Udo Jürgens (75): „Ich bedaure eigentlich nichts. Auch nicht die Dinge, die in die Hose gegangen sind“

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Das große Geburtstags-Interview

Sein Zuhause in Zürich zeigt er nur selten. Aber hier gibt der Künstler einen privaten Einblick in sein Leben.

Eigentlich müsste man sich von ihm den Ausweis zeigen lassen. Dieser Mann soll 75 sein? Und doch: Es stimmt. Wir begegnen Udo Jürgens ganz privat in seinem Zuhause in Zürich. Und sind von diesem Menschen gefesselt. Diese Stimme, dieser Charme, diese Lebensfreude! Da steht er vor uns, der legendäre Sänger und Komponist von „Merci Chérie“, „Griechischer Wein“ und, und, und. Keine Spur von Arroganz. Da drängt sich die erste Frage förmlich auf …

Herr Jürgens, Sie strahlen eine Vitalität aus, als würde das Älterwerden überhaupt keine Rolle spielen.

Udo Jürgens : Älterwerden ist ja auch keine Krankheit. Meine Kreativität hat sich mit zunehmendem Alter sogar vergrößert. Aber ich weiß auch, dass ich in der Brandung des Lebens stehe. Trotzdem genieße ich jeden Tag und betrachte die Zeit, die mir bleibt, als Geschenk.

Wenn Sie sich selbst ein Geburtstagslied komponieren – wie würde es heißen?

Udo Jürgens : „Lerne und denke.“ Beides sollte man jeden Tag tun.

Von wem haben Sie im Leben am meisten gelernt?

Udo Jürgens : Musikalisch von Gilbert Bécaud und Charles Aznavour. In meinem Privatleben eindeutig von meinen Brüdern John und Manfred und meinem Schwiegersohn Thomas, der Professor für Philosophie ist.

Halten Sie oft Rückschau?

Udo Jürgens : Selbstverständlich! Ich akzeptiere meine Vergangenheit. Ich bedaure eigentlich nichts, muss ich sagen. Auch nicht die Dinge, die in die Hose gegangen sind. Meine Fehler waren das Salz in der Suppe, sie haben mich geformt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es wichtig ist, offen zu seinen Fehlern zu stehen und sich zu stellen, um es in Zukunft besser zu machen.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Udo Jürgens : Es ist zum Beispiel ein echtes Problem, mit mir verheiratet zu sein, weil ich ein sehr freiheitsliebender Mensch bin. Deshalb habe ich auch nicht mehr die Absicht, eine Frau dadurch unglücklich zu machen, dass ich sie heirate (lacht).

Sie sind also in dem Punkt vernünftig geworden?

Udo Jürgens : Was Frauen betrifft – sicherlich! Aber ich bin noch immer nicht der Vernünftige, der sein Leben voll mit allen Konsequenzen im Griff hat. Ich brauche immer noch Leute, die ein bisschen auf mich gucken, weil mir einige Dinge vollkommen egal sind. Ich beschäftige mich zum Beispiel nicht mit meiner finanziellen Situation. Ich weiß, dass die gut ist, aber das genügt mir. Mein Manager Freddy Burger zwingt mich jedes Jahr förmlich dazu, in Gegenwart eines Anwalts alles durchzuschauen. Ich habe dazu eigentlich überhaupt keine Lust. Aber er besteht darauf, dass ich über alles Geschäftliche genauestens informiert bin. Ich bin überaus froh, dass Freddy Burger seit 30 Jahren an meiner Seite ist. Es ist eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Sie sind in beruflichen Dingen offenbar sehr treu.

Udo Jürgens : Ja, da bin treu und anhänglich. Ich arbeite gern lange mit Leuten zusammen. Mein Orchesterchef Pepe Lienhard begleitet mich seit Jahrzehnten. Und auch mein erster Manager, Hans R. Beierlein, dem ich wirklich unendlich viel verdanke, hat 14 Jahre mit mir zusammengearbeitet.

