Udo Jürgens im Interview: "Am Klavier verlor ich die Angst vor den Bomben"

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Zu seinem 77.Geburtstag strahlt das Fernsehen seine Familiengeschichte „Der Mann mit dem Fagott“ aus. Da kommen schlimme Kriegserinnerungen hoch
Foto: GettyImages

Zum 77. Geburtstag

Eigentlich kennt man Udo Jürgens (76) als Mann am Klavier. Deshalb verwundert es, dass er seinen autobiografischen Roman, der jetzt verfilmt wurde, „Der Mann mit dem Fagott“ nennt. Aber schnell wird klar: Der Fagott-Mann ist eine Bronzefigur, die vom Großvater dem Vater und dann dem Sohn Udo Jürgens vererbt wurde. Sie ist Zeuge bewegender Ereignisse: Russische Revolution, Erster und Zweiter Weltkrieg, Neuanfang – und vom Aufstieg des mäßigen Sängers Udo Jürgen Bockelmann zum Entertainer Udo Jürgens. Zur Ausstrahlung des Zweiteilers „Der Mann mit dem Fagott“ erzählt der Weltstar von Krieg, Liebe und Lebens-Fehlern. Auch von ihnen könnte die Statuette berichten.Wir trafen den Welt-Star Udo Jürgens zum Interview:

Erst ein Buch, dann ein Film über ihre Familiengeschichte. Warum?Udo Jürgens: Meine Familie spielt nicht die Hauptrolle in diesem Film, sondern das 20. Jahrhundert, das wahnwitzigste Jahrhundert, das die Menschheit jemals erlebt hat. Es ist schon erstaunlich, dass sich Zeitgeschichte in einer einzigen Familie widerspiegelt: etwa, dass mein Großvater Lenin nach St. Petersburg gebracht hat. Und ähnliche Geschichten, die historisch groß sind. Zwei Kriege, zweimal ein Neubeginn.Wie ist es, das eigene Leben als Film zu sehen?Udo Jürgens: Ich habe vor diesem Augenblick große Angst gehabt. Aber als ich die Szenen sah, habe ich gemerkt, dass mir die Tränen runterliefen. Es war so echt und authentisch. Ich war so ergriffen. Das ist geblieben bis zum heutigen Tag.Sie waren fünf Jahre alt, als der Krieg ausbrach…Udo Jürgens: Ja, und Klagenfurt wurde 48 Mal bombardiert. Das vergesse ich nie. Ich habe als Kind die Fliegerverbände ständig gehört. Und das Krachen der Bomben in der Stadt und auf die Vorstadt und die Industriebetriebe.Wie sind Sie mit Ihrer Angst umgegangen? Udo Jürgens : Wenn die Flugzeuge kamen, habe ich am Klavier den Ton gesucht, und den danebenliegenden Ton auch, weil die Flieger Formation fliegen. Meine Eltern waren erschrocken, als sie das hörten. Es klang echt. Aber für mich war es wie eine Selbsttherapie. Als Kind hat man ja Angst, und das war meine Art, sie zu bewältigen. Aber – so fing ich auch mit dem Klavierspielen an.Zum Klavier haben Sie fortan die innigste Beziehung in Ihrem Leben. Im Film werden Sie deshalb von ihrer ersten Freundin verlassen.Udo Jürgens: Wenn man so will, war Gitta mein erstes Opfer, ohne dass ich sie zum Opfer machen wollte. Ich habe sie vergöttert und geliebt. Wir haben heute noch Kontakt. Sie hat mir vor drei Jahren die Briefe zurückgegeben, die ich ihr damals geschrieben habe. Als ich sah, was ich als 20-Jähriger für Liebesbriefe geschrieben habe, hat mich das unglaublich berührt. Erst jetzt merkte ich, wie wichtig diese Frau für mich war.

Was bedeutet „Opfer“?Udo Jürgens: Der Besessene opfert sein Privatleben, der opfert seine Partner, weil er nur für die Sache lebt, die er schaffen will. Besessene sind keine schlechten Menschen, sie sind nur besessen von ihrer Idee. Sie opfern die Dinge, die ein Leben gemütlich und beschaulich machen. Ich bin eben so ein Besessener.Hat sich das gelegt?Udo Jürgens: Natürlich. Ich hab ja die Dinge, die ich erreichen wollte, erreicht. Die ganze Liebe, die einem den Kopf und das Herz angezündet hat, sieht man im Laufe des Lebens anders. Ich habe Enttäuschungen erlebt und anderen Enttäuschungen zugefügt.Wie denken Sie jetzt über diese Zeit?Udo Jürgens: Wenn man jung ist, ist man Sturm und Drang. Und ein Sturm-und-Drang-Mensch geht nicht mit Vernunft an die Liebe heran, sondern er stürzt sich in das ganze Abenteuer hinein. Ich war nie treu. Aber so war mein Leben. Ich habe bestimmt Fehler gemacht. Aber wenn ich sie nicht gemacht hätte, könnte ich nicht über das Leben singen.Sind Sie froh, dass diese Zeit vorüber ist?Udo Jürgens: Ich bin auch froh, dass man aus den finanziellen Kalamitäten heraus ist, die man als junger Mensch erlebt. Wir haben ja nichts gehabt und nach dem verlorenen Krieg schon gar nicht. Mein erstes Auto war ein uralter VW Käfer, für den ich mir von meinem Vater 700 Mark geborgt habe. Innerhalb eines halben Jahres musste ich diese auf Heller und Pfennig zurückzahlen. Dass eigene Kinder heutzutage etwas zurückzahlen, das gibt es ja nicht mehr. Heute gibt man mit warmer Hand, und das ist auch gut. Aber es ist auch gut, dass man es anders gelernt hat.

Bereuen Sie etwas?Udo Jürgens: Nein. Aber den Erwartungen, die mir in jungen Jahren gestellt wurden, konnte ich nicht gerecht werden. Ich fühlte mich schnell eingeengt, besonders in einer Beziehung. Auf einmal bekommt man Fragen wie: „Wo gehst du heute Abend hin?“ Ich wollte solche Fragen nicht hören. Diese Fragen will ich heute noch nicht hören. Das gibt natürlich Probleme. Da steht man vor einer Entscheidung: Will ich heiraten und werde Klavierlehrer – oder will ich den Wahnsinn weiter leben?Bis wann leben Sie diesen Wahnsinn noch?Udo Jürgens: Ich plane nie lange in die Zukunft. Ich weiß nur: Ich werde mit Sicherheit nie ein Abschiedskonzert machen, ich werde nie ein Abschiedslied schreiben. Ich finde, das ist Koketterie mit dem Schicksal. Solange ich die Kraft und Lust habe, diese Dinge zu tun, Musik zu machen, mache ich weiter. Ich bin heilfroh, dass ich mir auf diese Weise, die nicht nur glänzende, sondern auch bittere Zeit des Altwerdens, die für jeden hart ist, veredeln und verschönern kann.

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