Starlight Express: Mein Trip als Rusty mit dem magischen Moment!

starlight3

Foto: Wunderweib

Wie ich zur Lok wurde

"Mein erstes Mal Starlight Express war - verstörend. Denn ich war gar nicht in dem Musical, sondern auf Klassenfahrt in der Grundschule.

Mein Sitznachbar im Bus war am Wochenende vorher im Starlight Express Musical gewesen und danach hatte er wohl genügend Zeit seine Lieblingstexte auswendig zu lernen, um diese asynchron zum Sound seines Walkman über 3 Stunden mitzusingen. Das hatte einen sehr schrägen Dauerohrwurm zur Folge, denn wie das Original klingt konnte ich damals nur erahnen.

Obwohl ich in nur 80km Entfernung meine gesamte Kindheit verbracht habe, sollte es noch über 2 Jahrzehnte dauern bis ich endlich das Original sehen konnte. Irgendwie habe ich es zeitlich nie geschafft und so blieb bis dato nur das Erlebnis der Klassenfahrt in meiner Erinnerung.

Doch als ich jetzt die Chance bekam mir das ganze mal persönlich und sogar Backstage vor Ort anzuschauen, wusste ich: "Juhu! Jetzt hat meine Stunde geschlagen und ich kann die schräge Kindheitserinnerung endlich mit anderen Eindrücken aufarbeiten."

Bei bestem Wetter ging es dann an einem Freitag von Hamburg nach Bochum, natürlich standesgemäß mit dem Zug. Richtige Stimmung wollte bei 31 Grad Außentemperatur und einem IC ohne Klimaanlage nicht so wirklich aufkommen, aber immer noch besser als im Büro zu sitzen, dachte ich mir. Außerdem hatte mich natürlich auf meiner Starlight-Express-Trip redaktionell vorbereitet und wegen der Geschichte von Rusty eine gewisse Empathie zu alten Zügen aufgebaut. Schließlich hat die Damfplok Rusty sehr eindrucksvoll bewiesen, dass sie trotz der alten Technik noch lange nicht zum "alten Eisen" gehört.

Backstage beim Starlight Express

Vor Ort wurde ich dann in die heiligen Backstage-Hallen des Starlight Express geführt und was ich dort erleben durfte, werde ich so schnell nicht mehr vergessen. Über die 27-jährige Musical-Erfolgsgeschichte wird man mit zahlreichen Fotos an den Wänden erinnert, fast an jeder Ecke steckt ein Stück Geschichte
( siehe auch Backstage-Galerie ). Ob Garderoben-Dame, Rollschuhmeister oder Maskenbildnerin, man merkt einfach wie toll das Team eingespielt ist und wie viel Spaß und Stolz in dieser Arbeit steckt. Es ist fast schon wie eine kleine Stadt hinter den Kulissen, es gibt eine Reperatur-Werkstatt, eine Wäscherei, eine Schneiderei und selbst die Materialien für die aufwendigen Kostüme werden dort selbst hergestellt.

Direkt hinter der Bühne befindet sich übrigens einer der wichtigsten Orte für die Musical-Darsteller: Die Wasser-Station! Bis zu 2 LITER! Wasser verlieren die rasenden Starlight-Express-Stars bei einer Show. Da muss man wirklich jede freie Minute zum "auftanken" nutzen. Einige der Kostüme können sogar bis zu 18 KILO wiegen und wie sich das ungefähr anfühlt, durfte ich später sogar am eigenen Leib erfahren.

Mehr als nur ein Kindheitstraum - Meine Transformation

Ohne zu übertreiben folgt nun das Beeindruckendste, was ich seit langem erleben durfte. Die Transformation zu einer Lok aus Starlight Express, aber nicht zu irgendeiner Lok, sondern zu Rusty und nicht nur Fans des Musicals wissen, was das für eine große Ehre ist. Schließlich zählt Rusty zu den beliebtesten Figuren der Geschichte. Glücklicherweise habe ich genau die Körpergröße eines Rusty, aber ansonsten habe ich mit dem Talent eines Rusty-Darstellers leider gar nichts gemeinsam.

