Wieso Familie immer an erster Stelle stehen sollte

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Familie steht an erster Stelle. Erst als es zu spät war, merkte sie, wie sehr sie ihren Vater vernachlässigt hatte.
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Warum wir zu selten zeigen, wie sehr wir unsere Familie lieben

Wie sehr wir jemanden lieben, merken wir oft erst, wenn es zu spät ist. Wieso Familie immer an erster Stelle stehen sollte, zeigt die traurige Geschichte einer Tochter über die Liebe zu ihrem Vater, die sie ihm nie zeigte.

Wie sagt man so schön? Familie kann man sich nicht aussuchen. Doch selbst wenn man sich mal über das ein oder andere Mitglied aufregt, wissen wir im tiefsten Inneren, dass wir uns etwas anderes ebenso wenig aussuchen können: Wie sehr wir unsere Familie lieben. Leider vergessen wir diesen Punkt nur allzu oft.

Wie wohl jedes andere Kind, durchlebte auch ich im Laufe meiner Entwicklung die eine oder andere Trotzphase. Bereits mit vier Jahren lehnten wir uns das erste Mal gegen unsere Eltern aufl, weil wir unbedingt die gepunktete Hose mit dem gestreiften T-Shirt kombinieren wollten. Das erste „Ich hasse euch“ kam uns kinderleicht über die Lippen.Natürlich waren die Worte nicht ernst gemeint. Doch auch wenn unsere Eltern sich dem ebenso bewusst waren, traf es sie wie ein Schlag in die Magenhöhle. Mit der Zeit entwickeln sie eine Schicht aus emotionalen Bauchmuskeln, die sie vor unseren ewigen Hieben schützen sollen. Wir meinen es schließlich wirklich nicht böse. Doch weh tut es ihnen trotzdem.

Unsere Eltern sind immer da. Sie lieben jede Faser unseres Körpers. Trotzdem weisen wir sie im Laufe unseres Lebens immer wieder zurück, ohne dass wir es merken. Wenn mein Vater mich fragte, ob ich ihm beim Glühbirne-Wechseln helfen könnte, tat ich es. Doch nicht ohne ihn unmissverständlich spüren zu lassen, wie wenig Lust ich eigentlich dazu hatte. Das schafft er doch auch alleine, ging mir allzu oft durch den Kopf. Was mir damals nicht bewusst war: Ja, mein Vater hätte es alleine geschafft. Doch mein Vater nutzte jede Gelegenheit, um Zeit mit seiner Tochter zu verbringen. Und weil er nicht wie ein gefühlsduseliger, nerviger Papa klingen wollte, täuschte er vor, meine Hilfe zu brauchen, um bei mir zu sein.

Je älter wir werden, desto mehr lösen wir uns von unseren Eltern. Dieser Abnabelungsprozess ist für uns ganz normal. Selbst wenn meine Mutter eine kleine Träne verdrückte, als ich die letzten Möbel aus dem Elternhaus in meine Wohnung brachte, blieb mein Vater stark. Er zeigte mir nichts von seinem Schmerz. Er rief nur einmal die Woche an, obwohl er am liebsten jeden Tag meine Stimme hören würde. Er half im Haushalt, wo immer er konnte, ohne je ein Danke zu fordern. Er strich das Haus von oben bis unten, in der Hoffnung, dass ich ihm Gesellschaft leisten würde. Ich war zu beschäftigt. Ich hatte mich um mein eigenes Leben zu kümmern.

Bei jedem Besuch werkelte mein Vater wieder in unserem Haus herum. Er fragte nach Kaffee. Doch wonach er in Wirklichkeit fragte, war eine Minute meiner Aufmerksamkeit, während ich ihm die Tasse brachte. Das alles habe ich leider viel zu spät realisiert.

Das letzte wöchentliche Telefonat verlief anders als sonst. Ich war genervt von der Verwirrtheit meines Vaters. Plötzlich verwechselte er Namen und Daten, als hätte er nicht zugehört. Doch mein Vater hatte mir immer aufmerksam zugehört. Diesen Fakt ignorierte ich. Ich legte auf. Der nächste Anruf kam aus dem Krankenhaus. Mein Vater hatte eine Hirnblutung erlitten. Und wäre ich so aufmerksam wie er, hätte ich es wahrscheinlich gemerkt. Noch während ich auf dem Weg zu ihm war, verstarb er. Ich kam mal wieder zu spät – eine Tatsache, die mich mein Leben lang belasten wird.

Unsere Eltern haben uns in die Welt gesetzt, sie waren von unserer ersten Sekunde unseres Lebens an immer da. Doch genau hier liegen die Tücken der Beziehung: Weil die Familie schließlich schon immer da war, wird sie normal. Dass wir der Lebensinhalt unserer Eltern sind, wird uns nur selten bewusst. Richtig schätzen tun wir sie häufig erst, wenn es zu spät ist. Im Laufe unseres Lebens kommen wir häufig zu spät. Doch unsere Familie sollte immer an erster Stelle stehen. Denn wie sehr wir sie lieben, zeigen wir ihr leider viel zu selten.

(ww4)

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