„Wir meinen es ernst“: Der neue Weg der Generation Y

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Generation Y
Foto: Thinkstock

Report: Sinnsuche

Sie wuchsen als „Digital Natives“ auf. Sie wissen, dass die grenzenlose Freiheit des Internets nicht alles ist. Sie wollen mehr als nur Spaß. Vier Frauen erzählen, warum ihnen Nächstenliebe, Heimat, Natur oder Selbstbestimmung wichtig sind.

Vier Uhr morgens

Die Bässe dröhnen, die Tanzfläche bebt. Nach Hause gehen wir noch lange nicht. Die Clique trifft sich draußen. Wer will noch weiterziehen? Am Ende bleiben alle hier, tanzen zu „Just Dance“. Es ist eine Partynacht wie fast jeden Samstag . Sonntags um zwei trifft man sich zum Katerfrühstück.

Was die „Sinnsucher“-Generation empfiehlt und was ihnen am Herzen liegt, zeigen wir HIER:

So war das mal jedes Wochenende. Ausgehen galt als unsere Religion. Heute ziehen wir morgens um fünf die Bergschuhe an. Und finden das supercool. Wandern ist gar nicht mehr altbacken. Es geht um Natur , nicht der einzige Wert, den wir gerade für uns entdecken.

Generation Y will mehr als nur Spaß

Wer heute zwischen 20 und 30 Jahre alt ist, der will mehr als nur Spaß. Der wünscht sich mehr Nähe in Beziehungen . Der will mehr Sinn und Selbstbestimmung im Job . Der sehnt sich nach Heimat, intakter Umwelt. Der möchte nicht an der glitzernden Oberfläche des Lebens bleiben, ist auf der Suche nach Ernsthaftigkeit, Sicherheit und Bindung.

Als „Generation Y“ werden diejenigen bezeichnet, die um die Millennium-Jahre herum Teenager oder jünger waren. Was diese Generation eint? Sie sind „Digital Natives“, weil sie mit Internet und Handy aufgewachsen sind . Das hat junge Menschen erst mal gelehrt: „Anything goes“, erklärt Philipp Riederle. Der 19-Jährige gilt als „Digital Native“-Experte und berät große Firmen. Das Internet biete unbegrenzte Chancen : „Kein Anzugträger muss entscheiden, ob ich eine Platte veröffentlichen darf oder ob ich bei einem tollen Projekt dabei bin.“

Die vielfältige Auswahl führe aber auch zu einem Wertewandel. Das hat Martina Gille vom Deutschen Jugendinstitut festgestellt: „Eine Generation, die nie Teil einer großen Protestaktion war, wird gerade erwachsen. Und sie begehrt mit vermeintlich spießigen Werten auf“, sagt Gille. Wer mit der grenzenlosen Freiheit der Globalisierung aufwuchs, möchte Geborgenheit, Sinn und Sicherheit. Vier Frauen erzählen, was ihnen wichtig ist .

„Der Sinn des Lebens? Gelebte Nächstenliebe“

Claudia Reimers, 33, Apothekerin aus Berlin

Bald geht es los, in wenigen Wochen wird Claudia im Gesundheitscamp sein. Mitten auf dem Land in Nepal, 300 Kilometer westlich der Hauptstadt Kathmandu, in einer schwer zugänglichen Mittelgebirgsregion. Der Baglung-District ist eine der ärmsten Gegenden der Erde, die hygienischen Bedingungen sind wie auch die Versorgung mit Medikamenten katastrophal.

Mit nepalesischen Ärzten und Apothekern wird Claudia zusammenarbeiten, die Einheimischen im Gesundheitscamp mit Impfungen und Arzneimitteln versorgen. Außerdem wird sie verstreut liegende Gesundheitszentren besuchen und dort Mitarbeiter schulen.

Sie wollte mehr als nur Job und Freizeit

Es erwarten sie: anstrengende Fußmärsche, schlichte Nachtlager, einfaches Essen , Kälte, Armut, Krankheit. Das ist ihr Weg: „Ich freue mich schon wahnsinnig auf den Einsatz, mein erster im Ausland für Apotheker ohne Grenzen“, sagt Claudia. Vor etwa sechs Jahren spürte sie, dass in ihrem Leben mehr passieren müsse als bloß Job und Freizeit: „Ich vermisste echtes Engagement, gelebte Nächstenliebe“, sagt sie.