Mit meinen zwei linken Füßen stand ich auf den Rollschuhen wie ein frisch geborenes Reh auf einem zugefrorenen See. Doch nach ein paar Minuten began ich mich zumindest fußaufwärts immer wohler zu fühlen. Ich war wirklich sehr überrascht aus wievielen einzelnen Details so ein Kostüm besteht, denn nicht nur die Knie und Armschoner werden einzeln angebracht, sondern auch der Dampfkessel und selbst der Basis-Anzug besteht nochmal aus 3 unterschiedlichen Schichten.

Nachdem Kostüm ging es in die Maske und dort hatte ich beim Anblick meines Augen-Make-up eine kleine Schreck-Sekunde: "Ich seh ja aus wie meine Mutter...in den Achtzigern!" Bitte nicht falsch verstehen, natürlich finde ich meine Mutter schön, aber als Sohn möchte man nicht wirklich 1:1 wie seine Mutter aussehen.

Als ich mich dann komplett geschminkt und im RUSTY-OUTFIT zum ersten Mal sehen durfte, wartete schon die nächste Überraschung für mich. Zurück im Kostüm kam der echte Rusty (Jeffrey Socia) auf mich zu gerollt und das war echt so was wie ein magischer Moment. Es war einfach ein unglaublich bewegendes Gefühl dem Hauptdarsteller des Musicals zumindest optisch auf Augenhöhe zu begegnen. So sieht also jemand aus, der es wirklich drauf hat, habe ich mir gedacht.

Abgesehen davon, dass mir das Outfit so richtig gut gefiel, konnte ich mit den Rollschuhen immer noch keinen Meter weit rollen. Sich zu "verkleiden" bzw. verkleiden zu lassen ist ja noch einfach, aber wie viel harte Arbeit und Training dahinter steckt bis man wirklich zu einer lauffähigen Lok wird, wurde mir in dem Moment bewusst. Über 3 Monate intensives Training benötigen übrigens die Darsteller bis sie fahrbereit sind und selbst danach, müssen sie sich vor jeder Aufführung nochmal warm laufen.

Als "Bewegungs-Legastheniker" habe ich einen unglaublich großen Respekt vor diesem Job auf Rollen. Trotzdem bin ich auch ein bisschen stolz, dass ich auf den Rollen stehen konnte. Zwar muss ich zugeben, dass die Rollen für mich extra etwas fester angezogen worden sind, aber immerhin haben die Knie nicht mehr so wie bei BAMBI gezittert.

Nachdem Treffen mit Jeffrey Socia kam es zu einem der schwersten Momente des Tages: Alles wieder ausziehen! Aus der Traum von liebenswerten Lok und zurück zum Alltags-Daniel.

Mein erstes Mal

Doch die Trauer war nur für kurze Dauer, denn ein paar Stunden später war es so weit und ich durfte zum allerersten Mal in meinem Leben "Starlight Express" live erleben. Durch diese außergewöhnliche Perspektive, also erst das Musical backstage kennenlernen und es danach auf der Bühne live erleben zu dürfen, war ich wirklich von der ersten Sekunde an total beeindruckt. Doch auch ohne Backstage-Führung und Rusty-Verkleidung hat Starlight Express nach 27 Jahren noch einen unglaublichen Charme, den man so einfach nicht kopieren kann.

Man ist halt mitten drin im Geschehen, das Theater, die Bühne, die Darsteller - das ist einfach eine perfekte Symbiose und hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich es echt bereue nicht schon viel eher in dieses Kult-Musical gegangen zu sein. Auf jeden Fall habe ich mir jetzt fest vorgenommen dem guten mindestens 1 Mal im Jahr einen Besuch abzustatten und ich hoffe wirklich das Starlight Express in Bochum auch noch seinen 50! Geburtstag feiern darf, denn jede Generation braucht ihren ganz persönlichen "Starlight Express"-Moment.

Kategorien: