Transsexualität bei Kindern: Im falschen Körper geboren

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Die Erfahrung zeigt, dass viel Akzeptanz bei Transsexualität bei Kindern herrscht
Foto: aydinmutlu / iStock

Wenn Kinder schon früh merken, dass sie transsexuell sind

Es ist ein Gefühl, das nie mehr weggeht: "Ich bin doch gar kein Junge/Mädchen". Wenn schon Kinder merken, dass sie anders sind. Ein Experte verrät uns mehr.

"Ich fühle mich nicht wie ein Mädchen". Schon im Kindergarten spüren sie, dass sie anders sind. Ihr Körper fühlt sich irgendwie falsch an. Dr. Achim Wüsthof (47) ist Mediziner, er begleitet junge transsexuelle Menschen auf ihrem Weg in ein neues Leben.

Bevor die Patienten in seine Praxis kommen, haben sie meist einen langen Leidensweg hinter sich. Schon als Kinder spüren sie, dass sie nicht der Junge oder das Mädchen sind, das andere in ihnen sehen.

Insgesamt haben rund 15 000 Menschen in Deutschland seit 1995 per gerichtlichem Entscheid nach dem Transsexuellengesetz ihre geschlechtliche Identität gewechselt. Aber längst nicht alle wollen eine operative Angleichung. Das ist Schätzungen zufolge nur jeder Dritte. Es wird außerdem vermutet, dass es etwa dreimal so viele Männer gibt, die sich als Frau fühlen, als andersherum.

Dr. Achim Wüsthof ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin am Endokrinologikum in Hamburg. Er unterstützt transsexuelle Mädchen und Jungen bei der Geschlechtsangleichung.

bella: Wie prägend ist das Geschlecht für die Identität?

Dr. Achim Wüsthof: Wichtig ist, dass eine Stimmigkeit besteht zwischen dem biologischen und dem gefühlten Geschlecht. Wenn das fehlt, entsteht ein großer Konflikt.

Ab wann merken Betroffene, dass etwas nicht stimmt?

Bei den meisten ab dem Zeitpunkt, wenn sie anfangen, zu sprechen oder sich ihre Kleidung selbst auszusuchen. So mit zwei oder drei Jahren. Typisch sind Mädchen, die sich automatisch der Jungengruppe anschließen, wenn die Kindergärtnerin Gruppen bildet. Auffälliger sind Mädchen, die hoffen, dass bei ihnen ein Penis wächst. Oder Jungen, die sagen "Das Ding soll weg!", immer Prinzessin sein wollen und Röckchen tragen. Die meisten leben schon viele, viele Jahre in dem gefühlten Geschlecht, bevor sie zu uns kommen. Das sind die eindeutigen Fälle.

Wann ist es komplizierter?

Manche haben auch nur Phasen, in denen sie an ihrem biologischen Geschlecht zweifeln. Es gibt ja viele Mädchen, die gern bolzen, sich dreckig machen, lieber Hosen als Röcke tragen. Das ist normal.

Wichtig zu wissen ist, dass man seinem Kind kein Geschlecht anerziehen kann. Viele meinen ja: Kein Wunder, dass der Junge sich als Mädchen fühlt, wenn der die rosa Sachen seiner Schwester auftragen muss. In den USA gab es Umerziehungsmaßnahmen. Das hat nichts gebracht. Das Geschlecht ist tief verwurzelt.

Wie reagieren Eltern auf das "Anderssein"?

Die Akzeptanz ist erstaunlich hoch. Auch wenn viele natürlich hadern und hoffen, dass das Gefühl wieder weggeht. Aus meiner Praxis kenne ich nur eine Mutter , die zu ihrer Tochter gesagt hat: "Wenn du diesen Weg der Geschlechtsumwandlung gehst, will ich nichts mehr mit dir zu tun haben." Das Mädchen ist 15 Jahre alt.

Wie geht es den Teenagern, bevor sie zu Ihnen kommen?

Die Angst vor negativen Reaktionen ist groß. Manche haben Depressionen, verletzen sich selbst, andere haben sogar schon Suizidversuche hinter sich.

Dabei ist der Großteil meiner Patienten völlig normal. Das sind keine schrägen Vögel aus zerrütteten Familien . Im Gegenteil, es sind kluge Menschen.

In welchem Alter kommen sie zu Ihnen?

Ganz selten sind es Kinder. Die meisten in der Pubertät , wenn sie merken, dass sich ihr Körper in die falsche Richtung entwickelt. Dann werden sie plötzlich panisch, outen sich und drängen darauf, sich Hilfe zu suchen. Dank des Internets wissen sie, an wen sie sich wenden können, oder sie tauschen sich im Netz mit anderen aus.

