Wie uns unsere Geschwister prägen

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Foto: Caro Zorn

Die Macht der Geschwister - und warum Einzelkinder besser sind als ihr Ruf

Keine andere Beziehung in unserem Leben besteht in der Regel so dauerhaft wie die zu Bruder und/oder Schwester. Wie uns diese Familienbande prägen - oder auch nicht, erfahren Sie hier.

Sie sind Einzelkind

Zeit, mit hartnäckigen Gerüchten aufzuräumen - weil Einzelkinder viel besser sind, als man gemeinhin glaubt. Sie sind zum Beispiel weder neidisch noch eifersüchtig. Irgendwie logisch, denn die uneingeschränkte Liebe der Eltern hatten sie immer für sich alleine, ohne daran zweifeln zu müssen. "Sie treten deswegen anderen Menschen mit einer Art Urvertrauen gegenüber", sagt Philosoph und Buchautor Mathias Jung ("Geschwister - Liebe, Hass, Annäherung", emu-Verlag, 17,80 Euro - hier bei Amazon.de bestellen).

Dass Einzelkinder gar nicht gut teilen können, ist noch so ein typisches Vorurteil - das nicht stimmt. Weil sie ihr Schokoeis früher nie gegen gierige Geschwister verteidigen mussten, bauen sie nämlich auch heute keinen Schutzwall um ihr Essen (oder um andere Dinge).

Ein bisschen verwöhnt sind sie natürlich schon. Ohne Geschwister genossen sie immer deren volle Aufmerksamkeit. Damals ließ jede gute Schulnote Papas Brust vor Stolz so anschwellen, dass sein Hemd fast platzte - was heute noch passiert, wenn die einzige Tochter von beruflichen Erfolgen erzählt.

Meistens haben Einzelkinder ein gesundes . Bei anderen sieht es zwar von außen so aus, als hätten sie alles im Griff. Doch weil sie permanente elterliche Beobachtung gewohnt sind, haben sie schnell das Gefühl, nichts falsch machen zu dürfen. Vielleicht erwarten sie ein bisschen zu viel von sich.

Im Berufsleben setzen sich diese Perfektionisten etwas mehr unter Druck als dies Menschen tun, die Geschwister hatten. Einzelkinder mögen Struktur und Ordnung und sind große To-do-Listen-Fans . "Außerdem sind sie oft überdurchschnittlich gebildet, weil ihre Eltern sie besonders intensiv gefördert haben", sagt Mathias Jung.

Sie haben einen großen Bruder

"Du bist doch die kleine Schwester von Hannes, oder?" Mann, war das doof, wenn einen die süßen, älteren Jungs nie beim Namen nannten, sondern immer als Anhängsel des älteren Bruders abstempelten. War man dann endlich alt genug, fing der Große an zu grummeln, wenn einer seiner Kumpels sich auf dem Schulhof an die niedliche Schwester ranpirschte.

Normalerweise gibt es zwischen den beiden aber wenig Zoff. Der große Bruder und die kleine Schwester sehen sich nicht als Konkurrenten . Es kann also gut sein, dass sie super miteinander auskommen. Deswegen ist die kleine Schwester auch später noch ziemlich harmoniebedürftig: Sie möchte immer, dass sich alle verstehen. "In einer solchen Konstellation entwickelt sich das Mädchen meist zu einem sehr femininen Wesen", schreibt der amerikanische Psychologe Kevin Leman in seinem Buch "Geschwisterkonstellationen".

Die kleine Schwester mag es, dass ihr Bruder der männliche Beschützer ist und sie ihre weiche Seite zeigen darf. Weil sie es gewohnt ist, neben einem starken Papa auch noch einen starken Bruder zu haben, sucht sie später auch einen Mann, an den sie sich anlehnen kann. Durch ihren Bruder hat sie schon früh gelernt, wie Männer ticken: Sie geht ziemlich locker mit ihnen um, ist charmant und flirtet gerne. Und wenn sie einen Mann an der Nase herumführt, dann ziemlich subtil.

Oft sind Frauen mit großen Brüdern mutiger als andere: In der Kindheit spielten die beiden ja nicht nur "Polly Pocket", sondern kletterten auch auf Bäume. Für verrückte Ideen ist die kleine Schwester daher auch als Erwachsene zu haben. "Je besser sich ein Mädchen mit ihrem Bruder versteht, desto mehr guckt sie sich von ihm ab", sagt Mathias Jung. Deshalb kann es gut sein, dass Frauen mit Brüdern wie selbstverständlich über Mikroprozessoren oder Fußball-Weltmeisterschaften fachsimpeln.

