Telefonsex

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Was nette Mädchen niemals tun

In den 1920er Jahren fand das Telefon Einzug in die Privatgemächer. Das war gleichzeitig der Startschuss für eine ganz neue Rubrik in den Boulevardblättern: Benimmkolumnen, die das adäquate Verhalten der Frau am Telefon besprachen. Da wurden wichtige Fragen geklärt, etwa, ob denn ein anständiges Mädchen überhaupt seine Telefonnummer preisgeben dürfe. Und ob es schicklich wäre, mit einem Mann zu telefonieren, während frau noch nicht vollständig angezogen und vielleicht sogar - Skandal! - zu Bett war.

Derartige Empörung verstehen heute nicht einmal mehr die netten Mädchen. Und die nicht so netten sind noch ein ganzes Stück weiter: Es geht ihnen nicht ums Kommunizieren, sondern ums Kommen. Als echte Phonebitches sind sie Spezialistinnen in Punkto Vieldeutigkeit, trauen sich nach ein paar sorgsam und explosiv gesetzten Testsätzen in die detailgetreue Beschreibung der am eigenen Körper ausgeführten Handlungen, um fürs Finale simple Reizworte der untersten Schublade im Stakkato auszustoßen, die sie selbst und den Mann am anderen Ende der Leitung zum Ziel peitschen.

Es ist natürlich, wie so vieles im Leben, eine Sache des Timings: Frau sollte nicht mit der Tür ins Haus fallen, das könnte sonst ein echter Abtörner werden. Außer man hat wirklich eine so atemberaubend sinnliche Präsenz in der Stimme, wie die R&B-Sängerin Menoosha, deren Hit "Givin it up" mit dem Geräusch eines wählenden Telefons beginnt. Sobald eine Männerstimme mit "Hello" abnimmt, kommt Menooshas Einsatz: "I feel you" wird da im nimmer enden wollenden Repeat und mit deutlich vernehmbarer Luftknappheit ins Mikro gehaucht. Da kommen schnell Vermutungen auf, weshalb die Sängerin, obwohl offensichtlich alleine und am Telefon, so schwer atmet. Und ihre Schwestern tun's ihr nach.

In einer Studie veröffentlichten die Wissenschaftler des bayerischen Instituts für Rationale Psychologie jüngst auf eine erstaunliche Zahl: 90 % der Frauen finden beim Liebesspiel am Telefon zum Orgasmus. Hier fällt es ihnen leichter, Worte zu benutzen, die sie mit einem leiblichen Gegenüber oftmals nicht auszusprechen wagen. Frau fühlt sich außerdem sinnlicher, denn störende Gedanken, wie "was mache ich, wenn er die Dellen auf meinen Oberschenkeln sieht?" fallen komplett weg. Der Verlust dieser Perfektions-Hemmschwelle und der lustvolle Bruch mit dem Tabu der schmutzigen Worte macht uns zu den Göttinnen aller Fernsprecher.

Den Weg in die Literatur hat diese körperlose Form des Sex natürlich auch schon gefunden. Der Roman "Vox" des amerikanischen Schriftstellers Nicholson Baker gelangte aber auch dadurch in die Schlagzeilen, dass Monica Lewinsky es dereinst Bill Clinton geschenkt haben soll. Immer ein kluger Gedanke, führt doch sogar ein Mann, der ansonsten für "no sexual intercourse" zu haben ist, per Telefon geradewegs zum Orgasmus. Clinton und Lewinsky hatten nie Sex? Selbstredend!

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