Wie Trends entstehen

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Umbruch: der Arabische Frühling. Katastrophe: die Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima. Proteste: die "Occupy Wallstreet"-Bewegung.
Foto: Getty Images

Wie es kommt, dass alle auf ähnliche Farben, Muster und Schnitte setzen. Und warum 2012 die Mode so besonders fröhlich ist. Wir sagen, wie Trends entstehen

Unsere wirtschaftliche und politische Lage wirkt sich immer auch auf die Mode aus. So gibt es das Phänomen, dass Röcke je nach Wirtschaftswachstum länger bzw. kürzer werden. Im deutschen Wirtschaftswunder der Fünfzigerjahre waren kniefreie Röcke in, in der Rezession (z. B. 1993) ging der Trend zu wadenlangen Modellen. Gucken wir uns die Jahre 2010 und 2011 an, so waren sie geprägt von politischen Umbrüchen (Arabischer Frühling), verheerenden Naturkatastrophen, der Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima, der Eurokrise und den weltweiten "Occupy"-Protesten gegen eine zu wirtschafts- und bankenfreundliche Politik. Was heißt das jetzt für die Modetrends 2012? Mode spiegelt nicht die Revolutionen, die finanzielle Unsicherheit, die Angst vor nicht beherrschbaren Technologien wider. Sie wird beeinflusst von den Sehnsüchten und Wünschen, die in schwierigen Zeiten in uns Menschen ausgelöst werden.

Wir sehnen uns nach Sicherheit, nach Zuwendung - vereinfacht gesagt: Wir wollen in den Arm genommen werden. Die große weite Welt, sie reizt uns nicht mehr, denn Fukushima hat z. B. gezeigt, wie nah uns Bedrohliches aus dieser großen weiten Welt kommen kann. Wir sehnen uns nach Heimatlichem, nach Vertrautem, nach einem heilen, kontrollierbaren Umfeld.

Als Folge dieser Sehnsucht hat "Homing" Hochkonjunktur. Homing bedeutet, dass das Zuhause zum sozialen Lebensmittelpunkt wird. Man macht es sich in seinen eigenen vier Wänden schön, drapiert besonders viele Kissen (am besten aus kuscheligem Stoff ) auf dem Sofa, zündet Kerzen an. Baut sich eine sichere Höhle, sozusagen. Und beschäftigt sich besonders gern mit der Heimat: macht Urlaub in Deutschland, liest Regionalkrimis, hört deutsche Musik. Gerade in der Kultur spiegeln sich unsere Sehnsüchte wider. So verwundert es nicht, dass 2012 mehrere Märchen als Erwachsenen-Verfilmungen ins Kino kommen werden. Märchen waren Teil unserer Kindheit. Und wann fühlten wir uns beschützter und geliebter als als Kind?

Ehe die Designer sich an die Arbeit machen, um für uns die neuen Trendteile in die Läden zu bringen, kaufen sie die Stoffe dafür - unter anderem auf der Garnmesse Pitti Filati in Florenz, der Stoffmesse Unica (Mailand), der Munich Fabric Start (München) und der Première Vision (Paris). Was da für die neuen Kollektionen 2012 zum Kauf angeboten wurde, spiegelt wider, was aktuell in der Welt passiert und welche Sehnsüchte die Menschen haben. Da gab es mit Autos bedruckte Textilien (= Anleihe an die Kindheit) und jede Menge florale Stoffe (= Heimat). Außerdem dominierten Pastellfarben, Orange, Rot und Blau. Was das bedeutet? Bitte weiterlesen!

Wie Trends entstehen: 5. Die Trends 2012

Was Sie hier sehen, sind die wahrscheinlich fröhlichsten Trends zum Frühjahr-/Sommer seit langem. Das liegt vor allem an den Farben, die wir Professor Axel Venn vorgelegt haben, einem Experten für Farbgestaltung. Ersagt: "Der Trend geht zu Tönen, die ungetrübt sind, einen großen Reinheitswert haben, als sauber, leuchtend, schöngeistig gelten. Das heißt, es sind keine Braun-, Schlamm- oder Grauanteile darin, die für Erdigkeit und Trübheit stehen, sondern klare Farben: zum einen Pastelltöne wie zartes Gelb oder Lavendel. Aber auch starke Farben wie Dunkelblau, Weiß, Rot und Orange. Alle besitzen ähnliche, empfindungsorientierte Grundbedeutungen von schön, sympathisch, harmonisch, lebendig, gesund und fröhlich." Nun sagt man ja "Kleider machen Leute", und tatsächlich ist es so, dass wir mit der Wahl unseres Outfits - und vor allem der Farben, die wir tragen - unsere Wirkung auf andere beeinflussen. Das Erstaunliche: Alle Trendfarben dieses Jahres zielen nur auf einen Effekt ab: "Sie sind den Menschen sehr sympathisch und machen denjenigen, der sie trägt, auch dazu", erklärt Professor Venn. Die Designer helfen uns mit ihrer neuen Mode also, unsere unbewusste Sehnsucht nach Liebe und Nähe zu befriedigen. Indem sie uns durch die reinen Farben sympathischer wirken lassen, reagieren andere Menschen netter auf uns, gehen eher auf uns zu.

Aber nicht nur durch die Farben, auch durch die 2012 angesagten Blumendrucke erfüllen die Modemacher unsere Sehnsüchte. Denn je turbulenter die Zeiten, umso mehr Zuwendung wünschen wir uns. Jeder von uns kennt das: Wir kaufen uns selbst einen schönen Strauß Blumen, um uns etwas Gutes zu tun. Wir verschenken Blumen, um anderen etwas Nettes damit zu sagen - "Danke" vielleicht, oder "Ich liebe dich!" Wir lassen Blumen gern sprechen, sie sind laut Professor Venn "Kommunikations-Instrumente".

Und: Auf Kleider, Röcke oder Blusen aufgedruckt beeinflussen auch sie unsere Wirkung. Professor Venn: "Blumen sind weich, rund und streichelfähig. Als Aufdruck auf Kleidungsstücken suggerieren sie ähnliche Empfindungen wie das Original." Sympathische Farben, freundliche Blumen: Die Mode 2012 macht es uns so leicht wie nie, von anderen gemocht zu werden. Eines ist allerdings seltsam: Das mit der Rocklänge als Indikator für den Wirtschaftswachstum funktioniert diese Saison nicht. Wie Sie an den Bildern links sehen, gibt es superkurze Kleidchen, aber auch wadenlange Röcke. Zu unsicher sind die Zeiten.

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