Hans R. Beierlein hat einen großen Anteil an Ihrer Karriere. Die wenigsten wissen, dass Sie 1963 das Singen aufgeben wollten.

Udo Jürgens : Ich war eigentlich nie von dem Gedanken begeistert, dass ich singe. Ich wollte immer Musiker werden. Mein Traum war Unterhaltungsmusik-Komponist. Als ich dann Hans R. Beierlein getroffen habe, fing ein eigenes Kapitel an. Er hat zu mir gesagt: „Hör zu, den Schmarren, den du bis jetzt gesungen hast, den vergessen wir mal ganz schnell!“ Er kam mit einer Mappe voller Lieder von Bécaud bis Jacques Brel. Und dann ging es los. Es kamen diese Texte wie „Ein ehrenwertes Haus“ heraus. Das war wie eine Revolution. Man darf ja nicht vergessen, dass die Lieder vorher nur drei Themen kannten: Cowboy-, Seemanns- und Italien-Lieder. Davon weg und auf ein Lebensgefühl zu kommen, war die große Herausforderung, die ich damals irgendwie gespürt habe und die mir irgendwie gelungen ist.

Im deutschsprachigen Raum kann jeder Ihre Hits mitsingen. „Ich war noch niemals in New York“ spielen heute sogar junge Bands wie Sportfreunde Stiller nach.

Udo Jürgens : Das freut mich natürlich. Ich finde das eine lustige Idee und habe deshalb auch mitgesungen. Zumal „Ich war noch niemals in New York“ der seltsamste Titel meiner ganzen Laufbahn ist. Den habe ich 1982 geschrieben. Und es passierte nix. Er war sogar nur die Rückseite einer Single. Alle fanden ihn zwar schön, aber irgendwie nicht aufregend. Erst viele Jahre später ist dieser Titel als Gassenhauer entdeckt worden.

Da gab es plötzlich ganze Udo-Jürgens-Partys, wo Songs wie „Mit 66 Jahren“, „Aber bitte mit Sahne“ und „Griechischer Wein“ Kult wurden.

Man kennt Sie als Entertainer – sogar in Japan. Haben Sie eigentlich schon als kleiner Junge davon geträumt, weltberühmt zu werden?

Udo Jürgens : Sie werden es nicht glauben, aber mein Selbstbewusstsein als Kind und Jugendlicher war mehr als eingeschränkt. Es war sehr bescheiden, muss ich zugeben. Ich bin heute noch nicht so, dass ich diese „Hoppla, jetzt komm ich“-Mentalität auch nur im Entferntesten draufhätte.

Welche Momente genießt Udo Jürgens in seinem Leben besonders?

Udo Jürgens : Ich genieße eigentlich jeden Moment, wenn ich mich ans Klavier setzen und vor anderen Menschen spielen kann. Wenn ich merke, dass Menschen berührt sind von dem, was ich tue. Das ist alles eine Form von Genuss. Ansonsten versuche ich zu lernen, das Leben in seinem Auf und Ab zu akzeptieren. Zu erkennen und zu sehen, dass das Leben in seiner Gesamtheit nicht einfach aus permanentem Sonnenschein besteht, sondern dass man sich dies erarbeiten und erkämpfen muss. Und wenn man sich dazu durchringt, das langsam zu begreifen, dann geht’s einem wesentlich besser.

Ihre zweite Frau Corinna soll einmal vor vielen Jahren zu Ihnen gesagt haben: Wenn du 75 bist, Udo, dann werden dir die Mädchen immer noch nachlaufen …

Udo Jürgens (lacht): Ich finde das sehr witzig, dass sie das gesagt hat. Mit den Mädchen, das stimmt nicht so ganz.

Ihr Verhältnis zu Corinna endete trotz Scheidung nicht im Rosenkrieg. Das gelingt nicht vielen Ex-Paaren.

