Wie verrückt muss man sein für den Overall?

maxi matus overall

Foto: Anoushka Matus für MAXI

Stil-Kolumne

Autorin Marlene Sørensen klärt Fragen des guten Geschmacks. Natürlich äußerst subjektiv. Dieses Mal geht's um: Den Overall

Gewisse Dinge kann man sich einfach nicht vorstellen, bis sie wirklich passieren. Jürgen Klinsmann als Trainer vom FC Bayern. Die mentale Entgleisung von Britney Spears. Die Rückkehr des Overalls in die Mode. Des Overalls! Damit hatte ich so sehr gerechnet wie mit dem neuen Album von Guns N' Roses. Und ebenso sehr darauf gehofft, also: gar nicht.

Und doch: Man trägt ihn wieder, in Grau und Pink, aus Denim und Baumwolle, mit Spaghettiträgern, Fledermausärmeln und, wenn man den Schaufensterauslagen glauben kann, sogar in Hotpantslänge, was aussieht wie ein Strampelanzug für Erwachsene und angezogen vermutlich eine ähnlich skandalöse Wirkung hat.

Denke ich an den Overall, denke ich an den Klempnernotdienst.

Und an Wham!. Er verstößt folglich gegen jede Regel des guten Stils. Natürlich musste ich sofort einen haben.

Manchmal ist es einfach nötig, etwas Unvernünftiges zu kaufen, etwas, bei dem man nicht weiß, ob man damit durchkommt.

In der Mode ist es wie in jeder anderen Sportart: Gelegentliche Regelverstöße machen das Ganze erst interessant. Und angesichts meiner Grundgarderobe - kombinierbare Einzelteile in gedeckten Farben - muss man sagen: Ein Einteiler aus zitronengelbem Seidencrêpe zählt als Regelverstoß. Erstens.

Zweitens. Ganz richtig: zitronengelber Seidencrêpe. Der Overall ist ein modisches Ausrufezeichen. Wer ihn trägt, dem sieht man an, dass er die Sache ernst nimmt. Todernst. Um sich von dieser Einstellung zu überzeugen, muss man nur einmal die Oxford Street in London rauf- und runterspazieren, denn niemand nimmt sich Trends so beherzt zur Brust wie die Engländerinnen. Schön, die sehen in ihren Outfits zwar selten so gut aus wie etwa die Französinnen. Die sieht man dafür aber auch seltener lachen. Beweist: Sinn für Humor ist immer spannender als nur perfektes Aussehen.

Der Overall ist das ideale Kleidungsstück für jeden Morgen, an dem man mal wieder nichts zum Anziehen hat.

Man muss auf einmal nicht mehr darüber nachdenken, welcher Rock zu welcher Bluse zu welcher Jacke passt - Overall an, fertig. Als ich meine Freundin Jule zum ersten Mal sah, trug sie einen verwaschenen Einteiler aus Cord, einen schlampigen Pferdeschwanz und zwei Liter Eyeliner. Das Styling kann nicht länger als drei Minuten gedauert haben. Und ich muss wohl nicht noch sagen, dass sie absolut umwerfend aussah, wie einer von Charlies Engeln - wären Charlies Engel Automechaniker. Ein Effekt, den man mit Sorgfältigkeit niemals hätte erzielen können.

Nicht jeder wird den Overall deshalb so sehr lieben wie man selbst, in ihm wird man sich von der ewig gleich gekleideten Masse abheben. Das könnte man natürlich auch mit grünen Haaren und Latexleggings erreichen. Aber kommt Ihnen der Overall im Vergleich dazu nicht auch plötzlich sehr vernünftig vor?

Und schließlich: Die Wahrscheinlichkeit, dass man so gekleidet von einem Kerl blöd angemacht wird, ist äußerst gering. Das traut sich höchstens, wer sich für einen Geschmacksexperten hält. Sobald so einer losschnarrt ("Singst du bei Wham!, oder was?"), entschuldigt man sich einfach für eine halbe Stunde auf die Toilette. So lange braucht man dort nämlich, wenn man einen Overall trägt.

Nie machen: Mit Turnschuhen tragen. Stattdessen: High Heels oder Wedges.

Unbedingt machen: Klotzen, nicht kleckern. Ein einfaches Kleidungsstück wie ein Jeans-Overall verträgt viel Schmuck. Missy-Elliott-viel Schmuck.

Nicht vergessen: Keinesfalls beirren lassen. Die Leute, die gegen den Overall ästhetischen Einspruch erheben, sind die gleichen Leute, die vor ein paar Jahren noch an der Röhrenjeans zweifelten. Und jetzt? Ha!

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