Warum uns das Erwachsen werden so schwer fällt

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Zuckerwatte, Rummelplatz und Quatschfotos - Ja, man kann auch ein bisschen kindisch sein und trotzdem erwachsen werden.
Foto: tomas rodriguez/arabianEye/Corbis

Warum wir uns immer seltener so alt fühlen, wie wir sind

Zeichentrickfilme, Kuscheltier-Anhänger, Hörspiele sind gerade total im Trend - bei Menschen, die längst über 20 oder sogar 30 sind. Warum das so ist. Und weshalb wir deshalb immer seltener wissen, wo wir im Leben gerade stehen.

Wir wissen, dass man Buntwäsche von weißer Wäsche trennen muss. Öffnen unsere Rechnungen nicht nur, sondern bezahlen sie irgendwann auch und haben inzwischen die leeren Bierkisten auf unserem Balkon gegen Topfpflanzen getauscht . Aber wer würde deshalb gleich von sich behaupten, er wäre erwachsen? Also komplett, mit allem Drum und Dran? Klar, die Kindheit liegt längst hinter uns. Aber trotzdem zweifeln wir oft daran, ob wir die nächste Etappe wohl jemals erreichen und wirklich erwachsen werden. Weil wir uns heute weder so fühlen, noch so aussehen, wie wir es ursprünglich mal von unserem Erwachsenen-Ich erwartet hatten. Schließlich tragen wir statt Business-Kostüm oder Designer-Twin-Set weiterhin lieber Fetzenjeans und Kätzchen-Shirt . Und stehen total dazu, uns ganz prächtig bei Animationsstreifen wie dem aktuellen "Lego Movie" oder bei irgendwelchen Jugendroman-Verfilmungen (dieser Josh Hutcherson ist aber auch schnucklig!) zu amüsieren. Nicht zuletzt wegen der Ü30-Fans sind diese Filme in den Kinocharts ganz oben mit dabei. Aber auch anderer Kinderkram ist angesagt: "Die drei ???"-Live-Konzerte boomen und sogar Modefirmen wie Fendi staffieren ihre edlen Handtaschen seit neuestem mit kuscheligen Fellmonster-Anhängern aus. "Mit diesem Nicht-Erwachsensein-Trend verbinden wir Positives wie Leichtigkeit, Geborgenheit und Schutz", erklärt Psychologin Grit Hoffmann (www.psychotherapie-hoffmann.de) dieses Phänomen.

Die vielen Freiheiten machen uns Angst

Gut, unser Look und unsere Vorlieben sind also keine Indizien mehr bei der Suche nach dem persönlichen "Reife-Grad". Unser Alter ist es aber genauso wenig. Zwar ist die Entwicklung des Gehirns schon mit Anfang 20 abgeschlossen, aber unser Gefühl, selbstständig zu sein, hinkt ganz schön hinterher. Da wir uns heute auch nach unserem 30. Geburtstag oft noch nicht um einen Bausparvertrag gekümmert haben oder in einer Ja-Nein-Vielleicht-Beziehung feststecken. Kinder? Heiraten? Ach, dafür ist später noch Zeit! Warum wir das so locker sehen? Weil unsere Gesellschaft immer älter wird. Und wenn die eigenen Eltern selbst im hohen Alter noch topfit sind, gibt uns das das Gefühl, noch länger Kind bleiben zu können. Anders als die Generationen vor uns haben wir außerdem viel mehr Spielraum, unser Leben frei zu gestalten. Nur leider sorgt das auch dafür, dass wir uns immer öfter vor unserer Unabhängigkeit und dem Erwachsen werden gruseln. Was, wenn wir unseren Eltern noch ewig auf der Tasche liegen? Oder wir niemals lernen, unsere Steuerklärung selbst zu machen? "Sich solche Fragen zu stellen, ist auch eine Form des Erwachsenseins. Wenn wir nämlich reflektieren, dass wir uns in mancher Hinsicht viel reifer verhalten könnten, ist das der erste Schritt zu mehr Eigenverantwortung", so die Expertin.

Wir sind erwachsener, als wir selbst glauben

Und tatsächlich: Eigentlich stecken wir schon längst mittendrin im Erwachsenen-Modus. Kleine, alltägliche Aha-Momente zeigen: Verrückt, wir sind inzwischen ja doch schon ganz schön vernünftig! Und unser Verantwortungsgefühl ist stärker ausgeprägt, als wir dachten. Zum Beispiel, wenn wir sorgenvoll das Telefon bewachen, weil Mama und Papa durch Thailand reisen und wir panisch auf einen "Uns geht's gut"-Anruf warten. Aber auch wenn wir uns statt neuer Pumps freiwillig ein Messer-Set zulegen, weil wir das tatsächlich viel dringender brauchen. Und wie stark wir wirklich sind, merken wir meistens eh erst, wenn's hart auf hart kommt und wir auf einmal Verantwortung übernehmen müssen. Weil die Eltern krank werden. Oder unser Partner seinen Job verliert und wir plötzlich Doppelschichten schieben müssen. Dann sind wir dankbar dafür, dass uns das Leben schon einiges an Ernsthaftigkeit und Kraft mitgegeben hat.

Kindlich zu sein, ist eine Lebenseinstellung

Und wenn wir mal ehrlich sind, müssen wir uns doch auch gar nicht entscheiden. Wir können auf eigenen Beinen stehen und trotzdem kleine Talismänner an unseren Handtaschen baumeln haben. "Wer einfach tut, wonach ihm ist, ohne sich dafür oberlehrermäßig zu kritisieren, zeigt Stärke", bestätigt auch Grit Hoffman.

Kindisch zu sein, kann also ziemlich erwachsen sein. Solange es uns guttut. Denn auch wenn die Kerzen auf dem Geburtstagskuchen und die Falten um die Augen immer mehr werden, bleiben wir doch zum Glück am Ende immer eins: wir selbst.

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