NaturheilkundeWenn Stress krank macht: Stressoren entlarven und beseitigen

Auf lange Sicht kann Stress ernsthaft krank machen. Darum ist es wichtig, sein Leben immer wieder neu zu entspannen.
Auf lange Sicht kann Stress ernsthaft krank machen. Darum ist es wichtig, sein Leben immer wieder neu zu entspannen.
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Stress ist für viele heute ein Dauerzustand. Zunehmende Arbeitsverdichtung, ein lautes Umfeld, Mehrfachbelastung durch Beruf und Familie, das alles führt dazu, dass immer mehr Menschen ständig angespannt, nervös und unruhig sind. Das Problem dabei: Die meisten merken es nicht. Erst wenn ihr Körper durch Beschwerden die Reißleine zieht, wird ihnen bewusst, dass sie zu lange nicht auf seine Signale geachtet haben.

Belastungen eingestehen

„Wer in den verschiedenen Lebensbereichen, die uns gesund erhalten, nicht mehr aufmerksam selbstfürsorglich ist, riskiert, dass die Rhythmen seines Körpers entgleisen“, sagt Dr. Anna Paul, Gesundheitswissenschaftlerin und eine der Wegbereiterinnen der Mind-Body-Medizin in Deutschland. Welche Folgen das haben kann, sieht die Leiterin des Bereichs Ordnungstherapie, Mind-Body-Medizin und Integrative Onkologie der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte täglich bei ihren Patienten.

Damit es gar nicht erst so weit kommt, sollten Betroffene rechtzeitig gegensteuern. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass sie sich selbst eingestehen, dass ihnen ihre Belastungen zu schaffen machen.

Dr. Anna Paul ist international anerkannte Spezialistin für Naturmedizin
Dr. Anna Paul ist international anerkannte Spezialistin für Naturmedizin.
Foto: Dr. Anna Paul

Frühwarnsignale für einen übersteigerten Stress sind zum Beispiel die fehlende Lust auf Bewegung und die Abnahme sozialer Kontakte. Auch wer das Essen vergisst und nur noch Kaffee trinkt oder wer ständig Süßigkeiten und andere ungesunde Sachen isst, sollte aufmerksam werden.

Wichtig: Stressoren identifizieren und reduzieren

Reize, die Stress verursachen, werden Stressoren genannt. Stress ist zunächst nichts Schlimmes, denn er kann auch anregende und positive Seiten haben – so ziemlich jede Braut klagt über den Stress ihrer Hochzeitsvorbereitungen. Wenn über „Stressbelastung“ gesprochen wird, ist jedoch vom negativen Stress die Rede, denn der macht auf Dauer krank.

Ständige Müdigkeit, Erschöpfung oder Gereiztheit, Schlafstörungen, Nervosität und Anspannung können Stresssymptome sein. Bevor schwere körperliche Beschwerden entstehen, sollte man gegensteuern.

Negative Stressoren können von außen kommen, wie ständiger Lärm, hohe Erwartungen des Chefs oder ein riesiges Arbeitspensum. Sie können aber auch selbstgemacht sein wie ein gesteigertes Kontrollbedürfnis oder übertriebener Perfektionismus – dies ist häufig bei Frauen zu beobachten.

Überhaupt scheinen Frauen insgesamt etwas anfälliger für Stress zu sein, denn von den 30 Prozent aller Menschen, die ein Stressgen besitzen, sind 70 Prozent Frauen. Doch das Gen allein sagt noch nichts darüber aus, ob jemand stressbedingt erkrankt.

Entscheidender sind die individuellen Verhaltensweisen im Umgang mit Stress. Diese sogenannten Bewältigungsstrategien entscheiden darüber, ob das Stressgen aktiviert wird. Manche Menschen haben von Geburt an eine „dickere“ Haut. Sie reagieren in stressigen Situationen gelassen und bleiben gesund. Andere müssen den Umgang mit Stress erst lernen, damit sie gesund bleiben. Dafür gibt es Mittel und Wege, beispielsweise psychologische Unterstützung.

Wahrnehmungsschulung und mehr Achtsamkeit

Unter Stress geht meist der Überblick verloren. Am Anfang kognitiver Verhaltenstherapien steht deshalb meistens eine Wahrnehmungsschulung, um die individuellen Stressoren zu entlarven – was löst den Stress aus? Wie reagiert mein Körper? Wann schnappt die Stressfalle zu? Kommt der Druck von außen oder mache ich ihn mir selbst? In Zusammenarbeit mit dem Psychologen werden innere Einstellungen und Verhaltensmustern überprüft und können dann geändert werden.

