist ein Champagner-Rausch, der uns auf die süßeste Weise verblödet, die wir uns wünschen können. Aber niemand kann ständig betrunken sein, ohne davon Schaden zu nehmen.

Intensive Leidenschaft verbraucht viel Energie und Zeit, erotische Besessenheit würde unseren Seelenfrieden auf Dauer beeinträchtigen. Ja, es steckt ein tieferer Sinn darin, dass wir von der Horizontalen zurück in die Vertikale kommen. Nach der Lust kommt naturgemäß der Frieden, es beginnt Liebe und ihre etwas spröde Schwester: Partnerschaft . Es setzt die Phase ein, in der wir den anderen kennen und sehen lernen, so wie er ist. Kurz: Geliebte werden zum Team.

Liebe und Lust sind ein Widerspruch

Die Ideale der Zweierbeziehung interessiert die Leidenschaft leider überhaupt nicht. Ein Zuviel an Liebe raubt dem Sex seinen irren Zauber. Liebe und Beziehung, das heißt in der Praxis auch: Grillabende auf dem Balkon, gemeinsam an der Kletterwand hängen, zusammen durch die Clubs ziehen, zweisam im Spinning-Kurs, ein gemeinsames Konto, gemeinsame Freunde.

Erotik im Beziehungs-Alltag?

Harmonie, Kompromisse, ein organisierter Alltag, Urlaubsplanung, Samstagvormittagseinkauf – und irgendwann besorgt sie ihm auch die Unterwäsche bei H & M. Was für eine schöne, zärtliche, normale Beziehung. Und ein absolut erregungsfreier Raum.

Für intensive, dunkle, hungrige, reißende Sexualität, für blinde Leidenschaft und wilde Lust ist partnerschaftliche Harmonie und die Organisation des Alltags ungefähr so anheizend wie eine Webcam-Übertragung von einer weißen Wand. Denn in der Harmonie von Liebe und Teamwork entstehen naturgemäß keine Spannungen mehr.

Fehlende Distanz

Keine Neugier und keine Sehnsucht, Distanzen körperlich überwinden zu wollen. Das funktionierende „Wir“ steht dem Ich und dem Du diametral entgegen. Wer im Alltag verschmolzen ist zu einer Wir-Masse, für den wird die Verschmelzung im Bett fast unnötig: Man ist sich ja sowieso ständig nah, muss es jetzt auch noch dieser 15-Minuten-Sport sein, wo doch beide müde sind? Ohne Distanzen zwischen Mann und Frau kann es keine Sehnsucht nach Nähe geben; und ohne Sehnsucht nach Nähe keine Leidenschaft.

Moment! Leidenschaft ist nicht gleich Hemd aufreißen, Bissküsse und brennende Laken. Leidenschaft ist keine Flamme, die eine begrenzte Lebensdauer hat. Sie ist etwas, was mal lodert, mal leise zischt, mal eine warme Glut bereitet und auch mal wieder aufflackert wie eine Stichflamme. Und Sie haben, wenn Sie so wollen, den Bunsenbrenner in der Hand.

Über das Wesen der Leidenschaft

Jede Beziehung kennt Phasen von sexlos bis liebevolle Zärtlichkeit, von Kuschelsex bis „Wir wollen’s wissen“ und probieren das mit dem Swingerclub, mit dem Fesselsex und dem Rollenspiel im Hotel. Ganz gleich, wie sehr sich die Sexfrequenz verringert: Sie sind nicht dazu verdammt, im zehnten Beziehungsjahr halbtot nebeneinanderzuliegen. 

Leidenschaft zeigt auf ihre Lebensdauer hin unendlich viele Facetten. Sie kann zärtlich sein und zur Achtung werden. Sie kann sich in tiefe Treue wandeln, in den Wunsch, sich kümmern zu wollen, oder in Dankbarkeit, sich intellektuell zu verstehen. Ja, manche Paare vögeln lieber mit dem Kopf (Gespräche, gemeinsame Projekte) als mit dem Körper!

