LiebeSymbiotische Beziehung: Einbahnstraße Richtung zweisame Einsamkeit

Symbiotische Beziehung: Einbahnstraße Richtung zweisame Einsamkeit
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Warum manche Paare so sehr miteinander verschmelzen, dass von den Einzelpersonen nichts mehr übrig bleibt

Christian war seinen Kindern eigentlich immer sehr zugewandt gewesen. Er kümmerte sich mit ihnen um die Hausaufgaben und machte ab und zu einen schönen Ausflug mit ihnen, mit dem Auto an den Rhein zum Schiffe gucken zum Beispiel. Von ihrer Mutter Maria hatte er sich nach sechs Jahren Ehe getrennt. Sie hatte ihm immer vorgeworfen, sich nicht genug im Haushalt zu engagieren. „Immer liegst du nur in der Sonne herum und schaust nach deinen Börsenkursen!“ hatte sie ihn einmal angeschrien. Die Sache war zum Scheitern verurteilt. Doch beide wollten um der Kinder willen nachher noch miteinander auskommen. Nicht Freunde, aber zumindest friedliche Bekannte.

Das klappte auch halbwegs mit Höhen und Tiefen. Bis Cecilia in Christians Leben trat!

Cecilia traf er bei einem Männerurlaub auf Teneriffa. Er war mit seinem besten Kumpel Achim dort hingeflogen. Cecilia kam aus Frankreich und war höllisch interessant: schlank, tätowiert, strahlendes Lächeln, viel Lebensfreude. Christian verliebte sich Hals über Kopf und besuchte sie nach dem Urlaub oft in Frankreich. Schließlich beschlossen die beiden, in Deutschland zusammenzuziehen.

Von diesem Tag an änderte sich Christians Leben komplett. Cecilia wurde zum Mittelpunkt seines Seins, alles drehte sich nur um sie. Er wollte sie unbedingt glücklich machen und ihr ein schönes Leben in Deutschland ermöglichen. Er wollte ganz sichergehen, dass sie ihn nie mehr verlassen würde – noch einmal Single sein und nach einer Frau suchen, das wollte er sich unbedingt ersparen. Cecilia wiederum fokussierte sich komplett auf Christian. Sie lernte kein Deutsch und fand keine neuen Freunde in Deutschland. Für sie gab es nur Christian, der alles für sie regelte und sie war damit ganz zufrieden, schließlich musste sie sich so um nichts kümmern, und das war ihr ganz angenehm.

Doch Cecilia war die viele Liebe von Christian noch nicht genug. Sie wollte ihn ganz für sich. Jeder Besuch von seinen Kindern war ihr zu viel. Und Geld sollte er für sie auch nicht mehr ausgeben. „Die haben doch jetzt einen neuen Vater, der sich kümmern kann und außerdem sind sie alt genug, um ohne finanzielle Hilfe von dir zurechtzukommen“, moserte sie. Und Christian spurte. Er traf sich immer weniger mit seinen Kindern, steckte ihnen Geld nur noch heimlich zu. Mehr und mehr gab er alles auf, was ihm vor Cecilia noch wichtig gewesen war. Christian ohne Cecilia gab es nicht mehr. Wenn seine Kinder ihn anriefen, erzählte er jedes Wort von ihnen direkt an sie weiter. Wenn sie ihn doch nochmal besuchen durften, saß Cecilia immer dabei, Gespräche mussten auf Englisch geführt werden, Cecilia sollte ja schließlich alles verstehen.

Für Kritik von Seiten der Kinder war Christian taub. „Du bist überhaupt nicht mehr für uns da, immer nur noch Cecilia, das kann es doch nicht sein! Können wir uns nicht wenigstens mal alleine treffen?“ Aber nichts da, Christian war nicht bereit, irgendetwas zu riskieren, was Cecilia hätte verärgern können. „Ihr habt zu akzeptieren, dass ich jetzt mit Cecilia zusammen bin. Sie sehe ich viel öfter als euch, also gehen ihre Bedürfnisse vor.“ Und so brach der Kontakt zu seinen Kindern schließlich auch noch ab.

Wie kann es sein, dass zwei Menschen in einer derart symbiotischen Beziehung derart miteinander verschmelzen, dass von den Einzelpersonen nichts mehr übrig bleibt? Wie kann es sein, dass der Beziehungspartner so wichtig wird, dass sonst kein anderer Mensch mehr im Leben der Beziehungspartner Platz hat? Und gibt es irgendeinen Weg, symbiotischen Paaren bewusst zu machen, dass sie sich in einer Einbahnstraße Richtung zweisame Einsamkeit befinden?

Wir haben dazu die Hamburger Paar- und Familien-Therapeutin Dr. Sandra Konrad befragt.

