Tote Beziehung: Leben als Single undercover in erkalteten Beziehungen

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Eine erkaltete Liebe kann unsere Psyche sehr belasten.
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Wie eine tote Beziehung uns krank machen kann

Alles soll perfekt sein: der Job, das Aussehen, das Zuhause, die Beziehung. Das Ergebnis ist ein Gefühl des Ungenügens. Und die Liebe? Bleibt auf der Strecke. Zwar wünschen wir uns eine uns erfüllende Zweisamkeit – doch die scheint heute immer unerreichbarer. Viele leben als unglückliche Singles »undercover« in erkalteten Beziehungen.

Oder sie bleiben gleich allein: Die Zahl der Singles wächst von Jahr zu Jahr. Das Unglück der Betroffenen ist groß, Ersatzbefriedigungen helfen über die unerfüllte Sehnsucht nach Nähe nicht hinweg. Die Psychologin Lena Kornyeyeva schildert die Ursachen und die Folgen der um sich greifenden Vereinsamung in ihrem Buch "Die Single-Falle - Frauen und Männer in Zeiten der Selbstverwirklichung".

Im folgenden Auszug schildert sie das Schicksal einer Frau, die über viele Jahre in einer sehr unglücklichen Ehe aushielt.

Einsamkeit in einer Beziehung macht leider nicht nur unglücklich, sondern häufig auch krank, wie der Fall von Ilse zeigt.

Die 52-Jährige kam mit Rückenproblemen in die Reha-Klinik, in der ich als Psychologin tätig bin. Sie war seit mehr als acht Monaten krankgeschrieben und wusste nicht mehr weiter. Vor ein paar Wochen saß sie dann in meiner Praxis. Grauer Hosenanzug, kurze Haare, dezentes, teures Parfüm: Nach außen erschien Ilse wie eine selbstbewusste, ganz im Leben stehende Frau.

 

14 Jahre in einer unglücklichen Ehe

 

Vor ihrer Krankschreibung arbeitete sie in einem kommunalen Wohnungsbauunternehmen in Mitteldeutschland. Als Bereichsleiterin schulterte sie große Verantwortung und hatte, wie sie selbst sagte, Freude an ihrer Tätigkeit. Sie bedauerte sehr, nicht mehr arbeiten zu können. Ihre Rückenbeschwerden waren nach ihrer eigenen Einschätzung kein zufälliges Schicksal, das sie getroffen hatte, sie entwickelten sich vor einem konkreten Hintergrund.

Seit 14 Jahren lebte Ilse in einer unglücklichen Ehe. Das Leiden in der Beziehung lastete so sehr auf ihr, so erklärte sie mir, dass ihr Rücken zu schmerzen begonnen habe. Als sie ihren Mann kennenlernte, schien das Zusammensein noch unbeschwert und schön. Doch in der Ehe lebte sich das Paar rasch auseinander. Irgendwann hörten sie auf, sich zu umarmen, sich zu küssen. Auch der Sex zwischen ihnen wurde seltener.

Ilse erzählte, dass sie seit drei Jahren und ein paar Monaten keinen Geschlechtsverkehr mehr gehabt hatten. Sie lebten nur noch zusammen, weil es praktisch ist, weil nur so die Hausfinanzierung funktioniert, weil nur dann die Nachbarn freundlich grüßen und die Eltern stolz auf das Erreichte sind. Die Liebe war gegangen, die täglichen Aufgaben waren geblieben.

Ilses Mann, ein Jahr älter als sie, arbeitete als Angestellter in einer Hamburger Investmentbank. Vor vier Jahren hatte er zusätzlich zum gemeinsamen Haus in der Kleinstadt in Hamburg eine Einzimmerwohnung gemietet. Schon das war eine Flucht aus der unbefriedigenden Beziehung. Von Montag bis Freitag arbeitete und lebte er nun an der Elbe, nur am Wochenende kam er zurück zu Ilse.

