Warum etwas Übergewicht gesund ist

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Rauf aufs Rad: Man muss nicht gertenschlank sein, um fit zu sein – solange man sich regelmäßig bewegt ist auch etwas Übergewicht in Ordnung
Foto: Marco Wydmuch, fotolia

Selten hat eine Nachricht uns so entspannt: Neue Studien beweisen, dass leichtes Übergewicht gut für uns sein kann.

Die Waage zeigt etwas mehr, als Ihnen lieb ist? Sie haben ein bisschen Übergewicht? Halb so schlimm! Zumindest, solange es sich nur um ein paar Extra-Pfunde handelt. Denn aus gesundheitlicher Sicht zeichnet sich derzeit ein Umdenken ab. Während starkes Übergewicht (davon spricht man ab einem Body-Mass-Index , kurz BMI, von über 30) zwar nach wie vor ein großes Risiko für den Körper darstellt, sehen Experten ein paar Kilo mehr auf den Rippen inzwischen wesentlich entspannter. Verschiedene aktuelle Erkenntnisse haben zu dieser neuen Sichtweise geführt.

Die Frage ist: Wo sitzen die Pölsterchen?

So ergab eine Daten-Auswertung in den USA verblüffenderweise, dass Menschen mit leichtem Übergewicht (BMI von 25) die größten Chancen auf ein langes Leben haben. Ein bisschen moppelig zu sein ist demnach nicht nur nicht schlimm, sondern sogar von Vorteil. Dabei spielt eine Sache jedoch eine große Rolle: Wo sitzen die Pölsterchen? Denn verschiedene Fettdepots verhalten sich unterschiedlich. Fettzellen am Bauch sind sehr stoffwechselaktiv und fördern Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder sogar Krebs. Anders ein dicker Po oder pralle Oberschenkel. Sie wirken geradezu umgekehrt, wie man seit Kurzem weiß. Hier lagern sich schädliche Fettsäuren ein, werden sozusagen aus dem Verkehr gezogen. Dafür werden Hormone gebildet, die den Blutzucker stabilisieren und Arterien schützen. Das bedeutet: "Apfeltypen" , also Menschen, die um die Körpermitte herum zulegen, sollten nach wie vor etwas gegen die Rettungsringe tun. "Birnentypen" mit rundlichem Po dürfen sich hingegen freuen.

Fit zu sein ist wichtiger als dünn zu sein

Ein anderes interessantes Ergebnis einer US-Forschergruppe: Senioren mit Übergewicht, die regelmäßig Sport trieben, waren gesünder als ihre schlanken Altersgenossen, die ihre freie Zeit lieber auf dem Sofa verbrachten. Selbst ein Bäuchlein war bei vorhandener körperlicher Fitness nicht so schädlich. Fazit: Einfach nur "dünn" sein nützt rein gar nichts. Dann ist rundlich, aber fit wesentlich besser.

Magerwahn geht auf die Knochen

Überhaupt kann das schlanke Schönheitsideal schnell kippen. Der Schritt zum Magerwahn ist gerade bei jungen Frauen schnell getan. Mit fatalen Folgen für die Gesundheit. Wer akribisch auf sein Gewicht achtet, um ja kein Übergewicht zu haben, ist anfälliger für Erkältungen, neigt eher zu Depressionen, und im Alter droht oft Knochenschwund. Auch ein ewiges Auf und Ab auf der Waage ist alles andere als gesund. Crash-Diäten , bei denen man hinterher doch wieder mehr wiegt als zuvor, belasten den Körper sehr. Eine Studie des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung ergab etwa, dass Gewichtsschwankungen das Herzinfarkt-Risiko mehr erhöhen als ein stabiles, moderates Übergewicht.

Die Schutzwirkung von leichtem Übergewicht

Mit steigendem Alter wird ein Schutzpolster tatsächlich immer wichtiger. Für Menschen ab 65 ist etwas Speck auf den Rippen eine kleine Lebensversicherung, wie es manche Experten bildlich formulieren. Denn kommt es zu einer längeren, schweren Krankheit wie beispielsweise Krebs , haben die leicht übergewichtigen Betroffenen ein Polster, von dem sie zehren können. Ihre Prognosen sind daher besser als die dünnerer Leidensgenossen. Das gilt auch für Erkrankungen wie Herzinsuffizienz oder Rheuma.

Hören Sie auf Ihr Wohlfühlgewicht

Bei all diesen Erkenntnissen drängt sich die Frage auf: Was sollte denn nun als Normalgewicht oder Idealgewicht definiert werden? Tatsächlich sind sich Experten einig, dass für die Gesundheit inzwischen neue Werte anstelle des BMI relevant sind. Auf jeden Fall sprechen die neuen Erkenntnisse dafür, dem persönlichen Wohlfühlgewicht mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Wer gesund ist und sich viel bewegt, der braucht ein paar Kilo mehr nicht zu fürchten. Das sagt auch Experte Prof. Dr. Johannes Hebebrand von der Universität Duisburg/Essen in seinem Buch "Irrtum Übergewicht" (Zabert Sandmann, 19,95 Euro). Dem Versuch, seinen Körper per Diät radikal umzuformen, räumt er ohnehin keine große Chance ein. "Jeder Mensch hat ein biologisch vorgegebenes Körpergewicht, das sich in einer engen Bandbreite bewegt", so Prof. Dr. Heberand. Sprich: Der Körper setzt immer alles daran, sein persönliches "Normalgewicht" zu bekommen. Wichtiger als möglichst schlank sein zu wollen ist es dem Experten zufolge daher, sich so viel wie möglich zu bewegen. "Für einen gesundheitlichen Schutzeffekt reicht eine halbe Stunde strammes Spazierengehen am Tag", so Prof. Dr. Hebebrand. Wer das beherzigt, der vermeidet auch automatisch extremes Übergewicht – denn das ist nach wie vor ungesund.