Ist übertriebenes Kontrollbedürfnis der Stressor Nummer ein, lernt man delegieren und um Hilfe zu bitten. Opfer des eigenen Perfektionismus lernen, dass niemand perfekt ist und die Fünf auch manchmal gerade sein darf. Wer sich immer verzettelt, übt Prioritäten zu setzen, „Selbstausbeuter“ lernen  das „Nein-Sagen“.

Bei einem Stressmanagementtraining liegt der Fokus zunächst auf dem Körper, um seine Reaktionen bei Belastung wahrzunehmen. Zittern die Hände? Bricht der Schweiß aus? Klopft das Herz schneller? Dann werden Entspannungstechniken trainiert, um diese Erregung abzubauen und damit künftig Stresssituationen entspannter zu bewältigen. Das Achtsamkeitstraining schärft und trainiert die fünf Sinne, denn wenn der Mensch sich wohlfühlt und genießt, schüttet der Körper verstärkt stressreduzierende Hormone aus. Auch ein regelmäßiger körperlicher Ausgleich gehört zur Stressbewältigung.

Mehr Ruhe für den Geist: Die Natur hilft mit

In stressbelasteten Situationen darf man auch in die Schatzkiste der Natur greifen, die gute Alternativen zu chemischen Arzneimitteln bereithält. Schon lange wird bei nervöser Unruhe, innerer Anspannung und nervösen Einschlafstörungen zum Beispiel Passionsblumenextrakt verwendet. In stressbelasteten Situationen wie vor Prüfungen, vor Operationen oder auch vor Flugreisen kann er das Gemüt beruhigen.

Der Extrakt der Passionsblume wirkt beruhigend.
Der Extrakt der Passionsblume wirkt beruhigend.
Foto: iStock

Dank seiner schnellen Wirkung, die schon nach einer etwa halben Stunde eintritt, und der guten Verträglichkeit ist das pflanzliche Medikament eine Alternative zu chemischen Arzneimitteln: Denn obwohl die Wirkweise der Passionsblume beispielsweise mit der der Benzodiazepine vergleichbar ist, besteht keine Gefahr der Abhängigkeit, sodass Passiflora incarnata auch zur Langzeittherapie eingesetzt wird.

Da außerdem keine Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten bekannt sind, kann Passionsblumenextrakt als Monotherapeutikum oder auch in Kombination mit anderen Heilpflanzen eingenommen werden.

Dr. Paul erklärt: „Wer große Schwierigkeiten hat, in die Entspannung einzusteigen, kann sich selbst mit einem Phytotherapeutikum wie Passionsblumenextrakt unterstützen. Das kann extreme Unruhe und Anspannung abbauen und so dabei helfen, die Reiz-Reaktions-Starre, in die der Körper bei großem Stress fällt, aufzulösen. Dadurch wird der Organismus wieder besser in die Lage versetzt, sich selbst zu regulieren. Und das können Betroffene dann aktiv fördern, durch das regelmäßige Üben von entspannenden Maßnahmen.“

Die entspannenden Maßnahmen müssen nicht täglich mehrere Stunden oder ein Wochenende im Wellnesshotel sein. Meist reichen kleine Dinge im Alltag. Ein paar Beispiele: Bewusst durchatmen, einen Baum betrachten, eine Gehmeditation, bei der man mit jedem Schritt einen Atemzug verbindet, die Fußsohle und den ganzen Körper spürt. Wichtig bei allem ist, im Moment zu sein. Nur wer das kultiviert, kann auch bei sich selber sein. Und Stress gelassen begegnen.

Selbstfürsorge: Sich nicht zum Durchhalten zwingen

„Das Schwierigste ist, dass jeder sofort Erfolge haben will“, sagt Anna Paul. Doch wer sich lange nicht um sich selbst gekümmert hat, müsse erst einmal herausfinden, was ihm wirklich jetzt gerade guttun würde. „Ein Rezept für alle gibt es nicht“, weiß die Ordnungstherapeutin aus ihrer Erfahrung. „Jeder muss selbst mit verschiedenen Methoden experimentieren. Und je nach Lebensphase oder sogar Tagesform können sich die Vorlieben ändern. Das Wichtigste, um zu entstressen, ist Absichtslosigkeit. Etwas Haben zu wollen ist der größte Stressor.“

Stattdessen sollten alle, denen der Alltag über den Kopf zu wachsen droht, sich erlauben, sich achtsam um sich selbst zu kümmern und zwischendurch immer wieder aufzutanken. Selbstfürsorge statt Durchhalteparolen ist die beste Strategie, um hektische Zeiten gesund und gelassen zu überstehen.

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