Sie haben eine kleine Schwester

Manchmal hat es genervt, dass die kleine Schwester immer mitwollte, wenn die große mit ihren Mädels fürs Kino verabredet war. Oder wenn sie dauernd im schwesterlichen Schminkkästchen gestöbert hat. Aber irgendwie war es auch schmeichelhaft, dass man für sie nicht nur die große Schwester, sondern auch ein großes Vorbild war. Dem sie manchmal ganz schön große Löcher in den Bauch gefragt hat: Wie funktioniert das mit den Jungs, der festen Zahnspange oder dem Augenbrauenzupfen ?

Für die Jüngere ist die Ältere oft eine Ratgeberin, bei der sie sich auch mal ordentlich ausheulen kann - so entwickelt die Große schon früh ein gutes Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, Trost zu spenden. Fürsorglich ist sie später auch anderen Menschen gegenüber. Und wenn sie eigene Kinder hat, beschützt sie diese fast wie eine Löwenmutter.

Auf keinen Fall lässt sich die große Schwester die Butter vom Brot nehmen, von niemandem. Dafür hat sie viel zu früh die Tricks durchschaut, mit denen die Jüngere die Eltern um den Finger wickeln wollte. Hin und wieder hat sie der Kleinen auch mal sanft auf die Finger geklopft - oder ihr beim Essen einen bissigen Kommentar zugezischelt. Auch als Erwachsene ist sie ganz gut darin, andere in ihre Schranken zu verweisen. Sie ist unnachgiebig und nicht leicht zu beeindrucken.

Wenn sie überhaupt mal unsicher ist, dann vielleicht Männern gegenüber - mangels Bruder. Frauen kann sie besser einschätzen. Und wenn sie sich gut mir ihrer kleinen Schwester vertragen hat, wird sie als Erwachsene häufig mehr weibliche als männliche Freunde haben.

Was sie auch gut kann: Anderen etwas beibringen. Oft ist sie ziemlich ehrgeizig und strebt Richtung Chefsessel. "Das erste Kind neigt ein Leben lang dazu, alles richtig machen zu wollen", sagt Jung "da sind sich Erstgeborene und Einzelkinder ähnlich". Denn anfangs war die große Schwester ja noch "alleine" auf der Welt, und da wollte sie Mami und Papi ganz besonders stolz machen!

Sie haben eine große Schwester

Früher brauchte es nicht viel, um die große Schwester auf die Palme zu bringen: Als Kleinere hat man ihr einfach die coolen Reebok-Sneakers nachgekauft oder sich ab und zu ihren Lieblingspulli "geliehen". Und schwupps, war sie einem Tobsuchtsanfall nahe, weil man sie schon wieder nachmacht. "Mädchen mit einer großen Schwester setzen sich früher als andere mit der eigenen Weiblichkeit auseinander", sagt der Experte Mathias Jung. Sie experimentieren mit ihrem Kleidungsstil, starten erste Schminkversuche und machen sich früher Gedanken über ihre Figur. Kann sein, dass das der großen Schwester irgendwann auf die Nerven geht, weil sie die Kleine als Konkurrenz sieht. Je geringer der Altersunterschied , desto größer die Rivalität zwischen den beiden.

Frauen mit einer großen Schwester fällt es später meist leichter, Gefühle zu zeigen, weil sie früher nicht die Starke spielen mussten - als Kleine durften sie eher mal die eigene Trauer oder Wut rauslassen. "Häufig sind sie auch später noch sehr emotional", sagt Jung, "und stehen zudem gerne im Mittelpunkt". Als Nesthäkchen waren sie es ja gewohnt, viel Aufmerksamkeit zu bekommen.

Und die Streitkultur? Während man mit einem Bruder nach kurzem Gekloppe einfach "Schwamm drüber" sagt, diskutieren zwei Schwestern ewig. Dieses Prinzip zieht eine Frau gern auch im Erwachsenenalter durch - für Männer schwierig. Manchmal wäre ein bisschen mehr Pragmatismus besser. Trotzdem: Auf Krawall gebürstet ist die kleine Schwester nicht. Meist ließen die Eltern ihr mehr Freiheiten als der ersten Tochter. Wovon sie im späteren Leben profitiert, weil sie unbeschwerter, spontan und lustig ist.

