Wie das Internet unser Liebesleben verändert

wie das internet unser liebesleben veraendert
Sextrends: Sex im Netz
Foto: Getty Images

Sex-Trends: Sex im Netz

Sex per Mausklick! Von Porno-Portal bis Casual Dating – immer mehr Frauen suchen im Netz nach unverbindlichen Sex-Treffen, erotischen Inspirationen und nutzen Apps mit hohem Lustfaktor.

Technik und Leidenschaft: zwei Begriffe, die auf den ersten Blick nicht unbedingt zueinanderpassen. Und doch ermöglicht uns die technische Entwicklung der letzten Jahre, auf sexueller Ebene mit ganz neuen Möglichkeiten zu experimentieren.

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Durch die weltweite Vernetzung können wir heute mit wenigen Klicks am PC einen One-Night-Stand arrangieren, auf Portalen mit privaten pornografischen Kurzfilmen surfen oder per Webcam dem Begriff Telefonsex eine neue, optische Dimension verleihen. Außerdem machen handliche Tablet-Computer und Smartphones den kabellosen Zugang zum virtuellen Raum unkompliziert und zu jeder Zeit möglich.

Sex per Mausklick

„Das Internet befreit uns von Zeit- und Ortsgrenzen“, erklärt Diplom-Psychologin Felicitas Heyne, die sich für ihr Buch „Fremdenverkehr“ mit Liebe und Sex per Mausklick beschäftigt hat. „Ich muss noch nicht einmal von der Couch aufstehen und kann auch nachts um drei den Computer anwerfen, wenn ich mich für Online-Dating oder pornografische Seiten interessiere.“

Und das Angebot ist riesig: Als Voyeuristin auf Seiten wie www.youporn.com private Sexfilmchen anschauen, in Erotik-Blogs sinnliche Fantasien und handfeste Tipps nachlesen, sich unter einem Pseudonym bei einer Seitensprung-Agentur registrieren lassen oder – für Mutige – sich gleich durch die Webcamlinse fremde Zuschauer ins Schlafzimmer holen.

Anonymität lässt Tabus sinken

Im Jahr 2010 verbreiteten bereits 12 Prozent aller Websites weltweit Bilder und Texte aus dem Bereich Sex und Erotik, die Tendenz steigt ständig. „Gerade die Anonymität und die leichte Verfügbarkeit machen die Sache so reizvoll“, weiß Felicitas Heyne. Die Zeiten, in denen man peinlich berührt in der Schmuddelecke der Videothek herumschleichen musste – längst Geschichte!

Laut Studien sind es momentan zwar noch deutlich mehr Männer, die sich für Pornografie am Monitor interessieren – siebenmal häufiger als Frauen landen sie auf entsprechenden Sites. Doch auch viele Frauen, die früher keinerlei Interesse an freizügigen Clips gehabt hätten, surfen inzwischen aus Neugierde – oder um zu sehen, was die Männerwelt so reizt – auf einschlägigen Seiten.

Frauen wollen andere Themen

Als Wissenschaftler eine Milliarde Suchanfragen mit sexuellem Inhalt auswerten ließen, stellten sie fest, dass Frauen auf andere Themen anspringen als Männer. Sämtliche Ergebnisse wurden in Buchform („A Billion Wicked Thoughts“, von Plume Verlag, um 13 Euro) veröffentlicht und sind äußerst spannend: Denn wer hätte gedacht, dass Frauen häufig nach Unterwerfungssex und homosexuellen Spielchen suchen?

Fast 70 Prozent der Befragten gaben an, dass sie vor allem durch geschmackvolle, emotionale Sexaufnahmen stimuliert werden – die stumpfe „Rein-Raus-Performance“ vieler klassischer Pornofilme törnt sie eher ab. Warum sich immer mehr Damen an die digitale Peepshow heranwagen, liegt auf der Hand: Der „verbotene Blick“ in den Monitor bleibt exklusiv und geheim, man muss sich zu keiner noch so schrägen Suchanfrage rechtfertigen.

Nur mal gucken

Diesen Vorteil sieht auch Andreas Steinle, Trendforscher am Zukunftsinstitut. Er bezeichnet das Internet als „Verstärker erotischer Vielschichtigkeit“. Vor allem Menschen mit speziellen sexuellen Vorlieben können heute gezielt auf die Suche nach Gleichgesinnten gehen. Außerdem haben Schüchterne erstmals die Chance, sich nicht nur durchs Hörensagen über eine große erotische Bandbreite zu informieren, sondern können mit eigenen Augen sehen, was Sache ist – Motto „Erst mal nur gucken, nicht anfassen!“.

