Shitstorm - die üble Lust am Mobbing im Netz

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Was tun, wenn ein Shitstorm gegen einen ausbricht?
Foto: Kangah / iStock

Was treibt die Meschen zum Shitstorm und wie sollten sich Opfer verhalten?

"Schon mal über Selbstmord nachgedacht?" Immer mehr Menschen werden im Netz Opfer von unerklärlichem Hass, also Shitstorm. Was treibt die Täter dazu?

Es ist so krass, dass man sich schon beim Lesen beklemmt fühlt: Fußballstar Mario Götze wurde kürzlich Selbstmord ans Herz gelegt, als sein Wechsel von Dortmund zum FC Bayern bekannt wurde. Tausende, die ihm gerade noch zujubelten, hatten nur noch Hass für ihn übrig. Der Nationalspieler ist einer von vielen, die zur Zielscheibe massenhafter Wut werden.

Kaum eine Woche vergeht ohne neuen "Shitstorm", wie der fiese Trend genannt wird. Was steckt dahinter?

Was bedeutet Shitstorm?

Das englische Wort "Shitstorm" steht drastisch für eine Beleidigungsattacke im Internet. Wie ein Gewitter aus Beleidigungen und Beschimpfungen bricht die Wut Tausender über einen Einzelnen herein.

Über soziale Netzwerke etwa wird den Opfern häufig Gewalt angedroht - bis hin zum Mord. Mit üblen Worten treibt der Online-Mob sein Opfer vor sich her, bis er die Lust verliert - oder ein anderes Opfer die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

"Das größte Problem: Es ist heute unendlich leicht, andere zu diffamieren", sagt Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler an der Uni Tübingen und Autor von "Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter" (Herbert von Halem, 19,80 Euro, auch bei Amazon ). "Jeder kann bloggen , posten, eine Website eröffnen - und das Opfer dort schmähen. Oder einen Kommentar auf dessen Seite hinterlassen." Hinzu kommt der Schutz, den die Anonymität im Netz gewährt. "Viele kommentieren, ohne ihren Namen anzugeben. Das enthemmt: Man fühlt sich sicher, unangreifbar - und bekommt das Leid des anderen nicht mit."

Wen kann Shitstorm treffen?

Shitstorm kann leider jeden treffen. Ob prominent oder nicht: Als Auslöser für den Hass der Masse reichen eine (vermeintliche) Verfehlung, ein Charaktermerkmal, eine persönliche Meinung oder eine winzige Dummheit.

So wurde kürzlich eine Studentin zur Zielscheibe von Shitstorm, oder Schwarmwut, weil sie einem Kandidaten bei "Wer wird Millionär?" die falsche Antwort vorsagte. Und Stars wie Katja Riemann werden allein deshalb aufs Derbste in den Dreck gezogen, weil sie auf ziemlich blöde Interview-Fragen ein wenig unerfreut reagieren.

Eine unvorhersehbare Kleinigkeit genügt als Aufreger - und der Shitstorm braut sich zusammen. "Durch das Internet gibt es eine neue Geschwindigkeit: In Echtzeit kann sich aus einem Wütenden, der auf ein Gerücht, eine Verfehlung aufspringt, eine Gruppe bilden - und plötzlich ist eine ganze Empörungswelle da."

Was sind die Folgen?

Wäre es eine einzelne Beleidigung, die im Netz bliebe - Betroffene könnten vielleicht darüber hinwegsehen. Doch häufig springt der Shitstorm ins reale Leben über.

Wie gefährlich das werden kann, zeigt der Fall eines Jugendlichen aus Emden: Nach dem Mord an einer Elfjährigen geriet er 2012 ins Visier der Polizei - und derer, die Rache wollten. Sie vorverurteilten den Jungen über soziale Netzwerke und riefen zur Lynchjustiz gegen ihn auf. Bis die Aggressivität ins wahre Leben überging: So versammelten sich damals Demonstranten vor der Polizeistation - und forderten Rache. Später stellte sich heraus: Der junge Mann war unschuldig.

Wer einmal in einen Shitstorm gerät, verändert sich oft für immer. "Betroffene fühlen sich ohnmächtig", erklärt Pörksen. Viele ziehen sich zurück, werden misstrauisch, meiden Menschenmengen. Und fragen sich immer und immer wieder, wie dieser ungezügelte Hass entstehen konnte. Wie wir, die wir fassungslos davon lesen.

Wieso äußern sich immer mehr Menschen so fies?

Experten sehen die Gründe nicht nur in den Möglichkeiten, die das Internet bietet - sondern auch in unseren unsicheren Zeiten.

Anders als noch vor hundert Jahren ist der Mensch in den westlichen Nationen heute vergleichsweise frei. Die Kehrseite: Weder Werte noch das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem oder familiäre Bindungen sind stark genug, um Orientierung zu bieten und die Position des Einzelnen in einer immer komplizierteren Welt zu sichern.

Das Prinzip Shitstorm schafft Abhilfe: Es unterteilt so simpel in Gut und Böse wie ein Hollywood-Blockbuster. Soziologen vergleiches es mit dem mittelalterlichen Pranger: Dabei wurden Menschen an einen Schandpfosten gefesselt - und jeder konnte sie ungestraft schmähen. Heute wie damals: Wer andere in der Überzeugung beleidigt, im Recht zu sein, glaubt sich für einen Moment auf der richtigen Seite - und mächtig.

Was können Shitstorm-Opfer tun?

Das Beste, sagen Experten, ist Rückzug. Rechtlich gegen die Beleidigungen vorzugehen, ist theoretisch zwar möglich - das Netz ist kein rechtsfreier Raum. Praktisch aber ist dies fast unmöglich.

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