Viele ihrer engsten Freunde tun etwas, etwa für Tierschutz, im ökologischen Tourismus oder für bessere Klimapolitik. Nach einer langen Asienreise vor drei Jahren wusste die 33-Jährige, wohin sie wollte. Sie wurde Mitglied bei Apotheker ohne Grenzen. In Deutschland organisierte sie Sammel-Aktionen für die verschiedenen Projekte ihres Vereins, doch sie sehnte sich nach mehr: „Ich möchte dazulernen, gleichzeitig mein Wissen und meine Fähigkeiten weitergeben!“, sagt sie.

Traumeinsatz: Claudia geht für Apotheker ohne Grenzen nach Nepal.

Beides wird in Nepal der Fall sein. Sie wird sich mit einer fremden Kultur auseinandersetzen und anderen helfen, sich selbst zu helfen: „Für mich liegt der Sinn meines Lebens im Leben selbst“, sagt Claudia, „deshalb bin ich immer auf der Suche nach Erkenntnis und persönlicher Entwicklung.“

Politik ohne Partei

Junge Menschen haben keine Lust auf Engagement? Stimmt nicht, meinen Experten. Sie suchen sich nur neue Wege statt die konventionelle Parteipolitik. Sie folgen einer anderen Motivation: „Wir haben herausgefunden, dass die junge Generation nicht weniger politisch ist. Sie interessiert sich aber nicht so sehr für Parteien und deren Hierarchien. Junge Menschen wollen unmittelbar, spontan und kurzfristig Aktionen unterstützen wie beispielsweise die Occupy-Bewegung“, sagt Forscherin Martina Gille.

Also: Engagement ja! Aber nur, wenn man selbst etwas bewegen kann, das Ziel klar und eindeutig ist. Oft sei der Einsatz kurzfristig und auf ein bestimmtes Projekt bezogen.

„Ich möchte selbstbestimmt und für Herzensprojekte arbeiten“

Marie Rienecker, 28, PR-Beraterin aus Hamburg

Morgens um sechs Uhr eine Stunde Yoga. Wenn die Stadt noch schläft, ist Marie gerade beim Sonnengruß. Dann macht sie sich einen Lemonjuice, frühstückt in aller Stille. Um acht Uhr sitzt die 28-Jährige am Schreibtisch in ihrem eigenen Arbeitszimmer. Und das ist genauso eingerichtet und durchorganisiert, wie sie es liebt.

„Jetzt läuft alles so, dass ich mich wohlfühle“, sagt Marie. Noch vor drei Jahren war sie angestellt in einer der renommiertesten PR-Agenturen Deutschlands, arbeitete in einem Großraumbüro, feste Arbeitszeiten, Meetings und Reisen. Sie führte zwar ein aufregendes Leben zwischen schickem Office und exklusiven Kunden aus der Luxusindustrie, die sie in Pressefragen beriet. Doch die Arbeit vereinnahmte ihr ganzes Leben.

Marie brach ihre steile Karriere ab

Nach fünf Jahren stand Marie an einem Punkt, an dem sie sich fragte, ob sie so weitermachen will – und kann. „Allein die Arbeitszeiten gingen komplett gegen meinen Biorhythmus. In der Agentur war morgens um zehn Uhr Arbeitsbeginn und frühestens um sieben Schluss. Wenn man aber wie ich vormittags am Produktivsten ist und gerne um sechs aufsteht, geht das an die Substanz“, sagt Marie. Und das alles nur für Geld und Glamour? Sie brach die steile Karriere ab, heuerte im Team für Öffentlichkeitsarbeit der Stiftung Sternenbrücke an.

Das Hamburger Hospiz betreut Kinder und Jugendliche, die unheilbar krank sind – bis zu ihrem Tod. Der Verein ist auf Spendengelder angewiesen. Und so kümmerte sich die 28-Jährige von nun an um eine professionelle Außendarstellung des Hospizes. Zwar fühlte sie sich der Arbeit weniger entfremdet, doch noch immer war sie nicht am Ziel: „Ich spürte, dass ich ganz selbstbestimmt arbeiten wollte und als Freiberuflerin mit meinem Handwerk noch mehr Gutes tun kann.“

Die Lösung: Selbstständigkeit

Nach einem Jahr kündigte sie wieder, machte sich selbstständig. Heute arbeitet sie auch als Dozentin, organisiert Yoga-Retreats, schreibt an einem Buch und betreut immer gleichzeitig mehrere Projekte, „die mir am Herzen liegen – gelegentlich auch die Sternenbrücke“, erzählt Marie.

