Wie untreu ist die Treue?

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(Clara Ott, 29, alleinlebend im Hamburger Hafen und seit zweieinhalb Jahren solo)

3. Teil: Frauen-Kolumne

Jeden Montag diskutieren die beiden Frauen ein neues Problem rund um Herzensangelegenheiten: Cornelia Mangelsdorf (43) Chefredakteurin der "WOCHE HEUTE", und Clara Ott (29), Online-Redakteurin WUNDERWEIB.

Liebe Cornelia,

sag mir: Wie untreu ist die Treue?

Ich habe es getan. Einmal. Und ich habe mich dabei kein bisschen schlecht gefühlt. Denn ich war ja solo, nur er hatte ja eine Freundin. Natürlich würde ich niemals fremd gehen, wenn ich liiert und verliebt bin. Behaupte ich. Und ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn mein Freund fremdknutscht. Fremdgeht. Wahrscheinlich wäre ich nicht nur verletzt, sondern könnte ihm niemals verzeihen, geschweige denn ihm wieder vertrauen. Und wieso lasse ich es dann zu, der Ausrutscher selbst zu sein? Weil man dabei die unbeteiligte Person bleibt? Ja, ich bin lieber der Grund, weshalb jemand fremdgeht. Es schmeichelt mir, reizt mich, ich lassse es zu. Solange ich seine Freundin nicht kenne...Ich weiß, das wäre ein No-Go.

Und was, wenn ich einen Mann kennen lerne, der innerhalb seiner Beziehung "unglücklich" ist? Ich gestehe: Das weckt meinen Retterinstinkt. Fies? Gemein? Nein! Denn ganz ehrlich: Liierte Männer zu treffen, zu verführen, wieauchimmer...das vermeidet immerhin das leidige Thema "Sind wir jetzt zusammen?" Denn er ist ja liiert und nicht wirklich greifbar. Oder wird er doch Schluß machen, für mich? Nein. Wird er nicht. Ich bin das dritte Rad am Wagen. Das Ersatzrad. Aber auch das, was am wenigsten abgenutzt wird!

Oder muss ich mich schlecht fühlen, liebe Cornelia, weil ich über "Passiv-Fremdgehen" überhaupt nachdenke?

Clara

Liebe Clara,

selbst auf die Gefahr hin, dass Du mich jetzt hoffnungslos altmodisch findest: Untreue finde ich unsexy! Dass es Dir Spaß macht, von einem attraktiven Mann begehrt zu werden, kann ich sehr gut verstehen. Wem gefiele das nicht? Und, klar, als Frau/Mensch/Single braucht man einfach auch seine Portion Selbstbestätigung. Einen Seitensprung hast Du jedenfalls nicht begangen.

Du bist solo, hast nichts zu verlieren. Und doch: Du hast Dich mit einem liierten Mann eingelassen. Ihr hattet Euren Spaß ­ aber eine Dritte ­ die nichtsahnende Freundin ­ hat nun das Nachsehen. Kann man jetzt sagen, das geht Dich nichts an? Ansichtssache! Du wusstest Bescheid, nahmst Dir den Mann ­ und fertig. Ich nenne das, sorry, wenn das hart klingt: die Kleenex-Methode. Einmal benutzen und dann wegwerfen ­ meins ist das nicht.

Vielleicht bin ich zu romantisch. Vielleicht zu sehr verletzlich. Zu groß ist mein Respekt vor einer bestehenden Beziehung, vorm Pakt zweier Menschen (auch wenn einer davon ihn brechen will - aber dann bitte richtig!). Vielleicht bin ich auch einfach gänzlich unbegabt für Affären. Sieh es mir nach!

Bitte denk¹ jetzt nicht, dass ich den Moralapostel spielen will. Der bin ich nicht. Was Du getan hast, passiert fast jedem einmal. Bloß fühlen sich die wenigsten Frauen wirklich gut danach. Weil sie einen Kerl verdient haben, der nur Ihnen gehört! Du und jemanden teilen? Kommt nicht in die Tüte! Die sinnliche Liaison, die zwischen den Laken beginnt, braucht die Chance, eine richtige Beziehung zu werden  ­ und keine seichte Liebelei.

Deshalb rate ich Dir: Finger weg von liierten Männern! Dann sparst Du Dir am Ende des Tages, wenn die Nacht fällt und Dein Bett sich kalt anfühlt, den Katzenjammer. Manchmal sind warme Wolldecken einfach die besseren Kuschelpartner...

Liebe Cornelia

ich gebe es ungern zu: Aber du hast Recht. Kleenex? Benutztes Taschentuch? Eine nette Assoziation. Ja! Es macht nicht auf Dauer glücklich, eine Affäre mit jemand Liiertes zu haben. Aber als einmalige Gelegenehti - so dachte ich Naivchen - wäre es ein kleiner Ego-Kick.

Ist es aber nicht wirklich. Denn ER entscheidet sich ja trotzdem weiterhin für ein Leben neben IHR. Da hilft es wenig, wenn man sich einredet, dass man ihn eh nicht lieben könnte.

Ich habe ihn gesehen. Kürzlich. Zusammen mit ihr. Sie sahen glücklich, verliebt und wirklich harmonisch aus. Gut, dass er ihr nie von meiner Existenz erzählt hat. Ich bin für ihn wohl nur ein kleiner Mini-Ausrutscher vom Platz der Liebe, ein Seitenstreifen oder die Ersatzbank für eine kurze, schlaflose Nacht. Aber sie ist allgegenwärtig die Liebe im Alltag, die Frau mit liebenswürdigen und nervtötenden Seiten. Eine Frau mit Facetten. Soweit ist es bei mir nicht gekommen. Zumindest in seinem Fall.

Das meinst du, liebe Cornelia, sicher auch mit den vielen Frauen, die sich als wie ich es nenne "passiver Seitensprung, weil sie der unliierte Teil einer Affäre" sind, schlecht fühlen. Es bringt nämlich nix!!

Denn es gibt so etwas wie ein Post-One-Night-Stand-Trauma. Jedes mal nach vielleicht tollem Sex mit jemandem fühlt man sich am Morgen danach wunderbar. Doch einen Tag später, wenn man wieder allein aufwacht, schleicht sich ein graues Gefühl an den blauen Himmel, weil man doch allein ist. Bis zum nächsten Mal.

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