Spiritualität: An was soll ich noch glauben?

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Spiritualität als Schlüssel zum Glück? An was soll ich noch glauben?
Foto: Corbis

Spiritualität als Schlüssel zum Glück

Immer mehr Deutsche treten aus der Kirche aus. Doch der Wunsch nach einer überirdischen, unerklärlichen Macht, nach Spiritualität, ist ungebrochen. Kein Wunder, glaubt Autorin Claudia Reshöft.

Als ich klein war, hing ein Bild über unseren Kinderbetten. Es zeigte eine halb verfallene, morsche Brücke. Darauf ein Mädchen und ein Junge, die etwa so alt sein mochten, wie wir es damals waren. Offenbar mussten die beiden diesen klapprigen Steg überqueren, um nach Hause zu gelangen. Wie es aussah, gingen sie diesen gefährlichen Weg ohne Zögern und Angst. Denn hinter ihnen stand, in ein gleißend weißes Gewand gehüllt, ein wunderschöner Engel , der schützend seine Hand über sie hielt. Für mich und meine Schwester hatte dieses Bild etwas ungemein Tröstliches.

Ist Spiritualität aktuell? 52 Prozent glauben an Schutzengel*

Wir waren fest überzeugt von der Existenz der Engel, auch wenn wir sie nicht sehen konnten. Katholisch erzogen, wie wir waren, glaubten wir auch an Jesus und den "lieben Gott", die auf uns aufpassen. Anders konnten wir es uns nämlich nicht erklären, wie wir sonst unsere – oft ziemlich waghalsigen – Abenteuer überstanden hätten. Okay, das klingt ziemlich naiv. Trotzdem hat mich der Glaube nie verlassen, dass ich, und mit mir natürlich gleich die ganze Menschheit, eingebettet bin in einen großen Plan, den wir nicht kennen.

Damit bin ich nicht allein. Laut einer Umfrage des Instituts Allensbach, das regelmäßig die deutsche Bevölkerung zu allen möglichen Lebensthemen befragt, glaubt mehr als jeder Zweite an "irgendeine überirdische Macht". Die einen nennen diese Macht Gott, andere Allah, und wieder andere sprechen von Erkenntnis. Aber vielleicht meinen wir letztlich alle dasselbe. Und vielleicht ist Spiritualität nichts anderes, als sich das Schicksal in guten wie in schlechten Tagen zu erklären.

Warum gibt es Spiriutalität?

Warum religiöse und nicht religiöse Menschen an etwas festhalten, das man mit Händen nicht greifen kann, interessiert auch die Wissenschaft , für die es bekanntlich nicht so einfach ist, etwas zu beweisen, das man nicht fassen kann. Dennoch versuchen Hirnforscher, Erbanlagen daraufhin zu untersuchen, ob es so etwas wie eine Veranlagung zu Spiritualität, ein sogenanntes Gottes-Gen, gibt. Sie schicken Nonnen in Kernspintomografen, versuchen den Erleuchtungszustand meditierender Mönche zu messen und die Hirnströme von Betenden zu analysieren. Bisher ohne verlässlichen Erfolg.

Dennoch scheint an Spiritualität etwas dran zu sein. Evolutionspsychologen und Anthropologen weisen in der Entwicklungsgeschichte nach, dass die Menschen aller Kulturen immer wieder religiöse Strukturen gebildet haben. Möglicherweise bot der Glaube an höhere Mächte einen Vorteil im Überlebenskampf. Ansonsten, so die Schlussfolgerung, hätte die Spiritualität längst aussterben müssen. Ist sie aber nicht. Denn sie fragt danach, woher wir Menschen kommen, wohin wir gehen und was unserem Leben und Tun Sinn verleiht. Dort, wo wir eine Antwort auf diese zentrale Frage finden, fühlen wir uns zu Hause.

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Ob es nun der Glaube an eine Wiederauferstehung nach dem Tod, die Wiedergeburt oder die Ankunft im Paradies ist – Spiritualität schenkt Menschen Trost und Zuversicht in schweren Krisen wie Krankheit, Trennung oder Tod. Und sie ist so etwas wie der soziale Kitt, der die Verbindung herstellt zu uns selbst, den Menschen und der Welt, die uns umgibt. Denn mit religiösen Bekenntnissen oder spirituellen Erfahrungen verbunden ist auch ein ethischer Kodex für das Zusammenleben. Bei den Christen heißt es: Liebe deinen nächsten wie dich selbst, für Buddhisten führt die Erleuchtung über das Mitgefühl.

Ein Schutzengelbild hängt heute nicht mehr über meinem Bett. Aber mir geht die Anfangszeile eines evangelischen Kirchenliedes nicht mehr aus dem Kopf, eine Zeile, die auch die Ex-Bischöfin Margot Käßmann gern zitiert: "Du kannst nicht tiefer als nur in Gottes Hand... "Aufgefangen und gehalten zu werden – das ist es doch, wonach wir uns alle sehnen.

* Quellen: Religionsmonitor 2013, Institut für Demoskopie Allensbach

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