Vielfalt: Marie als Dozentin für Modejournalismus, nur eine von vielen Aufgaben.

Was sie vor allem glücklich macht: „Dass ich nicht mehr fremdgesteuert bin“, verrät sie. Außerdem hat sie sich viele verschiedene Aufgaben gesucht: „Ich habe w eiterhin mit schönen Dingen wie Mode zu tun . Kann aber zusätzlich mit meinem Wissen und meinen Kontakten Projekte betreuen, die mir wichtig sind.“ Hinzu kommt noch ein weiterer Punkt, der auch nicht ganz unerheblich ist: „Mittlerweile kann ich meine Miete davon zahlen“, sagt Marie.

Arbeit ohne Chef

Starre Rangordnungen, feste Arbeitszeiten, ein hässliches Büro, in dem man sich nicht wohl-fühlt: „Junge Leute wollen heute anders arbeiten“, sagt Philipp Riederle. Die Generation Y fordere mehr Durchlässigkeit, mehr Teamwork, mehr Transparenz.

Das habe sie vom Internet gelernt: Hat einer eine geniale Idee, sucht er sich weltweit Mitstreiter. Braucht er dafür Geld, lässt er sich durch Crowdfunding finanzieren. „Die Unternehmen müssen sich in Zukunft auf veränderte Ansprüche einstellen“, prophezeit der junge Experte selbstbewusst. „Wir lassen uns nicht mehr zehn Stunden am Tag einsperren und in eine sinnlose Hierarchie pressen. Wer unsere Augen nicht zum Funkeln bringt, für den arbeiten wir nicht“, so Riederle.

„Mir wurde klar: Heimat ist da, wo Freunde und Familie sind“

Angelika Zahn, 30, Journalistin in Donauwörth

Die Hand zittert, als sie den Stift greift. „Hier müssen Sie unterschreiben“, sagt der Notar. Einen Moment zögert sie. Dann greift sie zum Kuli und setzt ihren Namen unter den Kaufvertrag. Als sie wieder auf der Straße steht, fühlt sich alles noch wie ein Traum an. Ich! Habe! Ein! Haus!

Eigentlich wollte Angelika immer in einer großen Stadt leben. Doch nun hat die 30-Jährige diesen Plan gecancelt. Es ist fix gemacht: Sie bleibt hier – in ihrer Heimat, nur 25 Kilometer von ihrem Geburtsort entfernt. Lange hatte sie mit ihrem Freund hin und her überlegt. Beide sind selbstständig, könnten theoretisch überall wohnen.

Verantwortung und Beständigkeit statt Abenteuerlust

Auf vielen Reisen haben sie ihre Abenteuerlust gestillt , Menschen von überall her getroffen. Angelika ist als freie Journalistin oft unterwegs, heute bei der Bambi-Verleihung in Berlin, morgen für ein Interview in London. „Ich könnte ein richtiges Nomadenleben führen, denn ich brauche kein festes Büro, nur Handy, Laptop und Internetanschluss“, sagt sie. Dann fiel die Entscheidung spontan.

Nestbau: Das neue Zuhause wird noch renoviert

Und zwar, als sie vor einem halben Jahr auf ein leer stehendes Einfamilienhaus mit Geschäftsräumen aus den Fünfzigerjahren stießen. „Auf einmal war uns klar: Wir bleiben in unserer Heimat Donauwörth bei Augsburg. Hier ist alles, was wir lieben“, sagt die 30-Jährige. Und so kauften sie das Häuschen. Derzeit renovieren sie es noch, mit Freunden und Familie am Wochenende. Im Sommer soll der Einzug gefeiert werden. „Wir spürten plötzlich den tiefen Wunsch, ein richtiges Zuhause zu haben. Mit allem, was dazugehört: Verantwortung, Beständigkeit, Zusammengehörigkeitsgefühl.“

Angepackt: Angelika an einem typischen Wochenende.