Was passiert dann bei Ihnen in der Praxis?

Wir führen umfangreiche Untersuchungen durch. Nach einem Gespräch mit mir machen erst mal die Kollegen von der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) weiter.

Wir müssen, bevor wir pubertätsunterdrückende Hormone geben, sicher sein, dass es eben nicht nur eine Phase ist.

Wenn das die Analysen der Psychologen bestätigen, geben wir die Hormone. Dadurch verhindern wir Stimmbruch und Bartwuchs bei den Jungen, bei den Mädchen, dass die Brust wächst. Wie so eine Art Winterschlaf der Pubertät. Das wird psychotherapeutisch begleitet.

Und dann kommt der zweite Schritt ...

Ja, nach etwa einem Jahr verabreichen wir gegengeschlechtliche Hormone. Das ist eine unglaubliche Weichenstellung. Deshalb wird von Spezialisten sichergestellt, dass dies der einzige Weg ist. Wir müssen ausschließen, dass es für den Patienten nicht auch möglich wäre, als femininer Mann oder als maskuline Frau zu leben. Es ist der Beginn eines Jahre andauernden Prozesses. Bis sich bei Jungen eine Brust entwickelt, dauert es zwei bis drei Jahre, genauso wie der Bartwuchs bei Mädchen.

Gab es jemanden, der abgebrochen hat?

Ich habe in den vergangenen zehn Jahren 200 Jugendliche auf diesem Weg begleitet. Ich kenne nur einen einzigen Fall: Ein biologisches Mädchen hat die Behandlung mit Testosteron abgebrochen. Ein Jahr, nachdem wir begonnen hatten. Mich und meine Kollegen hat das sehr beschäftigt. Es zeigt aber, dass es sehr unwahrscheinlich ist.

Und wann wird operiert?

Meist erst nach der Volljährigkeit. Obwohl es auch Ausnahmen gibt. Wir hatten beispielsweise mal einen transsexuellen Jungen, der schon mit 15 eine Penis-OP hatte. Da sind zwei bis drei Eingriffe nötig.

Es ist erstaunlich, was Chirurgen da schaffen. Der Junge lebt mittlerweile in einer heterosexuellen Beziehung, kann eine Erektion und sogar einen Orgasmus bekommen.

"Outen" sich heute mehr Betroffene?

Es ist zumindest so, dass es viele erwachsene Transsexuelle gibt, die sich früher als Kind nicht getraut haben, obwohl sie es schon wussten.

Durch die Berichterstattung in den Medien mache ich mir allerdings Sorgen, dass heute Jugendliche aus einem allgemeinen Unwohlsein heraus denken, dass dies die Lösung ihres Problems sein könnte. Da müssen wir aufpassen.

Kennt man die Ursache für Transsexualität?

Nein, die ist nach wie vor unbekannt. Neueste Studien besagen aber, dass die Gehirnstruktur bei Transsexuellen denen des gewünschten Geschlechts ähnelt. Das ist eine wichtige Erkenntnis für uns.

Gibt es Schätzungen, wie viele betroffen sind?

Da es kein Melderegister gibt, gibt es auch keine seriösen Zahlen. Die Dunkelziffer ist hoch. Vielleicht trifft es auf einen von 20 000 Menschen zu. Schwer zu sagen.

Hat sich der Umgang heute verändert?

Ja, das Umfeld ist offener. Wenn Eltern und Jugendliche das Thema klar kommunizieren, wird damit auch in Schulen gut umgegangen. Das zeigt zumindest meine Erfahrung.

Die Kinder bekommen in der Klassenliste und auf dem Zeugnis ihren Wunschnamen. Auf Klassenfahrten dürfen Transsexuelle in dem Schlafsaal des gewünschten Geschlechts schlafen. So etwas war vor ein paar Jahren noch unvorstellbar.

Und was motiviert Sie bei Ihrer Arbeit?

Mein Ziel ist es, dass die Jugendlichen sich in ihrem Körper wohlfühlen und die Chance haben, ein glückliches Leben zu führen.

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Wenn Kinder und Eltern Hilfe brauchen:

Das Uniklinikum Eppendorf (UKE) bietet eine Sprechstunde zum Thema Unsicherheit in der Geschlechtsidentität an.

Kinder, Jugendliche und ihre Eltern können sich bei Fragen per E-Mail an Saskia Fahrenkrug (s.fahrenkrug@uke.de) wenden. Das Sekretariat der Spezialambulanz ist unter 040 741052230 erreichbar. Ratsuchende können sich auch an Dr. Wüsthof wenden unter 040 30628200.

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Text: Uta Dietsch

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