AngststörungenWie es sich wirklich anfühlt, unter einer Angststörung zu leiden

Eine Angststörung wird häufig von Panikattacken begleitet.
Eine Angststörung wird häufig von Panikattacken begleitet.
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Wenn die Angst kommt

In meiner Brust brodelt es. Wie ein kleiner Vulkan, der jeden Moment droht auszubrechen. Das Brodeln baut sich auf, wie eine Welle, die immer größer wird. Mein Herz kribbelt, flattert fast, wie ein Schwarm Schmetterlinge. Was ist das? Wieso fühlt es sich an, als hätte ich gleich mehrere Naturgewalten in mir gefangen? Der Vulkan darf nicht ausbrechen. Die Welle nicht überhand nehmen. Die Schmetterlinge nicht schneller werden.

Werde ich wahnsinnig? Jeder Mensch würde wohl denken ich wäre wahnsinnig, wenn ich ihm erzählen würde, dass sich gleichzeitig ein Vulkan, eine Welle und ein Schmetterlingsschwarm in einer Brust verwirrt haben. Mir ist übel.

Gelbe Galle trifft das Toilettenwasser. Widerlich. Ich bin eklig. Abstoßend. Es ist mir peinlich, vor anderen, vor mir selbst. Wieso bin ich so? Was würden alle von mir denken, wenn sie wüssten, dass ich mitten in der Nacht vor dem Klo hocke und aus unerfindlichen Gründen durchdrehe?

Und alles, weil ich aufgewacht bin und nicht sicher war, ob ich auf der Arbeit das Fenster offen gelassen habe. Was, wenn es regnet und meinetwegen die Technik kaputt geht? Was, wenn die wichtigen Unterlagen, Betriebsgeheimnisse, aus dem Fenster fliegen? Ich werde gefeuert. Ganz sicher. Ich bin nicht einmal reif genug, ein Minimum an Verantwortung zu tragen. Wie soll ich da einmal Mutter werden? Ich möchte Kinder. Und momentan fühle ich mich selbst wie eines, das seine Mutter braucht. Was, wenn es meiner Mutter nicht gut geht? Was, wenn sie krank ist und es mir nicht gesagt hat? War sie nicht in letzter Zeit erschöpfter als sonst? Und hat sie nicht dieses eigenartige Muttermal auf dem Arm, das irgendwie größer wurde? Und was ist eigentlich mit Großonkel Nick? Er hatte vor zwei Jahren einen Schlaganfall. Ich habe ihn lange nicht angerufen. Was, wenn er einen weiteren erlitten hat und niemand ihn findet, weil er zuhause liegt und ich nicht da war? Ich bin ein schlechter Mensch. Vielleicht hat sich meine beste Freundin deswegen so lange nicht gemeldet? Habe ich beim letzten Treffen etwas Falsches gesagt?  Ich sollte ein guter Mensch sein, mich um andere kümmern. Stattdessen sitze ich mit einem brodelnden Vulkan an Stelle meines Herzens nachts auf dem Badezimmerboden und zittere am ganzen Körper.

Die Angst ist da. Ich weiß es, ich kann sie spüren und doch kann ich sie nicht steuern. Zu gerne würde ich eine imaginäre Tür in meiner Brust öffnen, um der Angst höflich aber bestimmend den Weg hinaus zu zeigen. Doch die Angst ist stark. Und sie macht mich schwach. Keine gute Kombination.

An manchen Tagen klopft sie bloß an. Ich spüre ein paar Schmetterlinge vorbeiflattern, die ich durch ein tiefes Durchatmen vertreibe. An solchen Tagen fühle ich mich stark. Ich weiß, dass es ein Leben ohne Sorgen gibt. Ich weiß, dass viele Ängste unbegründet sind. Wenn ich an eine Welt voller Leichtigkeit denke, spüre ich auch ein Kribbeln in der Brust – doch es ist Euphorie. An manchen Tagen bin ich ein ganz normaler Mensch in einer ganz normalen Welt, der die Angst ganz einfach nicht hineinlässt.

 Und dann gibt es Nächte wie diese. Und es wird dauern, bis diese vergehen.

 

Was ist eine Angststörung?

Eine Angststörung wird von über die normalen Maße hinausgehende Sorgen, Grübeleien und Furcht bestimmt, die keine offensichtliche Ursache haben.  Es kann sich dabei um eine allgemeine – generalisierte – Angststörung handeln oder aber auf bestimmte Bereiche beziehen, wie beispielsweise die konkrete Furcht vor Situationen oder einzelnen Objekten.  Im Mittelpunkt der Störung steht – wie der Name besagt – die Angst. Sie ist verbunden mit negativen Gedankenspiralen, Grübeleien und allgemeinem Unwohlsein. In manchen Fällen wird sie von Panikattacken begleitet. In Deutschland leiden etwa zehn Prozent der Bevölkerung an einer Angststörung, Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer.

(ww4)

 

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