Leidenschaft schaffen

Aber das verdrängen wir, weil wir nur die physische Leidenschaft des Neuen, des Fremden und Uneroberten meinen, wenn wir über sie sprechen. Komplett fremd kann uns der andere naturgemäß nicht mehr werden – doch es lohnt sich immer, ab und an einen Schritt zurückzugehen, um den anderen aus der Ich-Perspektive als eigenständiges Du zu sehen, das andere Lebensinteressen hat.

Getrennt Urlaub machen. Getrennte Schlafzimmer oder Wohnungen. Getrennt ins Kino gehen. Und eben nicht das Konto und die Facebookfreunde teilen. Trotzdem sollten wir uns nichts vormachen: Sie beide werden sich nicht mehr wie zu Anfang fühlen. Daran wird kein Rollenspiel etwas ändern. Höchstens eine umfassende Amnesie.

Neuanfang im Kopf

Denn das Leben ist ein ständiger Wandel: Sie sind mit 24 anders als mit 14 und werden mit 40 noch mal anders, mutiger und auch zufriedener sein. Vor allem, was die Sexfrequenz angeht: Machen Sie sich nicht verrückt, Sie haben es jederzeit in der Hand! Schauen Sie nicht weg, wenn es um Ihr Liebesleben geht.

Der Lösungsansatz ist natürlich der gleiche, der allgemein bei Flaute im Bett gilt: Fragen Sie sich, welchen Sex Sie wirklich haben wollen. Soll er „schön“ sein, mit intimer, seelischer Nähe? Soll er aufregend und unterhaltsam sein, mit anderen Orten, Experimenten mit Öl oder heißem Wachs? Soll er Ihnen die Sicherheit geben, begehrenswert zu sein, mit vielen Komplimenten und leidenschaftlichen Küssen ?

Unbekannte Seiten entdecken

All das ist ein erotisches Universum jenseits von Orgasmen. Haben Sie den Sex, den Sie wollen, nicht den, den Sie meinen, fürs Glück haben zu müssen! Paar- und Sexualtherapeut Ulrich Clement, Autor von „Guter Sex trotz Liebe“, plädiert für „rücksichtslose Fantasie“?

„Das überraschende Eingeständnis von bisher unbekannten erotischen Seiten macht uns bewusst, dass wir doch verschieden sind“, sagt er. „Es bringt Fremdheit zurück in eine Beziehung, in der wir dachten, alles voneinander zu wissen.“

Die sieben Feinde der Lust

1 Liebsein

Wer zu nett ist, immer „Ja, wie du willst, Schatz“ sagt, der verliert ein wichtiges Erregungsinstrument: Widerstand und Augenhöhe. Es ist weder für Männer noch für Frauen interessant, für jemanden leidenschaftliches Interesse aufzubringen, der kein starkes Profil hat. Es kann zwar für die Beziehung nervig sein, dass der andere einen eigenen Kopf hat – aber für die Leidenschaft ist es ein wesentlicher Motor. Seien Sie eigen!

2 Gemeinsein

Das schwarze Gegenstück zum Liebsein. Manche Damen sind besonders gut darin, ihren Liebsten zu gängeln, wo sie können. Wie er sich anzieht, wie er die Spülmaschine einräumt und wie er Auto fährt! Was er sagt, was er nicht sagt, wie er geht, steht und überhaupt. Ärgerhormone dämpfen die Erregungsfähigkeit.

3 Mutti-Ton

„Na, na, na. Das macht man doch nicht. Das gehört sich einfach nicht. Wenn das jemand sieht. Was sollen denn die Leute denken? Du bist unmöglich.“ Benimmregeln kommen in vielen Wortkleidern daher und haben die unangenehme Eigenschaft, die Hierarchien einer Beziehung zu manifestieren: eine, die maßregelt, der andere, der sich fügt oder aufbegehrt.

