Tagebuch schreiben: Warum es jeder tun sollte

tagebuch schreiben
Die wohl bekannteste Tagebuch-Schreiberin: Bridget Jones
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"Liebes Tagebuch, ..."

Tagebuch schreiben: Das ist nur was für verliebte Teenies? Von wegen. Das Schreiben über unser Leben kann Gefühle sortieren und Entscheidungen erleichtern.

Als pickelige Teenager haben wir ihm unsere geheimsten Wünsche anvertraut. Auch schlimmster Liebeskummer wurde seitenweise im Tagebuch beleuchtet. Aber selbst heute als Erwachsener kann Tagebuch schreiben etwas sehr Befreiendes haben.

Das weiß auch Dr. Elisabeth Mardorf. Die Psychologin führt seit 50 Jahren selbst ein Tagebuch. "Wenn ich die Notizen von früher lese, bin ich oft beeindruckt, wie klug und reflektiert ich damals war", erzählt die 63-Jährige. "Und es führt dazu, dass ich die Probleme der jungen Leute heute keineswegs einfach abtue. Ich nehme sie ernst, weil ich genau weiß, dass es mir damals nicht anders ging."

Im Tagebuch sehen wir, dass Wunden tatsächlich heilen

Aber in welchen Situationen kann uns das Tagebuch schreiben auch als Erwachsener helfen?

"Eigentlich zu jeder Zeit", sagt die Expertin. "Aber die meisten nutzen es vor allem in Krisensituationen bei Trennung, Krankheit oder Einsamkeit. Es hat etwas sehr Entlastendes, sich den Kummer von der Seele zu schreiben. Nicht nur für uns selbst, auch für unser Umfeld. So muss man nicht immer seine Freunde behelligen."

Schöner Nebeneffekt: Nirgends kann man in der Rückschau so gut sehen, dass die Zeit tatsächlich Wunden heilt. "Oft sind wir erstaunt, wie übermächtig ein Problem früher einmal war und wie klein es sich heute anfühlt. Das ist ein gutes Gefühl, das Hoffnung hinterlässt."

Aber auch der normale Alltag ist es wert, im Tagebuch aufgeschrieben zu werden. "Ich empfehle jeden Tag drei bis fünf Punkte auszuschreiben, für die man dankbar ist", rät Elisabeth Mardorf. "Ein Glückstagebuch sozusagen. Damit können wir unseren Blick schärfen auf das Gute in unserem Leben. Ich war bei meinen Jugend-Tagebüchern oft erschrocken, wie sehr ich mich in meinem Elend gewälzt habe. Natürlich soll all das raus, was uns belastet, aber wir dürfen den Blick aufs Positive nicht verlieren."

Bestimmte Regeln, wie viel man in sein Tagebuch schreiben sollte, gibt es nicht. Eine Seite pro Tag kann schon ausreichend sein, und natürlich gibt es Phasen im Leben, in denen alles so glatt läuft, dass es nichts zu berichten gibt. Dann macht man einfach eine Pause.

Für uns Frauen ist das Tagebuch wie ein Vertrauter

Wie ehrlich sind wir im Beschreiben der eigenen Emotionen? "Ich glaube, je länger man Tagebuch schreibt, desto schwerer ist es, sich selbst etwas vorzumachen", sagt Elisabeth Mardorf. "Unsere Gedanken stehen dort Schwarz auf Weiß. Sie sind wie ein Spiegel, der uns vorgehalten wird."

Das Tagebuch kann auch eine Entscheidungshilfe sein. "Dadurch, dass wir den Gedanken nicht nur denken, sondern ihn aufschreiben, wird er klarer. Und wir können ihn beim nochmaligen Lesen überprüfen. Unsere Reaktion zeigt uns dann automatisch, was wir wirklich wollen."

Elisabeth Mardorf ist sich sicher, dass das Tagebuch nie aus der Mode kommen wird. "Während Männer eher sachliche Einträge machen, ist für uns Frauen ein Seelentagebuch oft wie ein enger Vertrauter."

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Text: Uta Missling

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