Trauma statt Glück: Gewalt unter der Geburt

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Im Moment der Geburt sind Frauen auf die Hilfe von Ärzten und Hebammen angewiesen - leider wollen diese nicht immer nur ihr Bestes.
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Was schwangeren Frauen im Kreißsaal passieren kann

„Sie fuhr mit den Fingern in mich rein, und ein stechender Schmerz fuhr mir vom Unterleib bis hoch in den Kopf. Ich schrie und heulte, und sie schrie auch: „Hör jetzt auf mit deinem Theater!“ Sie hat mir den Muttermund mit den Fingern geöffnet, ohne Betäubung …“ - Nina, 37 Jahre

„Ich hatte große Angst. Das wurde nicht besser, als ich mitbekam, wie der eifrige Assistenzarzt zum Dammschnitt ansetzte. Mein Baby war noch nicht mal durchs Becken gerutscht! Was sollte das?! Mein Mann erkannte glücklicherweise diesen Irrsinn und hielt den Arzt mit einer strengen Ansage zurück.“ - Stefanie, 28 Jahre

„Bei nahezu allen vaginalen Untersuchungen - und das sind einige pro Dienst – empfinde ich mich als Zeugin einer Vergewaltigung.“ – Maria, Hebammenschülerin

Eine Frau, die sich dazu entschließt ein Kind zu bekommen, muss damit rechnen, in einem Moment großer Hilfsbedürftigkeit – dem Moment der Geburt – auf die Fürsorge von Menschen angewiesen zu sein, denen nicht in erster Linie ihr Wohlergehen wichtig ist. Die Soziologin Christina Mundlos aus Hannover hat in ihrem Buch „ Gewalt unter der Geburt – Der alltägliche Skandal “ Erfahrungsberichte von Müttern, Vätern und Hebammen versammelt, die ein schockierendes Bild davon zeichnen, was einer werdenden Mutter während der Geburt in einem Kreißsaal geschehen kann.

 

Die Frauen, die Christina Mundlos interviewt hat, berichten von schmerzhaften und verletzenden Übergriffen wie unnötigen Dammschnitten, voreiligen Kaiserschnitten , brutalen Vaginal-Untersuchungen, verweigerten Schmerzmitteln und herablassend-demütigender Behandlung durch das ärztliche Personal.

Als besonders schlimm beschreiben viele der Frauen die Anwendung des sogenannten Kristeller-Handgriffes durch Ärzte und Hebammen , bei dem das Kind durch starken Druck mit den Armen oder den Ellbogen auf den Bauch der Schwangeren herausgepresst wird.

Eine werdende Hebamme berichtet in „Gewalt unter der Geburt“ von einem entsprechenden Erlebnis: „Ohne groß zu erklären, was da jetzt gemacht werden würde, kniete sich die Ärztin neben die Frau auf das Bett und drückte während der Wehe von oben gegen die Gebärmutter, um das Kind nach unten zu schieben. Frau Yilmaz schrie vor Schmerz, aber die Ärztin machte dennoch weiter …. Die Hebamme, die älter war als die Ärztin, übernahm in der nächsten Wehe das Kristellern. Sie nahm einen Kissenbezug, rollte ihn zusammen und wickelte ihn um das Bettgestell, damit sie was zum Ziehen hatte. Mit der einen Hand stützte sie sich dann auf dem Bett ab, mit der anderen packte sie das Tuch und rammte Frau Yilmaz den Ellbogen in den Bauch. Frau Yilmaz wehrte sich und erbrach.“

Auch Christina Mundlos selbst hat Gewalt unter der Geburt erlebt. Als sie ihr erstes Kind in einer Klinik zur Welt brachte, traf sie dort auf eine Ärztin und eine Hebamme, die sich mutwillig über ihre Behandlungswünsche hinwegsetzten und einen Dammschnitt durchführten, den Christina Mundlos nicht gewollt hatte.