Udo Jürgens : Es macht mich glücklich, dass ich mit den Menschen meines Lebens noch immer Kontakt habe. Ich war kürzlich mit Corinna essen. Wir haben so viel gelacht zusammen, zum Teil auch über uns selbst. Und ich muss sagen: Heute weiß ich, warum ich sie 1999 geheiratet habe. Denn sie war und ist immer ein positiver und fröhlicher Mensch. Dass dann vieles schiefgelaufen ist bei uns, ist so, und dazu stehen wir beide. Aber das hindert uns nicht daran, uns immer mal wieder zu sehen, uns anzurufen. Ich finde es sehr schön, dass man so ein wunderbares Verhältnis zueinander hat.

Sie werden im Herbst wieder auf große Tournee gehen. Sehnt man sich nach so vielen aufregenden Jahrzehnten im Showgeschäft nicht nach Ruhe?

Udo Jürgens : Nein, ich sehe da keine Altersgrenze. Das hängt vielleicht auch mit der vollkommenen Freiheit zusammen, die ich in der Arbeit habe. Mich drängt niemand, ein Album zu machen, Lieder zu schreiben. Ich habe es so geregelt, dass alles nur aus meiner Bereitschaft kommt, wenn ich Lust und Zeit habe.

Ganz ehrlich, was hätten Sie gesagt, wenn man Sie am Anfang Ihrer Karrieregefragt hätte, ob Sie 2009noch auf der Bühne stehen?

Udo Jürgens : Als ich meinen Manager Freddy Burger vor mehr als 30 Jahren kennengelernt habe, sagte er zu mir: „Wenn du über 70 bist, garantiere ich dir, werden wir die Hallen noch immer ausverkauft haben. Du bist ein Typ, der mit seiner Musik und seinem Wesen nicht an eine Zeit gebunden ist.“ Damals habe ich gedacht, der spinnt! Heute freue ich mich darüber, dass Freddy Burger Recht behalten hat.

An Ihrem Geburtstag strahlt das ZDF Ihnen zu Ehren eine große Gala aus. Ihre Kinder Jenny, John und Sonja werden dabei sein. Und auch Freunde und Kollegen wie Hans Dietrich Genscher.

Udo Jürgens : Ich bin im Laufe meines Lebens vielen Menschen begegnet, die ich bewundere. Dazu zählt zweifelsohne der Politiker Hans Dietrich Genscher. Den bewegenden Moment, als er an meinem Geburtstag, dem 30. September 1989, auf dem Balkon der Prager Botschaft stand und die Ereignisse danach, den Mauerfall, werde ich nie vergessen. Hans Dietrich Genscher ist ein großartiger Mensch, und ich fühle mich geehrt, dass er zu meinem Freundeskreis zählt.

Zum Schluss würden wir gern von Ihnen wissen, welches Ihrer Lieder Sie am meisten lieben.

Udo Jürgens : Oh, das ist schwer. Ich habe an die 1000 Lieder geschrieben. Aber ich finde „Warum nur, warum“ und „Was ich dir sagen will“ gehören zu den schönsten Liedern, die ich komponiert habe.

Gibt es einen Wunsch, den Sie gern zu Ihrem Geburtstag erfüllt haben würden?

Udo Jürgens : Das Einzige, was ich mir wünsche, ist Gesundheit. Auch wenn das vielleicht nicht besonders originell klingt.

Herr Jürgens, wir bedanken uns für das Interview und wünschen Ihnen alles Gute zum 75. Geburtstag!

TOURNEE-DATEN 2009:

25. 10. Nordhorn • 27. 10. Ravensburg • 28. 10. Ulm • 30. 10. Offenburg • 1. 11. Frankfurt • 3. 11. Leipzig • 4. 11. Magdeburg • 5. 11. Chemnitz • 10. 11. Wuppertal • 11. 11. Lemgo • 13. 11. Düsseldorf • 14. 11. Köln • 15. 11. Essen • 17. 11. Braunschweig • 18. 11. Oldenburg • 20. 11. Hamburg • 21. 11. Berlin • 24. 11. Würzburg • 25. 11. Regensburg • 27. 11. Nürnberg • 28. 11. München. Fortsetzung folgt.

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