"Warum will mein Chef mich nicht befördern?"

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Henrike Feltges berät Frauen rund um das Thema Job.

Immer gebuckelt, Überstunden gemacht - und nie gab's eine Anerkennung. Henrike Feltges und ihr Coaching-Gespräch über Enttäuschungen und neues Selbstvertrauen

Niedergeschlagen sitzt mir Carola Merdig, 48, gegenüber. Sie hat mich gebeten, ihren richtigen Namen hier nicht zu nennen. "Wissen Sie", erzählt sie, "meine Abteilungsleiterin geht in Rente, und ich war mir immer sicher, dass ich ihre Stelle bekomme. Jetzt habe ich gehört, dass man extern nach einer Nachfolgerin sucht." Fassungslos schüttelt die zierliche Frau im grauen Kostüm den Kopf.

Ihre Körperhaltung ist die eines kraftlosen und erschöpften Menschen, völlig in sich zusammengesunken sitzt sie vor mir. "Wie haben Sie denn überhaupt von der externen Stellenausschreibung erfahren?", möchte ich von ihr wissen. "Ich habe in der Zeitung eine Anzeige gesehen. Das Profil passt exakt zur Position in unserem Unternehmen." Carola Merdig wirkt dabei sichtlich empört. "Wer weiß in Ihrer Firma von Ihren Plänen?", frage ich. Verblüfft schaut sie mich an. "Niemand weiß davon. Nur meine beste Freundin."

Das hatte ich schon befürchtet. Es entspricht dem Verhalten vieler Frauen. Sie leisten gute Arbeit, aber sie reden nicht darüber. Stattdessen warten sie darauf, dass ihre Vorgesetzten von allein auf sie aufmerksam werden. Schließlich muss ein Chef doch sehen, was man so alles kann. Diese Gedanken verrate ich Carola Merdig nicht. Stattdessen fordere ich sie ein wenig heraus und erwidere mit übertriebener Stimme: "Also, wie konnte der Chef Sie nur übergehen, wo doch nur Ihre beste Freundin von Ihren Plänen weiß ...?" Zum ersten Mal entspannt sich mein Gegenüber, schmunzelt und nimmt eine bequemere Sitzhaltung ein. "Ja, ja", sagt sie mit feiner Ironie in der Stimme. "Wir Frauen lieben es, entdeckt zu werden. Aber mal ganz ehrlich, dieses angeberische Verhalten meiner männlichen Kollegen mag ich gar nicht. Sie reden den ganzen Tag nur davon, wie toll sie sind. Vom Reden allein wird die Arbeit aber nicht weniger." Ich kann meine Klientin gut verstehen, mache ihr jedoch klar, warum es gerade im Berufsleben so wichtig ist, Werbung in eigener Sache zu machen.

Am Ende unseres ersten Treffens habe ich den Eindruck, dass sie ihre Situation mit anderen Augen sieht. Wir verabreden, dass sie sich zum nächsten Treffen Gedanken über drei Fragen macht: An welchen Projekten hat sie mitgearbeitet, ohne darüber zu reden? Was übernimmt sie an zusätzlicher Arbeit, obwohl es nicht zu ihrem Aufgabengebiet zählt? Hat sie sich privat in Seminaren weitergebildet?

Beim zweiten Treffen gefällt mir meine Klientin schon wesentlich besser. Ihre Augen leuchten, sie sitzt aufrecht da und hält Blickkontakt. Carola Merdig hat ihre "Hausaufgaben" gewissenhaft erledigt. Anhand ihrer Notizen und Unterlagen legen wir eine Strategie fest: Sie soll sich zeitnah um einen Gesprächstermin bei der Personalabteilung bemühen und sagen, dass es um die Nachbesetzung der Stelle geht.

Dann besprechen wir die Argumente für das Bewerbungsgespräch. Warum reizt sie die neue Stelle? Was ist ihr wichtig - und was möchte sie nicht? Welche Fähigkeiten bringt sie mit? Was macht ihr außerhalb des Berufs Freude? Und wo engagiert sie sich? Diesen Punkt vergessen Frauen häufig. Dabei verraten private Aktivitäten oft eine Menge über berufliche Stärken. In Carola Merdigs Fall ist es die ehrenamtliche Mitarbeit in einem gemeinnützigen Secondhand-Shop, für den sie die Dienstpläne erstellt und die Mitarbeiter einarbeitet.

Das ist praktizierte Mitarbeiterführung - und eine wichtige Zusatzqualifikation, die sie ohne Weiteres für die ausgeschriebene Stelle anbringen kann. Carola Merdig ist überrascht. "Von selbst wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, so etwas in einem Personalgespräch zu erwähnen." Guter Dinge verabschiedet sie sich.

"Es ist super gelaufen", erzählt sie mir eine Woche später am Telefon. Das Verfahren ist noch offen, aber Frau Merdig hat gute Chancen. "Ich bin so froh, diesen Schritt gemacht zu haben. Es hat sich gut angefühlt, mich und meine Interessen klar und deutlich zu vertreten. Meine Firma weiß nun, was ich will. Und die Reaktionen darauf waren durchweg positiv."

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