In ihrem Buch schreibt sie: „Ich sagte zu beiden, dass ich auf keinen Fall einen Dammschnitt haben möchte … Ich hatte viel dazu gelesen und ganz bewusst entschieden, dass ich einen Dammriss einem Dammschnitt vorziehen würde. Die Heilung soll bei einem Riss viel besser verlaufen … In einer Wehenpause stellten sie meine Beine ab. Sie sagten, dass ich wunderbar pressen würde und dass das Köpfchen schon zu sehen sei. Das Pressen fiel mir leicht. Ich hätte noch ewig so weitermachen können. Die Ärztin setzte sich zwischen meine Beine. Als sie sich umdrehte und etwas weglegte, begriff ich, was geschehen war: Sie hatte mir einen Dammschnitt verpasst. Ohne Ankündigung, ohne mich um Erlaubnis zu fragen. Obwohl ich darum gebeten hatte, dass mein Damm geschützt und nicht kaputtgeschnitten wird.“ Noch Wochen nach der Geburt litt Christina Mundlos infolge des Dammschnitts an starken Schmerzen. Noch heute ist sie wütend auf die Ärztin: „Das Gefühl der Wut, der Ohnmacht und des Missbrauchs dauern bis heute an.“

Wie kann es sein, dass Frauen, die bei einer Geburt einen solch gewaltsamen Umgang erleben, darüber nicht sprechen?

Sollte es diesen Frauen nicht ein Anliegen sein, andere Frauen zu warnen? Christina Mundlos erklärt sich dieses Phänomen des Schweigens so: „Die Gewalt unter der Geburt ist eins der letzten großen Tabus in Deutschland (und in vielen anderen Ländern). Die Öffentlichkeit ist nicht darüber informiert, dass es diese Gewalt gibt, dass sie massenweise vorkommt und dass sie in den wenigsten Fällen geahndet wird. Und nicht nur die Öffentlichkeit ist ahnungslos: Viele Frauen, die Opfer dieser Gewalt werden, sind sich unsicher, ob es sich bei ihren Erlebnissen um Gewalt, Körperverletzung, Beleidigung oder Unrecht handelt. Viele Betroffene sagen: „Das, was mit mir geschehen ist, ist nichts Ungewöhnliches, es passiert so vielen, da habe ich gedacht, dass es normal ist und wohl so sein müsste.“

Die Geburt als ein Erlebnis voller Schrecken statt ein einziger großer Glücksmoment? Viele Frauen rechnen nicht mit einer solch negativen Überraschung im Kreißsaal. Und es muss dazu in aller Deutlichkeit gesagt werden, dass solche Erlebnisse nicht die Regel sind. In vielen Krankenhäusern und Geburtshäusern in Deutschland werden schwangere Frauen unter der Geburt liebevoll und fachmännisch betreut. Aber es gibt eben auch solche Fälle, in denen die Frauen nicht gut behandelt werden.

„Kliniken verdienen an interventionsreichen Geburten am meisten“

Diese Fälle lassen sich nur vermeiden, indem sich die Frauen und ihre Partner zu den möglichen Geburtsvorgängen informieren, damit sie bei der Geburt souverän auftreten und entscheiden können, wie zum Wohle von Mutter und Kind behandelt werden soll. Denn das ärztliche Personal ist bei medizinischen Entscheidungen allzu oft auch durch finanzielle oder organisatorische Interessen gesteuert.

Christina Mundlos berichtet: „Kliniken verdienen an interventionsreichen Geburten am meisten. Jeder Tropf, jeder Schnitt, jede Naht wird gesondert vergütet. Kaiserschnitte werden deutlich besser von den Krankenkassen bezahlt als normale Geburten.“ Außerdem soll so manche Geburt am liebsten vor dem Wochenende abgeschlossen sein, so das Ergebnis der Recherchen der Soziologin, weil das Personal am Wochenende teurer ist. Folglich werde so manche Geburt künstlich beschleunigt, beispielweise durch das Legen von wehenförderndenGelen in die Vagina.

