Warum Tuğçe sterben musste? Das Urteil des Gerichts

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Tuğçe starb im November nach einem schweren Schlag auf den Kopf - jetzt spricht das Gericht das Urteil
Foto: Getty Images

Urteil im Tuğçe-Prozess gegen Sanel M.

Schwere Körperverletzung mit Todesfolge lautete die Anklage, jetzt ist das Urteil da: Sanel M. muss ins Gefängnis. Die Strafe dafür, dass er Tuğçe im November so schwer niederschlug, dass sie den Angriff nicht überlebte.

Schwere Körperverletzung mit Todesfolge lautete die Anklage, jetzt ist das Urteil da: Sanel M. muss für 3 Jahre ins Gefängnis. Das ist die Strafe dafür, dass er Tuğçe im November so schwer niederschlug, dass sie den Angriff nicht überlebte. Schon vor dem Urteil war die Stimmung vor dem Gericht aufgeheizt gewesen.

Am 28.11.2015 wurden die Apparate abgeschaltet, die nach der Hirnblutung ihr Leben sichern sollten. Das war eine Woche vor ihrem 23. Geburtstag.

Die erste Antwort auf die Frage war eindeutig: Sehr viele feierten Tuğçe als Heldin. Sie wurde zu einem Symbol für Zivilcourage. Denn die Studentin hatte auf der Toilette des McDonald’s in Offenbach zwei Mädchen gegen Sanel und seine Freunde verteidigt. Später schlug Sanel auf dem Parkplatz zu.

Warum? Selten war diese Frage auf den ersten Blick so einfach und auf jeden weiteren Blick so schwer zu beantworten. Was passierte wirklich in der Tatnacht? Warum musste Tuğçe sterben? Diese Fragen versuchte das Landgericht in Darmstadt während des Prozesses ordentlich zu klären.

Was seitdem einigermaßen feststeht: Schon vor dem Vorfall auf der Toilette hatten sich die Gruppen um Tuğçe und Sanel in die Haare bekomme. Die Jungs machen die Mädels an, sie setzen sich weg. Dann die Toilettenszene. In Phase 3 eskaliert die Lage auf dem Parkplatz vor dem Schnellrestaurant – und jetzt ist nicht bis ins Letzte zu klären, was passierte. Denn es gibt Bilder von Überwachungskameras. Aber die Zeugen wiedersprechen sich. „Es waren schlechte Zeugen auf beiden Seiten“, sagt Verteidiger Stephan Kuhn. „Die Jungs waren zu schlecht, die Mädchen zu gut vorbereitet.“

Und wieder die Frage: Warum musste Tuğçe sterben? Offensichtlich hatte sie Sanel als "Hurensohn" beleidigt und ihn so zur Raserei provoziert. Das Gericht hörte im Prozess viele Erklärungen von beiden Seiten, wie so eine Beleidigung zu werten sei. Juristisch mag das relevant sein – an der Trauer um Tuğçe ändert es nichts. Trotzdem wird die Geschichte immer fahler, je weiter das Gericht sie durchleuchtet. „Man hätte sich für die Familile gewünscht, dass es einen höheren Zweck für ihren Tod gegeben hätte“, sagt der Oberstaatsanwalt in seinem Plädoyer.

Sanel B. scheint diese Tragik klar zu sein. Seine letzten Worte im Prozess: „Der Schlag war der schlimmste Fehler meines Lebens.“ Er entschuldigte sich schon zum Prozessauftakt bei ihren Eltern.

Die Staatsanwaltschaft hatte eine Gefängnisstrafe von 3 Jahren und 3 Monaten gefordert. Das Jugendstrafrecht, nach dem Sanel verurteilt wurde, sieht zwischen 6 Monaten und 10 Jahren Haft für solche Fälle vor. Die Verteidiger wollten ihrem Mandanten wegen "beispielloser Vorverurteilung" das Gefängnis ersparen. Sie plädierte für eine Bewährungsstrafe von einem Jahr. Verteidiger Kuhn: "Er wird um sein Leben bangen müssen."

Es ist schwer für alle zu verstehen, warum das Wort "Hurensohn" solche tödlichen Folgen haben muss. Genauso schwer ist es zu glauben, dass diese Entschuldigung den Schmerz für Tuğçes Familie lindert. Die Eltern sind krank geschrieben, die Brüder haben Ausbildung und Studium ab- bzw. unterbrochen.

Warum musste Tuğçe nur sterben? Diese Frage wird ihre Familie nie wieder verlassen, auch wenn das Gericht so sehr um Antworten bemüht war.

Das „Warum?“ bleibt unabhängig vom Gerichtsurteil für immer.

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