Bei Männern hat dieser Mutti-Ton zur Folge, dass er in ein frühkindliches Verhalten zurückfällt. Er verhält sich trotzig, aggressiv, beschämt – aber nicht wie ein erwachsener Mensch. Und schon gar nicht wie einer mit so erwachsenen Gefühlen wie Leidenschaft oder Verführungslust. Wer einen Mann wie einen Buben behandelt, bekommt auch einen.

4 Sexmissbrauch

Wenn Sex instrumentalisiert wird als Waffe, wenn etwa Sexverweigerung zur Bestrafung eingesetzt wird oder Sex als Gewinn, um den Liebsten zu etwas zu überreden. Solche sexuellen Manipulationen sind ein Bumerang.

5 Angst

Der Homo sapiens ist bequem und zieht die Sicherheit dem Risiko vor. Auch in der Beziehung: Wir lassen unbewusst alles so im Schlafzimmer, wie es ist. Sähe doch auch komisch aus, nach drei, vier oder zehn Jahren anzukommen: „Hau mich! Zieh schwarzes Lackleder an! Unterwirf mich! Lass es uns im regennassen Schlamm tun! Leck mir die Eier! Die Nachbarn sollen dich stöhnen hören!“

Oft ist es die große Angst vor Ablehnung, die uns schweigen lässt. Dabei hätte der andere vielleicht auch solche wilden, schmutzigen Wünsche, die mit dem blütenweißen Image der Liebe nichts zu tun haben? „Sexuelle Liebe ist nicht immer politisch korrekt“, sagt die New Yorker Psychotherapeutin Esther Perel, Autorin von „Wild Life. Die Rückkehr der Erotik in die Liebe“.

„Sie zieht aus Machtspielen Genuss, aus Rollentausch, unfairen Vorteilen, gebieterischen Forderungen, verführerischen Manipulationen und subtilen Misshandlungen.“ Wollen wir einander auf Dauer erotisch interessant bleiben, müssen wir im Schlafzimmer tun, was uns als Risiko für die Beziehung erscheint: Wir müssen uns Ich- statt Wir-bezogen auf die eigenen Bedürfnisse konzentrieren. Auch die verbotenen. Das Ich muss den Mut haben, sich dem anderen mit allen Facetten zu offenbaren.

6 Respekt

Ja, es ist oft auch der Respekt vor den Eigenheiten des Partners oder der Partnerin, der bremst, sich mitzuteilen. Frauen wollen sich und ihre sexuellen Abgründe dem anderen nicht „zumuten“ – und Männer verkennen die tiefe Lustfähigkeit und Spielbereitschaft ihrer Frauen. „So etwas macht meine Frau nicht“, denken sie, wenn es um Analverkehr oder Lackstiefel geht.

Diese Blindheit für die Geilheit der Frau resultiert aus der Erziehung und der Trennung von „anständigen Frauen“ und „unanständigen Frauen“. Viele Mütter von heute geben ihren Söhnen ein zweigeteiltes Frauenbild mit. Die lustvollen sind die „Schlampen“, die sexuell neutralen die zum Heiraten. Liebe Mütter: Emanzipiert euch! Und liebe Frauen: Ich habe noch nie von einem Kerl gehört, der sich nicht erfreut zeigte, wenn er in wohldosierten Happen eingeladen wird in schmutzige weibliche Welten.

7 Orgasmusjagden

Ist Sex nur gut, wenn beide kommen? Jein: Einerseits haben Frauen weniger Orgasmen, als sie haben könnten, weil sie sich zum Beispiel beim Vorspiel zurückhalten, anstatt es laufen zu lassen. Aber: Die Jagd nach dem (weiblichen) Orgasmus ist anstrengend für beide und kann die Abwehr vor Sex steigern: „Hoffentlich mache ich nicht wieder was falsch“, denkt er, „hoffentlich macht er es diesmal richtig“, denkt sie.

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