Wir lieben Naturkosmetik

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Foto: Benicce, fotolia

Kein Team hat so viele Anhänger wie die hübschen Ökos, die neuen natürlichen Schönmacher. Damit Sie nicht auf ominöse Wahlversprechen hereinfallen: hier unsere große Aufklärungskampagne in Sachen Naturkosmetik

Die neue Natürlichkeit

Manche Trends schlagen schnell ins Gegenteil um. Erst wollen sie alle, dann keiner mehr. Beim Arschgeweih war das so und bei der Dauerwelle. Andere Trends werden Boom, werden Alltag. So wie Handys. Und Naturkosmetik. Längst müssen wir uns nicht mehr im Reformhaus vor unbehandelten Birkenholzregalen mit einer Batiktuch-und-Tigerentenbroschen-Kundin um die letzte Ringelblumencreme kloppen.

Naturkosmetik ist nicht mehr selten oder seltsam und hat ihre Müsli-Aura abgelegt.

Jetzt steht sie wie selbstverständlich in Parfümerien und Szeneläden. Kein Wunder, die neuen Kunden sind anspruchsvoll. Sie wollen ein Naturprodukt, weil sie sich damit besser fühlen. Aber es soll bitte weder aussehen, riechen und sich schon gar nicht anfühlen wie früher. Die Kosmetikindustrie hat ihre Chance erkannt und reagiert. Denn obwohl der Anteil der Ökopflege im Gesamtkosmetikmarkt bislang weniger als zehn Prozent ausmacht, ist dieser Bereich der einzige, der wächst. Und das im zweistelligen Bereich. 613 Millionen Euro geben die Deutschen jährlich ca. für Naturkosmetik aus. Klar, dass da auch Großkonzerne ein Stück vom Bio-Kuchen abhaben möchten:

L'Oreal kaufte die französische Biomarke Sanoflore, Clarins schnappt sich die Ökopflege Kibio und sogar das Luxuslabel YSL Beauté verkauft mit Stella McCartneys "Care" echte Naturkosmetik.

Apropos echt: Da liegt oft ein echtes Problem. Denn je mehr Firmen auf der grünen Welle mitschwimmen, desto schwieriger wird es, wahre Naturkosmetik von der zu unterscheiden, die nur grün tut. Dabei wollen wir Ihnen hier helfen.

Und die Haare?

Eins vorweg: Kein Kosmetikprodukt auf dem deutschen Markt ist schädlich, auch wenn das bei der ganzen Diskussion um Naturpflege manchmal so scheinen mag. "Jedes Produkt unterliegt strengen Richtlinien", bestätigt Birgit Huber, Leiterin des Bereichs Körperpflegemittel beim Industrieverband für Körperpflege und Waschmittel. "Echte Naturkosmetik stellt darüber hinaus aber besondere Anforderungen an Rohstoffe und Verarbeitung."

Genau da beginnt die Verwirrung: Phytokosmetik (z. B. von Sisley) nutzt pflanzliche Wirkstoffe, was gut ist, aber keine reine Naturkosmetik. Andere Firmen haben ein grünes Image, weil sie auf einige synthetische Stoffe verzichten und sich für die Umwelt engagieren (The Body Shop, Aveda). Wieder andere basteln sich ganz bewusst eine natürliche Optik, indem sie ihrer herkömmlichen Rezeptur ein Pflanzenextrakt beimischen, diese Pflanze auf die Packung drucken und das Produkt dann als "natürlich" verkaufen.

Der Begriff - wie auch "bio" und "organic" - ist schließlich nicht geschützt.

Bitte nicht falsch verstehen: Eine Creme mit Pflanzenextrakt ist deshalb nicht schlecht. Wer Wert auf echte Naturkosmetik legt, sollte aber die Angaben zu den Inhaltstoffen lesen oder zu Produkten mit Prüfsiegel greifen. Eins muss man allerdings wissen: 100 Prozent Natur ist nicht bei jedem Produkt möglich. "Das kann man nicht mit Lebensmitteln vergleichen", sagt Dr. Thomas Förster, Präsident für Forschung und Produktentwicklung bei Schwarzkopf und Henkel. "Eine Bio-Kokosnussmilch ist noch kein kosmetisches Produkt, sie muss weiter verarbeitet werden. Jedoch müssen im Fall der Naturkosmetik die chemisch unverarbeiteten Rohstoffe dominieren."

Allerdings sind manche Firmen in dieser Hinsicht recht erfinderisch und designen schon mal ihre eigenen Stempel. Das macht optisch viel her, sagt aber nichts aus.

Die drei bekannten Siegel unten stehen für einen Mindestanteil an Natur.

Das BDIH-Siegel ist das Siegel der größten deutschen Naturkosmetikhersteller und des Bundesverbands Deutscher Industrie und Handelsunternehmen für Arzneimittel, Reformwaren, Nahrungsergänzungsmittel und Körperpflege. Es garantiert: Die Rohstoffe kommen soweit wie möglich aus kontrolliertem Bio-Anbau, synthetische Farb- und Duftstoffe sowie Silikone und Erdölprodukte sind verboten (Infos: www.kontrollierte-naturkosmetik.de ).

Das amerikanische USDA-Siegel des "United States Department of Agriculture" zeichnet Produkte aus, deren Rohstoffe zu 95 Prozent aus Bio-Anbau stammen. Und Ecocert aus Frankreich bewertet in zwei Stufen: Für die Bezeichnung "Naturkosmetik" müssen 95 Prozent der Inhaltsstoffe natürlichen Ursprungssein und 50 Prozent der pflanzlichen Stoffe aus Bio-Anbau.

Der Zusatz "ökologische Naturkosmetik" fordert einen Bio-Anteil von 95 Prozent (Infos unter www.naturalbeauty.de )

Ihren Ursprung hat Naturkosmetik in Deutschland, bei den Anthroposophen um Rudolf Steiner.

Diese entwickelten um 1900 neben einer Alternativ-Medizin auch Ansätze für die erste Natur-Pflege. In der Hippie-Zeit Mitte der 70er wurden dann viele klassische Öko-Labels gegründet. Ihr kleines Sortiment wurde in Reformhäusern neben Vollkornnudeln verkauft, dekorative Kosmetik war (bis auf Kajal und Henna) verpönt.

In den 80ern (Tschernobyl!) suchten immer mehr Menschen nach Alternativen, viele rührten sich nach Jean-Pütz-Rezepten aus der "Hobbythek" ihre Creme selbst an. Ein kurzer Trend: Die Herstellung war aufwendig, und manche Creme hielt nicht mal, bis Pütz' Sendung zu Ende war.

In den 90ern stiegen die Umsätze, erste Öko-Schminke kam auf den Markt und mit ihr immer neue Firmen.

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