Leben mit Depression Wie ich herausfand, dass ich depressiv bin

Charis berichtet über ihr Leben mit Depression und Borderline
Charis berichtet über ihr Leben mit Depression und Borderline
Foto: Istock

"Depressionen können auch eine Chance sein. Denn ich weiß jetzt zumindest, was ich NICHT mehr in meinem Leben will!"  Charis ist 22 jahre alt. Seit 5 Jahren weiß sie, dass sie depressiv ist. 2016 kam die offizielle Diagnose Borderline. Wie lebt sie mit ihrer Krankheit? Auf ihrer Facebook-Seite "Charis'  Lifestyle" berichtet sie über ihre Gefühle, den Alltag und alles, was sie bewegt. Und eins ist dabei ganz klar: Verstecken gilt nicht! Schonunglos und wahnsinnig offen redet Charis über das Thema Depression, das in unserer Gesellschaft immer noch oft ein Tabu ist. Hier kommt ein Auszug aus Charis Erzählungen.

Charis lebt mit Depressionen und Borderline
Charis lebt mit Depressionen
Foto: Charis

"Seitdem ich erkrankt bin, wird mir Tag für Tag immer mehr klar, was ich schon alles in meinem Leben erlebt, gefühlt und gesehen habe und was ich alles davon nicht mehr will, einfach weil es mich nicht glücklich macht.

Eine ‪Depression‬ oder ein ‪Burnout‬ ist ein Erschöpfungszustand, bei dem dir dein Körper signalisiert, dass du zu lange, zu viel Wert auf die falschen Dinge in deinem Leben gelegt hast. Du hast gearbeitet, wie ein Tier, dich für andere aufgeopfert ohne etwas dafür zu verlangen, du hast dich immer um alles gekümmert und gesorgt, weil es ja sonst niemand gemacht hat. Bis zu dem Tag, an dem dein Körper dir zeigt, dass es so nicht weiter geht.

Ich habe Probleme gehabt mich zu konzentrieren. War schon mit den kleinsten Dingen überfordert. Natürlich passiert das nicht von heute auf morgen. Doch es fühlt sich so an, denn es ist ein schleichender Prozess. Wie bei einem Schnupfen. Erst spürt man, das man etwas schlapp ist, aber man denkt sich nichts dabei und reißt sich zusammen.

"Jeder andere stellt sich auch nicht so an, wenn er mal ein bisschen müde oder kaputt ist, dann habe ich auch nicht das Recht dazu. Ich bin doch eine starke Persönlichkeit. Das geht bestimmt in den nächsten Tagen wieder. Also weitermachen, als wäre nichts."

Das komische Gefühl hört nicht auf

Diese Gedanken begleiten einen häufig in dieser Anfangs-Phase, wo sich das Ganze einschleicht. Doch dieses komische Gefühl hört nicht auf. Es verschlimmert sich sogar von Woche zu Woche. Das Aufstehen fällt immer schwerer. Der Weg zur Arbeit kommt mir immer länger vor, wie eine Reise in die Unendlichkeit. Und jede Minute fühlt sich wie eine Stunde an. Der Kaffee, den ich jeden Morgen mit Genuss trinke, schmeckt plötzlich nicht mehr. Mein Lieblingsessen schmeckt plötzlich nach nichts mehr. Essen im Allgemeinen wird mit der Zeit zu einer Art Last, weil einfach nichts mehr richtig schmeckt. Man fühlt sich verloren und hilflos, weiß aber einfach nicht, woher das alles kommt. Man spürt, etwas ist anders, aber man weiß nicht was. Also, weitermachen!

Die kleinsten Dinge werden zur Qual

Dann fängt es an, dass die kleinsten alltäglichen Dinge zur Herausforderung werden. Wäsche waschen...."Worein kommt noch mal das Waschmittel und in welches Fach der Weichspüler? Hilfe, reiß dich zusammen! Das weißt du doch! Sowas kann man nicht vergessen!... Es fällt mir einfach nicht mehr ein, was ist nur los mit mir?!" Und schon fließen die ersten Tränen. Und warum? Weil ich nicht mehr weiß, worein welches Waschmittel kommt und ich mir selbst völlig bescheuert vorkomme. Ich beginne Kleinigkeiten zu vergessen, bis ich dann irgendwann den wichtigen Geschäftstermin mit dem Chef vergesse.
Jegliche Konzentrationsfähigkeit ist von mir gegangen.

Einkaufen? Mal abgesehen von dem Stresslevel, was einfaches Einkaufen mittlerweile bei mir auslöst, geht da schon lange nichts mehr ohne Einkaufszettel. Diese Menschen, die wie verrückt in den Regalen rumwühlen, als wären sie das erste mal im Supermarkt. Völlig unstrukturiert herumirren, als hätten sie noch nie eingekauft. Diese Menschen, die einem auf die Finger gucken, was man aus dem Regal nimmt, die ich sonst nie wahrgenommen habe, weil sie mir schlicht und einfach egal waren. Und dann habe ich mich durch den Dschungel der Lebensmittel geschlagen und stehe an der Kasse und muss warten. Warten bis jeder seine gefühlten 100 Lebensmittel auf das Band gepackt hat. Und wie jeder vor Langerweile mit Blicken um sich wirft und mir das Gefühl gibt, nur auf mich zu schauen. Es fühlt sich an als wären durch meine "Unsicherheit" alle Blicke auf mich gerichtet.

