Sheryl Sandberg verabschiedet sich von ihrem geliebten Ehemann

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Mit diesem bewegenden Abschiedsbrief verabschiedet sich Sheryl Sandberg von ihrem geliebten Ehemann David Goldberg.
Foto: facebook.com/sheryl

Bewegender Abschiedsbrief: Sheryl Sandberg verspricht ihrem toten Mann, sein Andenken zu ehren

Vor einem Monat kam Dave Goldberg, der Ehemann von Facebook-Managerin Sheryl Sandberg, ums Leben. Jetzt verabschiedet sie sich mit einem rührenden Abschiedsbrief von ihrem geliebten Mann.

Wenn eine Frau ihren geliebten Ehemann verliert, ist die Trauer endlos. Wenn der geliebte Mensch viel zu früh gehen muss, ist das für den, der bleiben muss, kaum auszuhalten. Leider ist genau das Sheryl Sandberg passiert. Dave Goldberg, der Mann der Facebook-Managerin und Vater ihrer zwei Kinder, kam vor einem Monat im Alter von 47 Jahren bei einem tragischen Sportunfall ums Leben.

Jetzt verabschiedet sie sich mit einem liebevollen Abschiedsbrief von ihm – und veröffentlicht ihn auf Facebook, in der Hoffnung, das andere Menschen, die um einen geliebten Vater, eine Mutter, einen Freund oder ein Kind trauern, aus ihren Schmerzen etwas lernen können, das ihnen hilft, besser mit dem Verlust zurecht zu kommen.

"Lass mich nicht sterben, während ich noch lebendig bin."

Today is the end of sheloshim for my beloved husband—the first thirty days. Judaism calls for a period of intense...

Posted by Sheryl Sandberg on Wednesday, 3 June 2015

Sheryls Abschiedsbrief

„Ein Freund meiner Kindheit, der heute ein Rabbiner ist, hat mir vor Kurzem vom mächtigsten einzeiligen Gebet erzählt, das er jemals gelesen hat: "Lass mich nicht sterben, während ich noch lebendig bin." Ich habe dieses Gebet nie verstanden, bevor ich Dave verloren habe. Nun verstehe ich es.

Ich denke, wenn eine solche Tragödie in deinem Leben passiert, musst du eine Entscheidung treffen. Du kannst dich dem Fehlen ergeben, der Leere, die dein Herz füllt, deine Lungen einengt und dir die Fähigkeit zu Denken nimmt. Oder du versuchst, einen Sinn darin zu finden. In den vergangenen 30 Tagen habe ich um meinen Mann getrauert und viele Momente erlebt, in denen ich mich in der Leere verloren habe. Und ich weiß schon jetzt, dass es auch in Zukunft viele Momente geben wird, die diese Leere aufsaugen wird.

Aber wenn ich es kann, möchte ich mich gerne für das Leben und den Sinn entscheiden.

Darum schreibe ich heute diesen Brief: Um das Ende der jüdischen Trauerzeit zu markieren und etwas von all dem Guten zurückzugeben, das andere mir gegeben haben. Denn auch wenn dieser Schmerz zutiefst persönlich ist, so hat es mir doch geholfen da durch zu kommen, dass so viele Menschen da draußen ihre persönlichen Erfahrungen mit mir geteilt haben. Einige dieser Menschen, die mir ihr Herz geöffnet haben, waren meine engsten Freunde. Andere waren völlig Fremde. Deshalb teile ich, was ich gelernt habe, in der Hoffnung, dass es jemand anderem helfen kann. In der Hoffnung, dass es dieser Tragödie einen Sinn geben kann.

Ich habe in diesen 30 Tagen 30 Jahre durchlebt. Ich bin 30 Jahre trauriger. Ich fühle mich, als wäre ich 30 Jahre weiser.

Ich habe ein tieferes Verständnis darüber gewonnen, was es bedeutet, eine Mutter zu sein – durch die Tiefe des Leids, dass ich spüre, wenn ich meine Kinder weinen höre, und durch die Verbindung meiner Mutter zu meinen Schmerzen. Sie hat versucht, den leeren Platz in meinem Bett zu füllen, indem sie mich jede Nacht festgehalten hat, bis ich mich in den Schlaf geweint hatte. Sie hat darum gekämpft, ihre eigenen Tränen zurückzuhalten, um Raum für meine zu lassen. Sie hat mir erklärt, dass meine Qual auch die meiner Kinder ist. Ich habe verstanden, dass sie Recht hat, als ich den Schmerz in ihren Augen gesehen habe.