Nicht nur für Singles bietet der Online-Blick durchs Schlüsselloch übrigens neue Inspiration. Auch viele feste Paare (oder Sex-Partner auf Zeit) finden Spaß daran, gemeinsam am Bildschirm zu „recherchieren“ und zu experimentieren. „Wenn Paare zur Anregung gemeinsam Erotik-Clips schauen, kann das sehr gut als Teil des Vorspiels funktionieren.

Folgen des Porno-Konsums

Man integriert den Film quasi ins reale Liebesspiel“, sagt die Psychologin Felicitas Heyne und warnt gleichzeitig davor, das zur Dauergewohnheit werden zu lassen – Wissenschaftler haben bei regelmäßigem Porno-Konsum einen deutlichen emotionalen „Abstumpfungseffekt“ beobachtet. Aber ab und an mal das ungezogene Mädchen zum Vorschein bringen, das in jeder von uns steckt, und dazu noch dem Liebsten einen absoluten Vertrauensbeweis liefern, weil man sich mit ihm auf das Abenteuer Online- Erotik einlässt – warum nicht?

Allerdings zeigen Untersuchungen auch: Aufs weibliche Selbstbewusstsein wirken sich Sexdarstellungen im Netz manchmal negativ aus. „Der weibliche Körper wird zum Vergleichs- und Konkurrenzobjekt“, erklärt Heyne. Plötzlich scheint der eigene Busen zu klein, der Po zu schlaff, das sexuelle Repertoire langweilig. Deshalb konzentrieren sich Frauen auf der Suche nach digitalem Lustgewinn nicht hauptsächlich auf optische Reize, sondern loten ihre Chancen immer häufiger bei einer virtuellen oder im Netz arrangierten Affäre aus.

Sex ohne Verpflichtung

Millionen Frauen nutzen inzwischen Singlebörsen oder Seitensprung-Portale, die Auswahl an potentiellen Schlafzimmerspielgefährten ist riesig. Das Ganze funktioniert denkbar einfach: Bei Anbietern wie „Secret“, „C-Date“ oder „First Affair“ registrieren lassen, ein Profil mit möglichst genauen erotischen Vorstellungen erstellen, Monatsgebühr zahlen – schon tummeln sich im E-Mail-Postfach potentielle Lover. Eva-Maria Mueller, Sprecherin des Casual-Dating-Anbieters www.secret.de, hat festgestellt: „Was das Thema Sex angeht, verhalten Frauen sich viel selbstbewusster als früher.

Bei uns beträgt der weibliche Nutzeranteil inzwischen 30 Prozent. Und in unseren Umfragen geben die Userinnen an, dass sie selbst Regie führen wollen, wenn sie ihre Fantasien ausleben. Casual Dating wird also immer salonfähiger: Auf der Suche nach Mr. Right kann man auch viele schöne Momente mit Mr. Right now erleben. Frauen möchten sich eben auch ohne feste Partnerschaft begehrenswert fühlen.“

Wünsche ausleben

In Umfragen gaben 37 Prozent der weiblichen Teilnehmer an, darunter zu leiden, dass sie sexuelle Wünsche nicht mit einem festen Partner verwirklichen können, bei den Männern beklagen sich sogar 56 Prozent über fehlende Kreativität im Bett. Genau dieses Lustdefizit will Casual Dating beseitigen, indem Menschen mit ähnlichen erotischen Visionen „gematcht“ werden – egal, ob Sie gerade Single oder fest liiert sind.

Viele belassen es bei einer Cyber-Affäre ohne Sex im „echten Leben“, genießen aber dennoch die volle Bandbreite der Emotionen – vom Herzklopfen beim Warten auf die nächste Nachricht bis zum Nervenkitzel beim schlüpfrigen Chat. Forscher stellten fest, dass ein virtueller heißer Flirt für Hochgefühle sorgt, die vergleichbar mit einem Drogenrausch sind. „Das Besondere dabei: Meine Fantasie und meine Wunschvorstellung sind das Maß aller Dinge – anders als in der Realität, wo ich auf die Bedürfnisse eines realen Partners Rücksicht nehmen muss“, erklärt die Psychologin.

Auf Knopfdruck ausklinken

Das macht diese Form des Begehrens so angenehm unverbindlich. Singles genießen dabei die Kontrolle über die Situation, können sich auf Knopfdruck ausklinken, falls das Gegenüber zu anstrengend oder aufdringlich wird. Frauen in festen Partnerschaften gehen mit einer Cyber-Affäre ein geringeres Risiko ein, erwischt zu werden. Außerdem muss man nichts von sich preisgeben, wenn man nicht will, kann vollständig hinter einer Fake-Identität verschwinden.