Ich will funktionieren

Dass die Haare ungebürstet sind und die Schminke fehlt, habe ich schon gar nicht mehr mitbekommen, beim Verlassen des Hauses. Schlicht weg vergessen. Aber weil ich zu dem Zeitpunkt immer noch nicht wirklich wusste, was mit mir los war, will ich funktionieren bzw. ich rede mir ein, ich müsste funktionieren. Denn eigentlich habe ich ja nichts, so wie eine Erkältung oder ein gebrochenes Bein. Nichts Offensichtliches, also kann es ja auch nicht so schlimm sein.

Doch es wird einfach nicht besser. Ich mache immer mehr Fehler und verzweifle an den kleinsten Dingen. Ich stehe vor der Haustür und weiß plötzlich nicht mehr, welcher Schlüssel der richtige ist. Kurz schauen ob mich keiner beobachtet, dann alle Schlüssel ausprobieren, bis einer passt. Geschafft. Rein in die Wohnung, Tür zu und weinend zusammenbrechen, weil ich mich frage, womit ich das eigentlich verdient habe, einfach so zu verblöden.

Niemand sucht sich seine psychische Erkrankung aus

Somit sieht man, dass keiner etwas dafür kann psychisch krank zu sein. Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich setze mich nicht hin, schraube ein bisschen an meinen Gedanken und Gefühlen herum und sage mir: "So , jetzt will ich aber Depressionen haben! Damit es mir offiziell schlecht gehen darf und ich endlich mal Mitleid und Aufmerksamkeit bekomme!"

Unwissende stellen sich das oft alles sehr einfach vor. Aber solch eine Krankheit, kann man nicht provozieren, wie Beispielweise eine Erkältung, indem man im Winter im knappen Kleidchen draußen herumläuft. Nein, sie ist einfach da. Und dann hat man den Scheiß! Doch ich habe das große ‪‎Glück‬ gerade an einem Punkt in meinem Leben anzukommen, an dem ich diese Erkrankung zu schätzen weiß. Ja, es hört sich ziemlich skurril an. Aber ich darf gerade die schönen Dinge des Lebens sehen. Zumindest jeden Tag mal kurz hineinschnuppern, wie es sich anfühlen könnte, glücklich zu sein.

Ich will glücklich sein

Denn wenn ich eines gelernt habe in den letzten 5 Jahren mit meiner Depression und den anderen psychischen Erkrankungen, dann ist es das, dass es nur um eines im Leben geht und das ist GLÜCKLICH SEIN! Und das um jeden Preis. Wenn ich heute sage, ich will den ganzen Tag schlafen und ich mich danach gut fühle, dann darf ich das tun und das ohne ein schlechtes Gewissen. Wenn ich morgen sage, ich will abends mal so richtig die Sau rauslassen, auch ohne einen ersichtlichen Grund, dann tue ich das, wenn es mich glücklich macht.

Denn ich weiß, wie es ist, wenn der Gedanke über einen bestimmt, nicht mehr leben zu wollen. Ich war oft an dem Punkt, wo ich meinem Leben ein Ende setzen wollte und bin auch immer wieder dort....
Und dann zählt einfach nichts mehr, weil mir alles egal ist in diesen Momenten.

Aber jetzt, wo ich wieder ein wenig in das Leben, was auf mich warten könnte, schauen darf, sehe ich, dass es sich für nichts auf dieser Welt lohnt, sich zu irgendetwas zu zwingen oder Dinge nur zu tun, weil sie sich so gehören oder es jemand anderen glücklich machen könnte.

Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich bestimmen möchte, was ich tue, wann ich es tue und warum ich es tue. Solange es MICH glücklich macht, ist alles andere egal. Und das hat NICHTS mit Egoismus o.ä. zu tun, sondern damit, dass ich weiß, wie es ist, GANZ UNTEN zu sein und das ich auch weiß, was es bedarf, um dort nicht jeden Tag verbringen zu müssen, sondern Stück für Stück aus diesem tiefen Loch herauszuklettern.

Natürlich gibt es immer Tage an denen ich mich mal ausruhe an einem Platz auf dem Weg nach oben oder auch mal wieder abrutsche beim Hinausklettern. Aber nichts davon kann mich wieder so weit runterschlagen, wenn ich wirklich nur noch die Dinge tue, die MIR gut tun.

Ich möchte einfach nicht, dass mein Leben zu ende geht, bevor ich begonnen habe zu leben!"

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