Ich habe realisiert, dass ich nie wirklich wusste, was ich anderen Menschen sagen sollte, die tröstende Worte brauchten. Ich denke jetzt, dass ich vorher viel falsch gemacht habe. Ich habe den Leuten immer versichert, dass alles gut werden würde, weil ich dachte, dass Hoffnung das Tröstlichste ist, was ich anbieten kann. Einer meiner Freunde mit Krebs im Endstadium sagte mir, das sei das Schlimmste, was jemand zu ihm sagen könnte: „Es wird schon wieder gut werden“. In seinem Kopf habe dann immer eine Stimme geschrien: Woher willst du wissen, dass alles wieder gut wird? Verstehst du, dass ich sterben könnte?

Im vergangenen Monat habe ich verstanden, was er mir sagen wollte. Echtes Mitgefühl besteht manchmal darin, nicht darauf zu bestehen, dass es wieder gut wird, sondern darin anzuerkennen, dass es nicht wieder gut werden wird.

Wenn andere zu mir sagen: „Du und deine Kinder werden irgendwann auch wieder fröhlich sein“, dann glaube ich daran, doch ich weiß, dass ich nie wieder reines Glück empfinden kann. Diejenigen, die mir sagten: „Du wirst einen neuen Normalzustand erreichen, aber es wird nie wieder so gut sein wie vorher“, haben mir mehr Trost gespendet, weil sie wissen, wie es wirklich ist.

Selbst ein simples „Wie geht es dir?“ – fast immer mit den besten Absichten gefragt – sollte besser ersetzt werden, durch ein „Wie geht es dir heute?“ Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, dann muss ich mich selbst davon abhalten zu schreien: „Mein Mann ist vor einem Monat gestorben! Was glaubst du, wie es mir geht?“ Wenn ich höre „Wie geht es dir heute?“, dann weiß ich, dass diese Person versteht, dass das das Beste, was mir im Moment passieren kann, einfach nur eins ist, nämlich jeden einzelnen Tag zu überstehen.

Ich habe auch einige praktische Dinge gelernt, die wirklich wichtig sind. Wir wissen heute, dass Dave sofort gestorben ist, das wussten wir allerdings noch nicht während der Fahrt im Krankenwagen. Diese Fahrt war unerträglich langsam. Ich hasse noch immer jedes Auto, das nicht Platz gemacht hat, jeden Fahrer, dem es wichtiger war, sein Ziel ein paar Minuten früher zu erreichen, als uns den Weg frei zu machen. Das ist mir auch in anderen Ländern und Städten aufgefallen. Lasst uns alle Platz machen, wenn ein Krankenwagen kommt! Das Leben von jemandes Eltern, Partner oder Kind könnte davon abhängen.

Ich habe gelernt, wie flüchtig sich alles anfühlen kann, wie flüchtig vielleicht alles ist. Auf welchem Teppich auch immer du stehst, er kann dir sofort unter den Füßen weggezogen werden – ohne jede Vorwarnung. In den vergangenen 30 Tagen habe ich von vielen Frauen gehört, die ihren Mann verloren haben und die damit den Boden unter ihren Füßen verloren haben. So mancher mangelt es an unterstützenden Netzwerken und sie müssen alleine mit dieser emotionalen Krise und der finanziellen Unsicherheit klarkommen. Es scheint mir so falsch, dass wir diese Frauen alleine lassen, in einem Moment, wo Hilfe am notwendigsten wäre.

Ich habe auch gelernt, um Hilfe zu bitten – und wie viel Hilfe ich brauche. Bis jetzt war ich die ältere Schwester, die Geschäftsführerin, die Macherin und die Planerin. Das hier habe ich jedoch nicht geplant, und als es passierte war ich nicht in der Lage noch viel von irgendetwas zu tun. Die, die mir am nächsten stehen, haben das übernommen. Sie haben mir gesagt, wo ich sitzen soll und haben mich daran erinnert, zu essen. Sie tun noch immer so viel, um mich und meine Kinder zu unterstützen.