Frauen wie Christina Mundlos haben seit November 2013 weltweit damit begonnen, auf besondere Weise gegen die Gewalt unter der Geburt zu protestieren, indem sie jedes Jahr am 25. November weiße Rosen vor den Türen abgelegt haben, hinter denen ihnen Gewalt angetan wurde. Die sogenannte „Roses Revolution“ hat viel Beachtung in den Medien gefunden, doch die betroffenen Kliniken haben kaum auf die Anschuldigungen reagiert. Auch Christina Mundlos hat niemals eine Antwort auf ihren anklagenden Brief erhalten, den sie ihrer Rose beigelegt hatte.

Doch immerhin hat diese Aktion dazu geführt, dass betroffene Frauen miteinander ins Gespräch kommen können und sich vermehrt gemeinsam dafür einsetzen, dass Frauen unter der Geburt besser behandelt werden.

Interview mit der Autorin Christina Mundlos
 

Wunderweib: Liebe Frau Mundlos, Ihr Buch „Gewalt unter der Geburt“ ist bereits 2015 erschienen. Welche Reaktionen auf das Buch haben Sie erlebt?

Christina Mundlos: Mir ist eine Welle der Dankbarkeit begegnet. Viele Mütter und Hebammen, die Gewalt während Geburten erlebt haben, waren froh, dass ich mit dazu beitrage, dass dieses Thema öffentlich wird. Besonders berührt hat mich, wie viele Hebammen und Hebammenschülerinnen auch unter den Zuständen leiden. Da sind bei meinen Vorträgen oder auch auf Tagungen mitunter auch Tränen geflossen.

Hat sich infolge Ihrer Veröffentlichung dieser gewaltsamen Akte in deutschen Kliniken etwas im Alltag der Geburtshilfe verändert?

Christina Mundlos: Mein Buch ist vor einem halben Jahr erschienen. Der Deutsche Hebammenverband hat sofort reagiert und mich zu seiner Bundesdelegiertentagung eingeladen. Dort wurde ich von aufgeschlossenen, sehr reflektierten und engagierten Hebammen mit offenen Armen empfangen. Aber: Die Gynäkologenverbände sind über mein Buch informiert, haben jedoch nie reagiert. Die Politik und Klinikleitungen nehmen das Thema noch überhaupt nicht wahr. Und auch die Medien setzen sich damit bisher nur sehr verhalten auseinander. Wir brauchen einen gesellschaftlichen Aufschrei, eine öffentliche Plattform – sonst ändert sich gar nichts.

Wenn Sie noch einmal ein Kind bekommen würden, nach welchen Kriterien würden Sie dann den Ort der Geburt auswählen?

Christina Mundlos: Ich habe nach der Geburt meines Sohnes, bei welcher ich Gewalt erlebte, vier Jahre später noch eine Tochter bekommen. Vermutlich wäre ich in ein Geburtshaus gegangen und hätte mein zweites Kind dort mit mir vertrauten Hebammen bekommen. Doch die zweite Schwangerschaft verlief sehr kompliziert und meine Tochter kam zu früh. Daher habe ich nach einer Klinik gesucht, deren Entbindungsstation und Kreißsaal von anderen Frauen als positiv eingeschätzt wird. Um mich nicht auf einzelne Stimmen verlassen zu müssen, habe ich im Internet sehr viele Klinikbewertungen gelesen. Und die waren eindeutig: die zwei nächstgelegenen Kliniken waren nahezu verschrien (zu wenig Hebammen vor Ort und zu viele Kaiserschnitte). Ich habe mich dann für eine Klinik entschieden, die etwas weiter weg war, aber die durchweg sehr gut bewertet wurde. Und tatsächlich habe ich dann dort auch gute Erfahrungen gemacht. Ich wurde menschlich und respektvoll behandelt, meine Wünsche wurden berücksichtigt.

Mehr Infos zum Buch:

Gewalt unter der Geburt - Der alltägliche Skandal

Christina Mundlos | Tectum Verlag 2015 | ISBN 978-3-8288-3575-7

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