Casual-Dating-Nutzerin „Geheime Verführerin“ bestätigt: „Zum Sex muss es gar nicht kommen. Oft reicht mir schon die knisternde Konversation mit einem Mann, um mich wieder wie eine begehrenswerte Frau zu fühlen.“ Auf der Suche nach einem Push fürs sinnliche Selbstbewusstsein nehmen viele inzwischen lieber das Notebook zur Hand, als in einer Bar auf eine halbwegs originelle Live-Anmache zu hoffen.

Startvorteil beim Flirt im Netz

„Gerade introvertierten, zurückhaltenden Frauen, die sich mit offensivem Flirten schwertun, kann die Männersuche im Netz einen Startvorteil bieten“, weiß Felicitas Heyne. „Einfach, weil man in langsamerem Tempo und über andere Mechanismen vorgeht als in der Kneipe.“ Zusätzliches Plus: Falls die Sache tatsächlich im Bett enden soll, lassen sich sexuelle Präferenzen vorher genau abchecken – und man findet sich nicht unvorbereitet neben einem Kerl in Gummianzug oder Strapsen wieder.

Mit althergebrachten Vorstellungen von Treue und Moral haben immerhin 55 Prozent der Casual Dater, die von einem australischen Forscherteam befragt wurden, nichts am Hut. Sie sind verheiratet oder vergeben und lassen sich trotzdem auf Affären ein. „Unsere Umfragen haben gezeigt, dass es Frauen viel leichter fällt, mit einem Unbekannten oder in einer zwanglosen Affäre über ihre erotischen Fantasien zu sprechen als mit einem festen Partner“, erklärt „Secret“-Sprecherin Eva-Maria Mueller. Noch dazu bewegt man sich online in einem relativ sicheren Raum, kann das Tempo und den Grad der Annäherung selbst bestimmen.

Mehr Leidenschaft?

Während viele Internet-User auf der Suche nach neuem erotischen Input das Anonyme, Unverbindliche schätzen, wählen andere das komplette Kontrastprogramm: Sie machen auf sozialen Netzwerken wie „Facebook“ oder dem Microblogging-Portal „Twitter“ auch intimste Gedanken öffentlich, stellen sich regelrecht zur Schau. Kaum ein Tag vergeht, an dem Promis wie Rihanna oder Miranda Kerr nicht mindestens ein laszives Halbnackt-Foto posten, und auch die Nicht-Prominenz nutzt online jede Gelegenheit zur Selbstdarstellung.

Den Grund für diesen Online-Striptease fanden Forscher der Harvard-Universität heraus: Beim Veröffentlichen privater Infos werden im Gehirn die Lustzentren stimuliert. Und offensichtlich wollen gerade die „Facebook“-Betreiber diesen aphrodisierenden Trend weiter vorantreiben: Kürzlich entwickelten sie die App „Bang with friends“, bei der „Facebook“-Nutzer in ihrer Freundesliste diejenigen markieren können, die sie nicht von der Bettkante schubsen würden.

Kuppeln nach Sex-Interesse

Bei gegenseitigem Interesse werden beide per E-Mail von der Übereinstimmung in- formiert, quasi miteinander verkuppelt. Was wegen mangelnden Datenschutzes für Diskussionen sorgte, kommt bei den Nutzern bestens an: Schon in den ersten Tagen wollten 30.000 Interessierte mitmachen – womit „Facebook“ mal wieder als erster einen Trend erkannt hat. Denn was in den USA „Friends with Benefits“ genannt wird, also Freundschaften, die ab und zu auch im Bett vertieft werden, vermuten Trendforscher als häufige Beziehungsform der Zukunft.

Freunde zu Liebhabern machen, neue sexuelle Inspiration bieten oder Leute mit gewissen Neigungen zielsicher zusammenbringen: Das Internet macht all das möglich. Wir dürfen gespannt sein, welche Cyber-Sex-Überraschungen beim rasanten technischen Fortschritt in den nächsten Jahren noch auf uns warten (Roboter-Lover? Tele-Sex mit implantierten Lust-Chips im Gehirn?) – und hoffen, dass trotz aller Hightech auch immer eine gute Portion Gefühl im Spiel bleibt.

Expertin

Felicitas Heyne, 46, ist Diplom-Psychologin und Buchautorin. Ihr neuestes Buch „Fremdenverkehr“beschäftigt sich unter anderem mit dem Einfluss des Internets auf unser Liebesleben. „Fremdenverkehr“ von Goldmann Verlag (um 9 Euro) hier bei Amazon.de bestellen >>

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