Tinder: Macht die Dating-App uns einsam?

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Foto: iStock & Tinder

Wie die Dating-App unser Liebesleben zerstört

Wir wollen die große Liebe und kriegen Tinder. Mit Tinder kriegen wir geplatzte Dates und Online-Körbe. Wie wir mit der Dating-App vielleicht doch glücklich werden können.

Wisch, wisch, Date, Sex.

So kann es gehen mit Tinder, dieser Dating-App, ohne die inzwischen kaum ein Single mit Smartphone noch leben kann. An und für sich coole Sache. Immerhin erspart einem die App diesen peinlichen Moment kurz nach dem Real-Life-Ansprechen und vor dem uncharmanten Korb von Mr. X.

Leider sind nicht alle Tinder-Nutzer grenzenlos happy mit den spontanen Sex-Dates, die man über diese App so leicht bekommen kann. Sie sind eigentlich auf der Suche nach Liebe. Und verzweifeln mit jedem Wisch mehr. Wir haben Eric Hegmann , Coach und Parship-Beziehungsexperte, gefragt, wie wir mit Tinder vielleicht doch noch glücklich werden können.

Herr Hegmann, was finde ich bei Tinder – Sex oder Liebe?

Eric Hegmann: Selbstverständlich können Frauen bei Tinder die Liebe ihres Lebens finden. Es ist nur nicht sonderlich wahrscheinlich. Solche Apps simulieren den ersten Eindruck, also Optik plus einige Informationen, doch während wir im echten Leben auch Menschen eine Chance geben, die nicht sofort bei uns Euphorie auslösen, werden viele passende Kandidaten einfach “weggewischt”. Wenn Sie als Frau nicht Ihre körperlichen Reize präsentieren, werden Sie von den Jungs nie kontaktiert werden.

Machen uns Tinder & Co am Ende einsamer als je zuvor?

Eric Hegmann: Zunächst bringen Angebote für Casual Sex ja Menschen zusammen und das funktioniert, sonst wären sie nicht so erfolgreich. Doch nach meinen Beobachtungen sind die Erfolgserlebnisse sehr ungleich verteilt: einige Wenige haben reichlich Dates, können sich ausleben und sind dabei (und danach) sehr glücklich. Die Mehrheit jedoch ist nicht so erfolgreich, zweifelt an sich selbst, verliert Selbstbewusstsein. Das hat viele Gründe: in diesen Angeboten ist Attraktivität und sexuelle Anziehungskraft der Antrieb der Kontaktaufnahme. Wer nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht, wird entweder aussortiert oder sogar beleidigt. Portale, die viel Wert auf Äußerlichkeiten legen, sind außerdem beliebt bei Fakern und Betrügern. Wenn nur jedes zehnte Date wirklich stattfindet, frustriert das und führt zu Selbstzweifel und Frust. Ganz sicher ist die “Wisch & Weg”- oder “Ja, nein, vielleicht”-Beurteilung für sensible Menschen kein Erfolg versprechender Weg der Kontaktaufnahme. Hinzu kommt die vermeintlich riesige Auswahl an Partnern, die suggeriert, das Beste sei nur einen Klick entfernt. Das führt zu einer Erhöhung von Ansprüchen, denn Fehler werden nicht akzeptiert bei der Suche nach einer vorgeblichen Perfektion. Studien über Nutzung von Sozialen Netzwerken und Forschungen mit Teilnehmern von Speed Dating Events scheinen außerdem zu belegen, dass Menschen mit vielen Sexpartnern mehr Probleme mit Verbindlichkeit haben als jene, die sich früh binden. Das soll keinesfalls moralisch klingen, denn wir sollten auch heute noch der sexuellen Revolution für ein aufgeklärtes Frauenbild und sexuelle Selbstbestimmung danken. Aber statistisch werden Menschen, die mehr als rund 12 Beziehungen oder Affären hatten, wohl zunehmend unverbindlicher .

Kann aus so einer Ja-Nein-Aussehen-Entscheidung überhaupt eine liebevolle, auf den Charakter bezogene, Beziehung entstehen?

Eric Hegmann: Die Möglichkeit einer Affäre ist sicher deutlich größer. Der Volksmund sagt, man muss viele Frösche küssen. Bei Tinder sehen die Frösche wie Prinzen aus. Die Angaben bei DatingApps sind überwiegend sozial erwünscht, das heißt, alle sind in erster Linie Selbstmarketing und entsprechend nicht immer authentisch. Doch ich sehe durchaus auch eine Chance: Sie können Menschen kennen lernen, denen Sie auf den Wegen Ihres Berufs- und Privatleben sonst nicht begegnet wären. (Allerdings ist sehr von Ihrer Selbstdarstellung abhängig, ob Sie diese Männer dann auch kennen lernen möchten.)

Wäre es also für uns alle viel besser, von Dating-Apps die Finger zu lassen?

Eric Hegmann: Wie immer macht die Dosis das Gift. Wer Tinder & Co in erster Linie als Entertainment zwischendurch betrachtet und sich Dates nicht mit überhöhten Erwartungen verdirbt, kann viel Spaß haben. Wer nach vielen Körben, geplatzten Verabredungen und misslungen Dates noch Humor hat, kann ja rund ums Tinder-Universum im Netz noch viele schöne Dinge finden. Beispielsweise den Tinder-“Finger” aus dem 3D-Drucker (http://sinkhacks.com/tinder-o-matic/). Der wischt von alleine ...

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