Sex nach der Geburt: Schmerzen statt Intimität

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Der erste Sex nach der Geburt kann ein wenig furchteinflösend sein.
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Sex nach der Geburt!? Wann darf ich wieder? Wie lange warten andere? Und was, wenn die Lust nicht wiederkommt? Die Familientherapeutin Marthe Kniep hat für uns mit Experten gesprochen, die wissen, was Schwangere und Eltern darüber wissen sollten.

Schon während der Schwangerschaft machen sich viele Paare Gedanken darüber, wie sich Partnerschaft und Sexualität nach der Geburt wohl verändern werden. Wenn sie dann ihren kleinen Schatz in den Händen halten, folgt eine Zeit, in der das Baby im Zentrum des Geschehens steht. Die Bedeutung von Zweisamkeit und körperlicher Nähe zwischen den Eltern rückt zugunsten der Bedürfnisse des Babys für eine Weile in den Hintergrund. Doch irgendwann ist er wieder da: der Wunsch oder zumindest der Gedanke an Sex und Leidenschaft.

„Es stand mir bevor, weil ich Angst hatte, wie es sein würde – für ihn und für mich. Wichtig war für mich damals, dass der Bann gebrochen war und wir es überhaupt wieder gemacht haben. Das war drei Monate nach der Geburt. Bis es wieder richtig schön war, hat es etwas gedauert.“

Wann Sex frühestens wieder möglich ist:

Je nach Geburtsverlauf kann es unterschiedlich lange dauern, bis körperlich wieder alles bereit ist für partnerschaftlichen Sex. Privatdozentin Dr. Kaven Baeßler, Leiterin des Beckenbodenzentrums an der Charité Berlin rät frischgebackenen Müttern, dass „vor dem ersten Geschlechtsverkehr Risse oder Schnitte gut verheilt sein sollten, was durchaus zwei bis sechs Wochen dauern kann. Mit einer Kaiserschnittnarbe sollte bis zur Abheilung soweit vorsichtig umgegangen werden, dass diese Hautpartie nicht unnötig strapaziert wird.“ Grünes Licht für partnerschaftlichen Sex gibt es im Zweifelsfall in der Nachsorgeuntersuchung durch die Frauenärztin.

Was in anderen Betten läuft:

Studien* an Geburtskliniken ergaben, dass etwa die Hälfte der dort entbundenen Frauen nach etwa sechs Wochen wieder sexuell aktiv geworden ist. Sex mit einem Partner startet hingegen etwas später. So haben circa 40 Prozent der Frauen nach fünf bis sechs Wochen wieder mit einem Mann geschlafen. Nach sieben bis zwölf Wochen sind es bereits knapp 80 Prozent, die ihr Sexualleben wiederbelebt haben und nach einem Jahr fast alle der Studienteilnehmerinnen. Jüngere fangen im Durchschnitt schneller wieder an sexuell aktiv zu werden. Frauen mit kompliziertem Geburtsverlauf, Rissen, Schnitten oder Kaiserschnitt starten im Durchschnitt später als Frauen, die eine komplikationslose Geburt erleben durften.

*Maternal Health Study, EA Mac Donald, SJ Brown, Australia 2013

Veränderte Gefühle:

Der Beckenboden wird um mehr als das Dreifache gedehnt, wenn der Kopf hindurch geht und es braucht Zeit, bis sich alles wieder zusammenzieht.

Diese starke Dehnung verändert bei vielen Frauen für einige Zeit die Empfindungen im Unterleib. Gynäkologin Dr. Baeßler weiß aus der Praxis, dass viele Frauen nach der Geburt von einem Taubheitsgefühl in der Scheide oder einem beeinträchtigten Gespür für den Harndrang berichten. Deshalb fühlen sich einige Frauen auch Monate nach der Geburt noch nicht wieder bereit für partnerschaftlichen Sex oder können ihn noch nicht wieder wie früher genießen. Optische Veränderungen wie Gewichtszunahme, eine Narbe oder Hautrisse verstärken die Zurückhaltung in Sachen Sex oftmals zusätzlich, weil sich betroffene Frauen noch nicht wieder sexy fühlen.

„Riss an der Schamlippe, Wochenfluss, Milchfluss, Milchspuckies überall. Ich hab irgendwie vorübergehend die Kontrolle über meinen Körper verloren. Da war kein Platz für Sex!“

Kraft tanken für ein gutes Körpergefühl:

Trotz unglaublicher Mutterfreuden haben viele Frauen auch Wochen nach der Geburt noch nicht zu einem guten Körpergefühl zurück gefunden, geschweige denn zu ihrer alten Fitness. Genau das ist aber oftmals die Voraussetzung für Frauen, um sich ihrem Mann wieder gern zu zeigen und sich körperlich anzunähern. Deshalb sind kleine Pausen vom Baby für Körperpflege, Power-Napping und sanftem Sport wichtig. Mütter tun also gut daran, ihr soziales Netzwerk zu aktivieren und sich hier und da eine Auszeit bzw. Zeit für sich selber zu organisieren. Besser wenig, als gar nicht!