Dr. Sandra Konrad berät in ihrer Praxis in Hamburg Paare und Familien.
Foto: Kirsten Nijhof

Dr. Sandra Konrad zu symbiotischen Beziehungen:

Eine gesunde Beziehung ist ein lebendiger Organismus, der aus zwei ICHs und einem WIR besteht. Wer sich selbst zugunsten einer Beziehung aufgibt, läuft Gefahr, alles zu verlieren: Sich selbst, das eigene Leben und letztlich auch die Beziehung, die nicht mehr durch lebendige eigene Impulse versorgt wird. Oft liegt eine Selbstwertproblematik hinter solchen Entwicklungen – einer oder beide haben Angst, nicht wertvoll und liebenswert (genug) zu sein, also werden Gefahren im Außen eliminiert.

Das kann wie im Beispiel von Cecilia und Christian dazu führen, dass sektenähnliche Zustände entstehen, in denen der Kontakt zur Familie und zu Freunden schließlich aufgegeben wird. Dreht sich das Paar nur noch um sich selbst, fühlt es sich für eine Weile sicherer an. Aber diese Sicherheit ist trügerisch! Sie muss ständig überprüft werden, das Leben wird enger und enger, bis man schließlich in der Symbiose verschmilzt und sich so gegenseitig die Luft zum Atmen nimmt.

Einer von beiden sucht dann oft ein wenig Distanz um wieder durchatmen zu können. Diese Bewegung kann als sehr bedrohlich empfunden werden: „Du willst ohne mich spazierengehen/eine Freundin/deine Kinder treffen? Liebst du mich nicht mehr?“ ICH zu bleiben, ein gewisses Maß an Autonomie zu bewahren heißt nicht, den anderen nicht zu lieben. Im Gegenteil: Es heißt, dass wir erwachsen lieben können. Dass wir freiwillig und bewusst bleiben, vor allem aus Liebe und nicht aus Abhängigkeit.

Hat eine symbiotische Beziehung eine Chance auf lange Dauer?

Wenn beide symbiotisch veranlagt sind, dann durchaus, wobei die Frage eher wäre, wie gesund diese Art der Beziehungsführung ist. Jedes Paar muss individuelle Nähe-und-Distanzbedürfnisse miteinander austarieren, aber genau hier liegt auch die Chance für Wachstum. Ein sehr ängstlicher Mensch beispielsweise kann lernen zu vertrauen, wenn er mit seinem autonomeren Partner viele gute Erfahrungen macht. Passt der andere sich den Nähebedürfnissen des ängstlichen Partners an und unterwirft sich ihnen gar, dann beweisen sie sich gegenseitig, dass allein das symbiotische Aufeinanderbezogensein eine Garantie für ihre Beziehung ist. Angst ist kein guter Lehrmeister, sie schränkt uns ein und produziert immer mehr Befürchtungen, wenn wir uns ihr nicht stellen.

Sind die Partner in einer derart engen Beziehung wirklich glücklich?

Klar, denken wir mal an den Anfang unserer Beziehungen zurück: Verliebte sind oft extrem symbiotisch und extrem glücklich! Aber nach einer Weile entsteht mehr Sicherheit miteinander und es werden wieder Freiräume gesucht. In dieser Phase ruckelt es oft, weil die Partner sich hier erst richtig kennenlernen. Im Idealfall pendeln sich Nähe- und Distanzbedürfnisse auf einer für beide erträglichen Stufe ein.

Eine dauerhafte Symbiose lähmt, weil keine Entwicklung mehr stattfinden kann. Sehr symbiotische Partnerschaften wie die von Cecilia und Christian sind oft ein Ausdruck von Bindungsunsicherheiten der Beteiligten. Aber Bindungsfähigkeit kann sich entwickeln – allerdings nur, wenn eine Beziehung lebendig bleibt, wenn beide Partner sich einander mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen zumuten, wenn sie Konflikte verhandeln und Schritt für Schritt Lösungen finden. Wer sich immer nur schont, tut weder sich selbst, noch dem anderen, noch seiner Beziehung einen Gefallen. Eine gesunde Beziehung braucht Sicherheit UND Lebendigkeit, Nähe UND Autonomie.

Khalil Gibran hat in seinem Gedicht „Von der Ehe“ schöne Worte für die verschiedenen lebenswichtigen Polen einer Beziehung gefunden:

„Und stehet beieinander,
doch nicht zu nahe beieinander:
Denn die Säulen des Tempels stehen einzeln, und Eichbaum und Zypresse wachsen nicht im gegenseitigem Schatten.“

In anderen Worten: Echte Nähe erdrückt nicht, sie bereichert. Sie lässt Raum für das WIR und die beiden ICHs.

Liebe machen - den Beziehungsratgeber von Dr. Sandra Konrad gibt es jetzt auch als Taschenbuch.
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Foto: Piper Verlag
 

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