Wenn der Darm nicht mehr zur Ruhe kommt

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Prof. Dr. Raedler (links) und PD. Dr. med. Thomas Ochsenkühn (rechts)
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Experten-Interview

Die WUNDERWEIB-Experten für Darm-Probleme: PD. Dr. med. Thomas Ochsenkühn und Prof. Dr. med. Andreas Raedler

Prof. Dr. med. Andreas Raedler (links) ist Chefarzt des Asklepios Westklinikums Hamburg, Abteilung für Innere Medizin und Gastroenterologie.

PD. Dr. med. Thomas Ochsenkühn (rechts) ist Privatdozent an der Medizinischen Klinik II des Klinikums Großhadern der Universität München.

Im großen WUNDERWEIB-Interview beantworten die Experten Fragen zum Thema Darm-Probleme.

Sie sprechen über Chancen und Grenzen einer modernen Behandlung chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen (CED) und erklären, welche Bedeutung eine Darmstörung für den Organismus und unser Wohlbefinden hat

Welche Bedeutung hat eine Darmstörung für den Organismus und unser Wohlbefinden?

PD Dr. Ochsenkühn: Die Gesundheit des Verdauungstrakts ist essentiell für das Wohlbefinden des Menschen.

Eine Störung in diesem Gleichgewicht wirkt sich immer nachteilig auf den Gesamtorganismus und damit auch auf die Lebensqualität aus. Patienten, die an einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung leiden (z. B. Morbus Crohn), sind je nach Krankheitsaktivität im Alltag erheblich beeinträchtigt.

Die Art der Symptome fesselt Betroffene oft ans Bett, erzwingt Fehltage in Ausbildung und Beruf und führt nicht selten zum sozialen Rückzug.

Auswirkungen bis in die Partnerschaft, Sexualität und Fortpflanzung sind keine Seltenheit.

Durchfälle und Krämpfe können vielfältige Ursachen haben. Was kann dahinterstecken und wie wichtig ist eine rasche Diagnose?

PD Dr. Ochsenkühn: Ein echtes Durchfallleiden basiert meist auf einer akuten oder chronischen Darmentzündung, die schnell diagnostiziert werden muss.

Während die meisten akuten Darmentzündungen häufig selbständig wieder abheilen, bleiben die chronischen Darmentzündungen oft wochenlang bestehen.

Blut- und Stuhluntersuchungen sowie eine Darmspiegelung und moderne Bildgebungsverfahren bringen hier Klarheit.

Welche chronischen Darmerkrankungen gibt es und was sind die Unterschiede?

PD Dr. Ochsenkühn: Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind die beiden am häufigsten vorkommenden chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED).

Bei der Colitis ulcerosa befällt die Entzündung den Dickdarm immer vom Enddarm aus, steigt kontinuierlich mehr oder weniger weit nach oben und bleibt auf die Schleimhaut beschränkt.

Beim Morbus Crohn können alle Darmabschnitte mehr oder weniger zusammenhängend befallen sein, die Entzündung kann über die Schleimhaut hinaus auch den Bauchraum mit einbeziehen.

Bei wem treten Morbus Crohn und Colitis ulcerosa hauptsächlich auf? Sind die Krankheiten erblich?

PD Dr. Ochsenkühn: Beide Erkrankungen können jeden treffen. Die Häufigkeit liegt in Deutschland bei etwa 0,3 bis 0,4 Prozent.

Beide Erkrankungen treten etwas häufiger innerhalb eines Familienverbundes auf. Eine genetische Komponente ist insbesondere beim Morbus Crohn anzunehmen.

An welchen Arzt wenden sich CED-Patienten am besten? Gibt es spezialisierte Zentren?

PD Dr. Ochsenkühn: Es gibt spezielle Zentren für diese Erkrankungen, die meistens von Gastroenterologen und Internisten betreut werden. Hier werden Patienten nach den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft behandelt.

Gibt es Faktoren, die den Ausbruch der Erkrankungen begünstigen?

Prof. Dr. Raedler: Von den Patienten wird oft zusätzlicher Stress als Grund für einen neuen Schub angegeben.

Darüber hinaus sind die Gabe von Antibiotika, Anti-Rheuma-Mitteln, möglicherweise bei Morbus-Crohn-Patienten auch Nikotin und Infektionen, für den Ausbruch eines erneuten Schubs verantwortlich.

Welche Therapiemethoden zur Behandlung von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa gibt es?

Prof. Dr. Raedler: Prinzipiell werden anti-entzündliche Medikamente eingesetzt. Beispielsweise Mesalazin, das aber nur bei der Colitis ulcerosa geeignet ist, oder auch Kortisone, die für beide Erkrankungen, nicht aber für die chronische Erkrankung oder die Erkrankungsvorsorge geeignet sind.

Darüber hinaus gibt es noch sogenannte Immunsupressiva, welche die Funktionen des Immunsystems bremsen, das bei dieser Erkrankung zu aktiv ist.

Als viertes Prinzip, das zu einem neuen Therapiezeitalter geführt hat, sind vor einigen Jahren die Biologics dazugekommen.

Welche Vorteile bieten Biologics und wie wirken sie? Mit welchen Nebenwirkungen muss man bei dieser Therapie rechnen?

Prof. Dr. Raedler: Biologics führen nicht nur zu einer Bekämpfung der Symptome, sondern offenbar auch zu einer Ausheilung der Schleimhaut. Die für CED- Erkrankungen zugelassenen Biologics wie Remicade mit dem Wirkstoff Infliximab neutralisieren nämlich den wichtigsten Entzündungsbotenstoff TNF-alpha.

Als Nebenwirkungen muss man neben allergischen Reaktionen, die in der Regel sehr rasch in den Griff zu bekommen sind, mit Infektionen rechnen. Diese kommen allerdings seltener vor als beispielsweise bei Cortison.

Die Frage, ob Biologics die Krebsentstehung fördern, lässt sich derzeit noch nicht endgültig beantworten. Nach bisherigen Untersuchungen scheint aber die Gefahr nicht größer zu sein als bei einer Behandlung mit Immunsupressiva und Cortison.

Wann ist eine Operation erforderlich?

Prof. Dr. Raedler: Bei Colitis ulcerosa ist erst dann eine Operation erforderlich, wenn alle Medikamente versagen oder Vorstufen von Krebs nachweisbar sind.

Beim Morbus Crohn muss nur bei bestimmten Komplikationen operiert werden - nämlich bei einigen Formen von narbigen Verengungen (Stenosen) sowie Abszessen (Eiterhöhlen). Teilweise werden auch Fisteln operativ beseitigt.

Lässt sich der Verlauf der Erkrankung durch die Ernährung oder andere Verhaltensweisen beeinflussen?

Prof. Dr. Raedler: Zu einer erfolgreichen Behandlung chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen gehört immer eine parallele Betreuung durch einen erfahrenen Ernährungswissenschaftler.

Dieser sollte nicht nur gleichzeitige Nahrungsmittelunverträglichkeiten und -allergien erkennen und behandeln, sondern auch einen individuellen, der Leistungsfähigkeit des erkrankten Darmes angemessenen Ernährungsplan für den Patienten zusammenstellen.

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