Sport für die Libido:

Was viele unterschätzen, ist die Steigerung des Lustempfindens beim Sex durch einen gut trainierten Beckenboden. Und gerade der wird während Schwangerschaft und Geburt extrem strapaziert. „Wenn eine Frau ihren Beckenboden noch nicht wieder anspannen kann oder sie das Gefühl hat, dass ihr „alles rausfällt“, sollte sie sich an eine Frauenärztin wenden und sie direkt darauf ansprechen“, rät Dr. Baeßler. „Mit einer gezielten Physiotherapie für den Beckenboden kann vielen Frauen sehr gut geholfen werden nach der Geburt zu einem guten Körpergefühl zurück zu finden und den Beckenboden im Alltag und damit auch beim Sex einzusetzen.“

„Ich dachte immer, das sei ein Märchen mit dem besseren Sex mit gut trainiertem Beckenboden. Aber ich hab nach intensivem Training wirklich einen viel besseren Kontakt zu dieser Region meines Körpers bekommen.“

Voraussetzung sei, dass die Frau ihren Beckenboden willkürlich anspannen kann. Ansonsten solle zunächst eine vaginale Elektrostimulation zur Bewusstseinsschulung erfolgen. Die Kosten für Physio- und Rückbildungskurse werden normalerweise von den Krankenkassen übernommen. Anschließend sind sanfte Sportarten wie Pilates und Yoga effektiv, ersetzen aber nicht ein gezieltes Beckenboden-Training.

Unterschiedliche Bedürfnisse der Partner:

Wann die Lust auf Sex nach der Geburt des Kindes wiederkommt, ist bei jedem Paar anders. Sehr unterschiedliche Bedürfnisse können dabei natürlich schnell zum Stressthema werden. Die erfahrene Münchner Paartherapeutin und Buchautorin Dr. NeliaSchmid König erklärt, dass „ganz ehrlich miteinander reden in dieser Zeit besonders wichtig ist. Dazu gehört das auch ausgesprochene Eingeständnis der Frau, wenn sie sich zum Sex noch nicht bereit fühlt.

Von Seiten des Mannes ist ebenfalls Offenheit und Ehrlichkeit seiner Partnerin gegenüber wichtig. Vielleicht leidet er unter seinem Neid, seiner Eifersucht auf das Baby, das jetzt die ganze Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit seiner geliebten Frau bekommt.“ Um diese Zeit gut zu überstehen, sei es deshalb für beide Partner wichtig, den anderen wissen zu lassen, dass er begehrt und geliebt wird - auch wenn im Moment wenig Zeit und wenig Sex miteinander möglich sind.

Ansprüche überdenken:

Es bleibt nicht viel Zeit zwischen wickeln, füttern und zu Bett bringen. Die weiblichen Ansprüche an die optimalen Voraussetzungen für guten Sex sind daher manchmal schwer zu erreichen. Ausgeschlafen, satt, geduscht und an allen wichtigen Stellen enthaart! Wer diesen Zustand zur Voraussetzung für Sex macht, legt sich deshalb selber Steine in den Weg. Mut zur Lücke sollte es stattdessen lieber heißen. Männer können nämlich besser über kleine Beauty-Lücken hinweg sehen, als ihre Partnerin, wenn die Aussicht auf Sex dadurch in greifbare Nähe rückt.

„Ich fand meine Frau und ihren Körper nach der Geburt schön. So feminin und weich. Aber ich habe verstanden, dass sie sich mit anderen Augen sieht als ich.“

Wenn die Lust nicht wieder kommt:

Eine lange Sexpause muss nicht zum Problem werden, wenn keiner darunter leidet. Müdigkeit, das Ausleben der Elternrolle oder Stress und Zeitmangel durch den Job gehen eben oftmals zu Lasten des Sexuallebens.

„Ernst wird es jedoch“ so Schmid König, „wenn die Frau Berührungen ihres Partners als unangenehm empfindet oder der Mann seine Partnerin nicht mehr als erotisches Wesen wahrnehmen kann. Dann stimmt etwas nicht und das Paar braucht psychologische Hilfe, um da wieder rauszukommen.“

Für alle anderen heißt es, sich einfach irgendwann wieder zu trauen und ohne übersteigerte Erwartungen neugierig auf „das erste Mal danach“ zu sein.

Gut zu wissen für Eltern:

Stillen verhütet nicht! In der Nachsorgeuntersuchung beim Frauenarzt gehört ein Gespräch über sichere Verhütung daher zur Routine. Auch für stillende Mütter gibt es sichere Verhütungsmittel!

Gleitgel oder Feuchtcreme helfen, wenn die hormonellen Veränderungen nach der Geburt dazu führen, dass die Scheide nicht von selbst genug Feuchtigkeit produziert, um ein gutes Gefühl beim Sex zu haben. Diese Empfehlung gilt insbesondere für Frauen mit Narben im Intimbereich.

Sexuelle Gefühle und Bedürfnisse können sich ändern! Was früher toll war, kann also nach der Geburt ganz anders empfunden werden. Hier hilft Mut, die Sexualität gemeinsam mit dem Partner neu entdecken zu wollen.

 

Buchtipp:

Damit Kindern kein Flügel bricht ! von Nelia Schmid König

Mit einem liebevollen Blick auf Eltern und Kinder geht die Autorin und Kinder- und Jugendtherapeutin auf häufige für Eltern anstrengende Verhaltensweisen und deutliche Verhaltensauffälligkeiten von Kindern und deren mögliche Ursachen ein. Dabei gibt sie viele hilfreiche Tipps, wie zurück zu einem guten Familienklima gefunden werden kann. Damit dies gelingen kann, geht es immer wieder auch um die Qualität der elterlichen Beziehung, durch welche Faktoren Elternschaft gestört werden kann und wie Mütter und Väter dem begegnen können. Sexualität in der elterlichen Paarbeziehung ist ein eigener Abschnitt gewidmet.

Süße Accessoires fürs Baby:

 

 

Video: Sex während der Schwangerschaft - geht das? >>>

 

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