Doch keiner von beiden freute sich auf das Zusammensein an den Wochenenden. Ilses Stimmung verschlechterte sich immer schon am Donnerstag – wenn sie daran dachte, dass sie das Wochenende mit ihrem Mann verbringen müsse. Aber auch ihr Mann zeigte keine Freude mehr, wenn er freitags am späten Abend die Haustür aufschloss. Er stellte dann zuerst fest, was Ilse, die seit der Krankschreibung den ganzen Tag in ihren vier Wänden verbrachte, alles nicht gemacht und nicht erledigt hatte. Er dachte im Stillen, sie sei nachlässig und faul, sie lasse sich ohne Grund gehen.

Ilse gab zu, dass sie keine Kraft mehr aufbrachte, das Haus aufzuräumen, zu kochen und zu putzen. Wenn sie sich aufraffen wollte, dann dachte sie sofort, dass er sowieso nur seine Unzufriedenheit zeigen werde – und schon erstarb die Motivation. Sie fühlte sich machtlos und tief frustriert.

In ihrer Funktionsbeziehung hatten sich Ilse und ihr Mann derart auseinander entwickelt, dass nach dem Absterben der Emotionen auch der Alltag nicht mehr funktionierte.

Die Rückenschmerzen lieferten ihr nun die Ausrede dafür, sich ganz aus der Beziehung ausklinken zu können, sich auf das Sofa oder ins Bett zurückzuziehen. Sie konnte sich dank der Schmerzen mit scheinbar geringerem Aufwand in ihrer Situation einrichten.

 

Waren die Rückenschmerzen eine Strafe für die schlechte Beziehung?

 

Von einem Arzt wurde sie zur medizinischen Rehabilitation geschickt. Während der Anwendungen – fernab von ihrem Zuhause – dachte sie zuerst mit Genugtuung daran, dass sie nun ihrem Mann bewiesen habe, gesundheitlich gar nicht in der Lage zu sein, die »gute Hausfrau« zu spielen. Zugleich wurde ihr klar, dass sie in ihrem Leben mit den Rückenschmerzen bestraft wurde – für die schlechte Beziehung zu ihrem Mann, für sein Versagen und für ihr Versagen.

Ich ermunterte sie, sich diese Emotionen einzugestehen. Gemeinsam konnten Ilse und ich nun erarbeiten, dass sie die Stimme ihrer Gefühle lange unterdrückt hatte. Sie hatte immer nur an die Arbeit gedacht, aber nie an das eigene Wohlergehen. Auch gegenüber ihrem Mann hatte sie immer über ihre Wünsche geschwiegen – und war irgendwann krank geworden.

Ich weiß nicht, was aus Ilse geworden ist. Blockiert durch die Rückenschmerzen war sie gezwungen, über ihr Leben nachzudenken und die Weichen so zu stellen, dass ihre Zukunft mit oder ohne Mann besser wird.

Vielleicht hat sie es geschafft, die Beziehung auf eine neue, offenere Ebene zu heben. Vielleicht hat sie auch an ihrem Wohnort einen Psychologen aufgesucht, um die bei mir begonnene Erarbeitung der Ursachen ihres Leidens fortzusetzen. Womöglich aber hat sie an ihrem Leben auch nichts geändert, vielleicht ist sie zu Hause in das alte Muster zurückgefallen.

 

Enttäuschung kann zu Schlägen werden

 

Dann werden sich die beiden Partner auf ihre lange eingeübten Positionen zurückziehen und misstrauisch belauern – bis sich womöglich irgendwann die Katastrophe ankündigt, bis sich die Gefühle in gegenseitigen Vorwürfen, Beleidigungen, Anfeindungen und – auch das kommt manchmal vor – in Schlägen Gehör verschaffen.

Oder die Partner entwickeln zusätzlich zu den körperlichen Beschwerden eine Depression . Tatsächlich ist eine Depression oftmals die Folge einer nicht funktionierenden Beziehung, einer Vereinsamung in der Ehe ...

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Das Buch

 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch " Die Single-Falle - Frauen und Männer in Zeiten der Selbstverwirklichung " von Lena Kornyeyeva. Die Psychologin Lena Kornyeyeva schildert die Ursachen und die Folgen der um sich greifenden Vereinsamung und zeigt Wege aus der Single-Falle. Ein sensibles Plädoyer für die Wiederentdeckung der Liebe.

Heyne Verlag | ISBN: 978-3-453-26997-2

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