Die Eltern leben in der Nähe, viele sehr gute Freunde noch aus dem Kindergarten auch. Man hilft sich und ist füreinander da. Und die große weite Welt, das Abenteuer? Das müsse ja nicht verloren sein, meint Angelika. „Wenn ich die Stadt zu sehr vermisse, fahre ich halt nach München. So weit weg vom Schuss wohnen wir hier nun auch wieder nicht.“

Heimat und die Liebe

Die große Sehnsucht nach Geborgenheit hängt mit dem Nomadenleben dieser Generation zusammen. „Wir begehren nicht mit einer sexuellen Revolution auf, sondern mit spießigen Werten“, sagt Philipp Riederle. „Wir wuchsen in einer freizügigen Welt auf, in der es für uns ganz normal war, überall hinzugehen.

Auslandsjahr in Amerika, Praktikum in Asien, Freunde auf allen Kontinenten. Da ist es nachvollziehbar, dass wir uns nach festen Konstanten im Leben sehnen und gerne den „Bergdoktor“ schauen. Das gibt uns das Gefühl, dass die Welt doch noch ein bisschen überschaubar ist“, erklärt er.Ein Zuhause haben, das war kaum einer Generation vorher so wichtig wie den jungen Leuten von heute. Heimat, das ist in Zeiten der Globalisierung nicht selbstverständlich, sondern etwas Besonderes.

„Ich bringe die kommende Generation auf den richtigen Weg“

Marie Herrmann, 31, Umweltpädagogin aus München

Das macht ihr gar nichts aus: Regen im Gesicht, ihre Jacke klatschnass – schon seit einer dreiviertel Stunde fährt sie auf dem Rad durch die Stadt. Mit bester Laune kommt Marie morgens um acht in einer Münchner Schule an. Dort wird sie für die Umweltorganisation Green City e.V. einen Workshop geben. „Was ich als Umweltpädagogin mache, ist eine echte Herzensangelegenheit. Ich will nicht bloß Geld verdienen“, sagt die 31-Jährige, die bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad alle Strecken im Alltag fährt.

Lieblingsfach: Schüler sind begeistert von Maries Unterricht.

Sie erklärt ihren Schülern, was saisonales Obst ist, wie man sein Radl winterfest macht und warum es so wichtig ist, die Umwelt zu schützen. „Als Kind wohnte ich in der Nähe eines Atomkraftwerks. Ich spürte von klein auf, dass eine Gefahr von so einem AKW ausgeht. Schon damals habe ich Strom gespart“, erzählt Marie.

Sie wollte ihr Wissen an Kinder weitergeben

Beim Wandern entspannt die Lehrerin.

Nach dem Abitur studierte sie Forstwissenschaft und lernte dort unter anderem, wie man Wälder für die Zukunft stabil macht. Sie hätte auch einen gut bezahlten Job in der Industrie annehmen können, doch sie wünschte sich vor allem eine Aufgabe, die sie persönlich erfüllt. Seit 2009 arbeitet Marie nun im Bereich Umweltbildung. „Ich mache nicht irgendeinen Job“, sagt sie. Sie gebe ihr Wissen und ihre Überzeugung an Kinder weiter, weil die für unsere Zukunft entscheidend sind. „Ich will ihnen zeigen, dass es auf jeden Einzelnen ankommt.“

Das Beste ist, wenn die Kinder vom Unterricht schwärmen. Viele sagen, sie würden gerne noch einmal dabei sein. Dass die Schüler sich wirklich interessieren, ist für die Umweltpädagogin der schönste Lohn. Dann weiß sie, sie hat ihr Lebensziel erreicht: „Die kommende Generation auf dem richtigen Weg begleiten, das füllt mich komplett aus“, sagt Marie.

Wissen für alle

Geld, Status und Macht, das war früher mal das Wichtigste. Heute fragen sich immer mehr Menschen, welchen Sinn das alles macht. Eine weltweite Studie der Beratungsfirma PWC (www.pwc.de) kam zu dem Ergebnis, dass den „Millennials“ Weiterbildung und Entwicklungsmöglichkeiten wichtiger sind als Geld.

Und dass diejenigen Unternehmen, die nachhaltig und sozial verantwortlich denken, bei jungen Arbeitnehmern klar im Vorteil sind. „Befragungen zeigen, dass Sinn und Selbstverwirklichung ganz oben auf der Agenda stehen“, bestätigt Philipp Riederle.

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