Smart Sex

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Die neue Erotik ist raffiniert, tabulos, fantasievoll: Mehr und mehr Frauen übernehmen im Bett die Regie - mit sinnlichen Inszenierungen ihrer Lust

"Drei bis 13 Minuten reichen für guten Sex!" Dieses provokante Ergebnis einer Studie von US-Sextherapeuten ließ uns Frauen vor wenigen Wochen den Atem stocken. Rein - raus - aus? Ein schnelles, stakkatoartiges Intermezzo, ohne zärtliches Vorspiel, ohne einfühlsame Zärtlichkeiten, soll all unsere Lust befriedigen und uns zum Gipfel bringen? Na, vielen Dank!

Aber lesen wir diese Meldung genauer, so geht es dabei um den reinen Akt, von dem Moment an, in dem der Penis eindringt bis zum Orgasmus des einen oder anderen Partners oder von beiden, wenn sie Glück haben. Was manchen Paaren genügen mag. Doch wir wollen mehr. Viel mehr. Umfragen beweisen, dass 70 % aller Frauen Sex nicht nur als reine Triebbefriedigung erleben möchten, sondern global, psychisch wie physisch. Und da wir mit unseren Gefühlen besser umzugehen wissen als die Herren der Schöpfung, nehmen wir immer öfter unser Liebesleben selbst in die Hand, gestalten aktiv unsere sexuelle Zweisamkeit, zeigen dem Geliebten, welch großes emotionales Potenzial in ihm, in uns steckt.

Daraus hat sich ein Trend entwickelt, den Zukunftsforscher als "Beginn einer neuen erotischen Kultur" bezeichnen: Smart Sex. Glaubt man dem Sozialforscher und Gründer des Zukunftsinstituts in Kelkheim, Matthias Horx, gleicht er einem Sechs-Gänge-Menü, in dem alle Sinne berührt, Tabus gebrochen und individuelle Sehnsüchte ausgelebt werden. Smart Sex ist keine schnelle Nummer zwischendurch. Smart Sex entspringt allein unserer Vorstellung, wird von uns inspiriert, in Szene gesetzt und geführt.

Smart Sex ist ...

”¢ das Bekenntnis, dass Sex unser Glück ausmacht.”¢ die Bereitschaft, dafür viel Zeit und Energie zu geben.”¢ das Bestreben, gemeinsam mit dem Partner der Leidenschaft jeden Tag eine neue Chance zu geben.”¢ die Belohnung für einen selbstbewussten und gesund egoistischen Umgang mit der eigenen Lust.”¢ die Basis für eine neue, langfristig erfüllte Beziehung.

Damit nehmen wir jetzt auch im Bett die Rolle ein, die wir uns in der Gesellschaft längst erkämpft haben. Unsere Bedürfnisse kommen zuerst! Matthias Horx erklärt das grundlegende Prinzip so, dass wir an sechs, sieben Partnern erst "sexuell üben", ehe wir uns für den einen entscheiden, mit dem wir auf Dauer unser Leben teilen wollen. "An diesem wird festgehalten", sagt Horx, "und damit das klappt, muss Sex immer wieder neu inszeniert werden. Dann reichen Kuschelnummern und herkömmliche Akte nicht mehr. Dann schlägt die Stunde des Smart Sex."

Die Kunst der Inszenierung

Die wichtigste Regel beim Smart Sex lautet: Es gibt keine Regeln. Es geht nur um unsere Wünsche und Sehnsüchte, die in fantasievoller Form verwirklicht werden und so uns und unserem Partner wahre Erfüllung bringen. Umgekehrt heißt das aber auch, dass Sie nichts tun müssen, was Sie nicht wollen! Vergessen Sie das Wort "Muss" - lassen Sie Ihrer Vorstellungskraft freien Lauf! Wie das aussehen kann, zeigen die folgenden drei Beispiele für Smart Sex:

Sinnliche Annäherung

Liebesodyssee

Provokantes Puppenspiel

Experten-Interview

Matthias Horx, 48, einer der einflussreichsten Zukunftsforscher, Dozent, Referent und Gründer des "Zukunftsinstituts", hat den Smart-Sex-Trend in seiner Studie "Sexstyles 2010" ausgemacht.

Herr Horx, was genau verstehen Sie unter dem Begriff "Smart Sex"? Kurz und knapp: klugen, intelligenten Sex. Alles wird immer intelligenter und "designter" - die Küchenmaschinen, unsere Handys. Und langsam wird es eben auch unser Sex. Im-mer mehr Menschen lernen, auch in einer langfristigen Beziehung den erotischen Funken am Leuchten zu halten. Früher war das ja eher nicht so intelligent: Wenn man sich kennen lernte, war es aufregend, aber nach zwei, drei Jahren schlief der Sex ein und man nannte sich irgendwann "Papi" und Mutti" - untereinander! "Smart Sex" ist die bewusste, genussvolle, verfeinerte Gestaltung des Partner-Sexuallebens.

Wie wurden Sie auf diesen Trend aufmerksam? Wir haben im Rahmen einer Studie für Beate Uhse viele Straßeninterviews geführt. Wir waren erstaunt, wie selbstbewusst vor allem die jungen Frauen sind. Das zeigt sich ja auch in der heutigen "Girlie-Bewegung", die in allen Medien tobt, Stichwort "Feuchtgebiete".

Was hat dieses neue Sex-Verständnis ausgelöst? Es ist ein langfristiger Lernprozess, eigentlich die Verlängerung und Verfeinerung eines Trends, den es seit 40 Jahren gibt. Die sexuelle Revolution ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Befreiung der Frau, aber auch veränderte Rollenbilder bei den Männern machen es möglich, aus den alten Verklemmtheiten auszubrechen. Das ist eine nachgeholte, sexuelle Befreiung, die aber nun nicht mehr polygam, in wechselnden Beziehungen und erotischen Abenteuern, sondern auch in einer treuen Paarbeziehung möglich ist.

Was macht gerade den Gedanken der Inszenierung der Lust so zentral? Ganz viel läuft über Mode, die Inszenierung des Körpers - denken Sie einmal daran, wie ein heutiger Wäscheshop aussieht, und wie der vor 20 Jahren aussah - damals hieß das "Miederwaren", heute gibt es heiße Reizwäsche und Mekkas für Highheel-Fetischisten auf allen Haupteinkaufsstraßen. Dazu kommt die Lust am sanften Fetischismus, was wiederum auch die experimentelle Mode beeinflusst - Lack, Leder, Fesseln. Und Sextoys, die allmählich nicht mehr nur schreckliche Gummiwaren sind, sondern Designobjekte.

Gibt es Zahlen darüber, wie viele Paare diese neue Art von Smart Sex praktizieren? Nein, denn die Leute geben es entweder nicht zu oder sie geben dermaßen an - vor allem die Männer -, dass es unrealistisch ist. Aber wir können von etwa einem Drittel aller Paare ausgehen, die es zu einer gewissen Professionalität in der Kultivierung ihrer Erotik gebracht haben. Das kann man beispielsweise an den Absatzzahlen der Wäsche- und Sextoy-Industrie ablesen. Gehen Sie nur einmal in einen dieser neuen "Boudoir"-Shops: Hauptkunden sind inzwischen nicht mehr verklemmte ältere Männer, sondern selbstbewusste Frauen jeden Alters und abenteuerlustige Paare.

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