Ich habe gelernt, dass man Widerstandsfähigkeit lernen kann. Adam M. Grant hat mich gelehrt, dass es dafür drei entscheidende Dinge gibt und dass ich an allen drei arbeiten kann. Personalisierung – verstehen, dass es nicht mein Fehler war. Er hat mich gelehrt, das Wort „Entschuldigung“ zu verbannen, Mir immer wieder und wieder zu sagen, dass es nicht mein Fehler war. Durchhalten – immer daran denken, dass ich mich für immer so fühlen werde. Dass es besser werden wird. Abschottung – dies hier muss nicht jeden Aspekt meines Lebens beeinflussen, die Fähigkeit, gewisse Dinge abzuschotten, ist gesund. Für mich war die Rückkehr zur Arbeit die Rettung, eine Chance, sich wieder nützlich und verbunden zu fehlen. Aber ich habe ich habe schnell verstanden, dass die Verbindungen dort sich verändert haben. Viele meiner Arbeitskollegen hatten Angst in den Augen, als ich aufgetaucht bin. Ich weiß warum – sie wollten helfen, wussten aber nicht wie. Soll ich etwas sagen? Soll ich nichts sagen? Wenn ich etwas sage – was zur Hölle soll ich sagen? Ich habe gelernt, dass ich die Verbindung zwischen uns nur wieder herstellen konnte, indem ich sie an mich heranließ. Das bedeutet, dass ich offener und verletzlicher sein musste, als ich es jemals sein wollte. Ich habe denjenigen, mit denen ich am engsten zusammenarbeite, gesagt, dass sie mir all ihre ehrlichen Fragen stellen können und dass ich sie beantworten würde. Ich sagte ihnen auch, dass es okwäre, wenn sie über ihre eigenen Gefühle sprechen wollten. Eine Kollegin gab zu, dass sie immer wieder an meinem Haus vorbeigefahren war, unsicher, ob sie klingeln sollte. Ein anderer sagte, er sie in meiner Gegenwart wie gelähmt gewesen, unsicher, was er sagen sollte. Offen darüber zu sprechen verscheuchte ihre Ängste und Sorgen, etwas Falsches zu tun oder zu sagen. In einer meiner liebsten Karikaturen steht ein Elefant in einem Raum und sagt ins Telefon: „Hier ist der Elefant.“ Nachdem ich diesen unsichtbaren Elefanten angesprochen hatte, konnten wir ihn aus dem Raum verscheuchen.

[…] Ich habe gelernt, dankbar zu sein. Dankbarkeit für die Dinge, die ich früher als selbstverständlich angesehen habe – wie das Leben. Mit meinem gebrochenen Herzen sehe ich jeden Tag meiner Kindern an und bin dankbar, dass sie am Leben sind. Ich freue mich über jedes Lächeln, jede Umarmung. Als ein Freuden mir erzählte, wie er Geburtstage hasst und dass er seinen nicht feiern wolle, sah ich ihn mit Tränen in den Augen an und sagte: „Feiere deinen Geburtstag, verdammt nochmal. Du hast das Glück, ihn zu erleben.“ Mein nächster Geburtstag wird höllisch deprimierend sein, aber ich bin entschlossen, ihn in meinem Herzen mehr zu feiern als jeden zuvor.

Ich bin den vielen Menschen dankbar, die mir ihr Mitgefühl gezeigt haben. Ein Kollege hat mir erzählt, dass seine Ehefrau, die ich nie getroffen habe, sich entschieden hat, zurück zur Schule zu gehen und ihren Abschluss nachzuholen – etwas, was sie vorher Jahre verdrängt hat. Ja! Sofern die Umstände es zulassen, bin ich mehr dann je dafür, sich voll und ganz einzulassen. Und so viele Männer – viele, die ich kenne, und viele, die ich nie kennenlernen werde – ehren Daves Leben, indem sie jetzt mehr Zeit mit ihren Familien verbringen.

Ich kann nicht genug meine Dankbarkeit gegenüber meinen Verwandten und Freunden ausdrücken, die so viel für mich getan haben, die mir versichert haben, dass sie auch weiterhin für uns da sein werden. In den schrecklichen Momenten, in denen ich von der Leere überwältigt werde, in denen die Monate und Jahre sich endlos und verlassen vor mir ausbreiten, dann sind es ihre Gesichter, die mir aus der Angst und der Isolationheraushelfen. Meine Dankbarkeit für sie kennt keine Grenzen.

Ich habe mit einem dieser Freunde über Vater-Kind-Aktionen gesprochen, die Dave jetzt nicht mehr machen kann. Wir haben an einem Plan gearbeitet, um die Lücke zu schließen, die Dave hinterlassen hat. Ich weinte: „Aber ich will keinen Plan B! Ich will Dave!“ Er nahm mich in seine Arme und sagte: „Plan A ist nicht möglich. Also lass uns das Schlechte aus Plan B vertreiben.“

Dave, um dein Andenken zu ehren und deine Kinder so großzuziehen, wie sie es verdient haben, verspreche ich, alles zu tun, um Plan B besser zu machen. Auch wenn die jüdische Trauerphase jetzt vorbei ist, ich trauere noch immer um Plan A. Ich werde immer um Plan A trauern. „Der Kummer endet nicht … und die Liebe endet nicht.“ Ich liebe dich, Dave.“

Fotos: Facebook / GettyImages

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