Sie haben einen kleinen Bruder

Eigentlich hatte sie sich eine kleine Schwester gewünscht, der hätte sie dann hübsche Zöpfchen geflochten. Stattdessen kam ein kleiner Bruder, dessen Wuschelmähne man für Friseur-Spielchen nicht anrühren durfte! Die große Schwester konnte sich früher manchmal nicht so recht entscheiden: Findet sie es gut, dass sie den Kleinen ein bisschen betüddeln darf oder ist er nur ein Störenfried?

Naja, unterm Strich eigentlich Ersteres. "Normalerweise genießt die große Schwester es, dem kleinen Bruder etwas Neues beizubringen", sagt Mathias Jung. So fühlt sie sich nämlich reif und ein bisschen überlegen. Und sie probiert ihren weiblichen Charme an ihm aus, indem sie ihn zu allem möglichen Schabernack überredet (eine Kinderzimmerwand rot "streichen" - mit Filzstiften). Alles Training für später!

Als Erwachsene fällt es ihr daher tendenziell leicht, Männer dazu zu bringen, nach ihrer Pfeife zu tanzen. Ihre Ratgeber-Funktion im jugendlichen Alter ist sehr vielfältig. Dem kleinen Bruder erklärt sie, welche Musik cool ist, wohin man ausgeht und natürlich: Wie man ein Mädchen anspricht. Mit so viel Übung kann sich diese Frau auch später gut in Männer hineindenken. Oft ist sie der Typ Frau, von dem Männer sagen: ein echter Kumpel! In der Beziehung kann das von Vorteil sein. Ein Partner, der jedoch immer den Ton angegeben will und sich als Versorger sieht, wird mit ihr ziemliche Schwierigkeiten haben. Denn sie will ihre Selbstständigkeit bewahren. "Weil der Bruder in ganz jungen Jahren mehr elterliche Fürsorge und Aufmerksamkeit brauchte als sie, hat sie diese Eigenständigkeit lange eingeübt", erklärt Jung.

Loszulassen - das fällt dieser Frau sehr leicht. Als Jugendliche musste sie sich ja auch damit abfinden, dass ihr Bruder irgendwann in eine andere Welt abdriftet (Fußballplätze, Kart-Bahnen). Im Vergleich dazu bleibt das mütterliche Verhältnis zu einer jüngeren Schwester viel länger bestehen.

Sie sind Sandwichkind

Der große Bruder feiert wilde Partys - dafür ist das Sandwichkind noch zu klein. Der kleinen Schwester wird "Pippi Langstrumpf" vorgelesen - dafür ist das Sandwichkind schon zu groß. Früher war es öfter mal außen vor, weil die Eltern eher mit dem jüngsten Kind beschäftigt waren und das älteste sowieso schon flügge war. Das hat zwar manchmal genervt, aber der Entwicklung des Mittelkindes sehr geholfen. Kinderpsychologe Kevin Leman schreibt in seinem Buch "Geschwisterkonstellationen", dass Erstgeborenen und Nesthäkchen zwar mehr Aufmerksamkeit zuteil würde, Mittelkinder jedoch besser auf das Leben vorbereitet seien. Schließlich konnten Mama und Papa sich nicht ständig kümmern - Sandwichkinder mussten öfter mal alleine sehen, wo sie bleiben.

Sie sind also schon früh selbstständig, freunden sich schnell mit anderen an und sind ziemlich viel auf Achse. Meistens ziehen sie als erstes Kind von zu Hause aus, sind unkompliziert und realistisch. Zwischen den jüngsten und älteren Familienmitgliedern haben sie schon immer vermittelt - dadurch können sie auch später gut verhandeln und Kompromisse finden.

In der Liebe weiß das Sandwichkind meist, dass die Zuneigung des anderen nicht selbstverständlich ist. Die Eltern widmeten sich ja nur selten ihm alleine. Es ist deswegen mehr als andere bereit, für große Gefühle zu kämpfen - braucht aber auch häufiger mal einen kleinen Liebesbeweis.

Und im Beruf? Das zweitgeborene Kind schlägt laut Leman oft einen ganz anderen Weg ein als das erstgeborene. Damit man es nicht immer vergleicht, sondern als eigenständige Person wahrnimmt.

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