Wofür du dich in der Liebe (nicht) schämen musst

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Liebe, so denken viele, muss das Ende der Scham sein. Wer liebt, der offenbart sich seinem Partner, zeigt Körper und Seele nackt und gibt sich so Verletzungen preis. Doch gegen emotionale und psychische Nacktheit schützt uns Menschen ein natürliches und gesellschaftlich generiertes Schamgefühl. Wie viel Scham die Liebe wirklich braucht und wo wir unser Intimsphäre trotz Liebe schützen müssen, verrät hier der Parship-Beziehungscoach Eric Hegmann .

"Peinlich sein kann uns richtig viel. Es ist erstaunlich, wie viel. Ein Fehler, den wir übersehen haben, ein unüberlegter Kommentar, der die falschen Ohren erreicht hat oder ein unvorteilhaftes Outfit. Und natürlich alles, was wir an unserem Körper für unperfekt halten.

Aber was heißt es eigentlich, sich zu schämen? Soweit wir wissen, sind evolutionär nur Menschen in der Lage, Scham zu empfinden. Wir können uns sogar für Andere schämen, nicht nur für uns selbst. Das ist ein sehr unangenehmes, sehr starkes Empfinden. Scham ist gesellschaftlicher Kitt und sozial und kulturell geprägt, aber auch ganz tief verankert in individuellen Glaubenssätzen.

 

Jede Beziehung braucht Scham

 

In Beziehungen , wo wir uns gegenseitig offen und nackt annehmen möchten und spüren, angenommen zu werden, gibt es immer ein Spannungsfeld zwischen Bewahren der Individualität in intimsten Momenten und Hingabe ohne Beschränkungen. Jedes Paar und jeder Partner verhandelt da über das eigene Schamgefühl. Da geht es um Licht im Schlafzimmer aber auch um die Ungestörtheit im Badezimmer. Nicht zuletzt hat auch die Scham, etwas Falsches zu machen, mit der Entscheidung zu tun, ob ich die Textnachrichten im Smartphones meines Partners heimlich lese.

Das bedeutet: Jede Beziehung braucht Scham, denn beide Partner wollen sich wohl fühlen können. Das muss individuell verhandelt werden. Ich kenne aus der Praxis Paare, die sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Nacktheit in der Kindheit erlebt haben und die so entstandenen Glaubenssätze gegenüber dem Partner wirklich emotional verteidigt haben. Da kann aus der abgeschlossenen Badezimmertüre ein Konflikt entstehen aus dem Gefühl heraus: „Wenn du mich wirklich lieben würdest, würdest du mir meine Privatsphäre lassen“ gegen „Wenn du mir nicht vertrauen kannst, dann ist das keine Liebe “.

 

Wenn eine Intimrasur der Fantasie die Luft abschneidet

 

Es geht weniger darum, ob mir ein Muttermal peinlich ist oder eine Intimrasur der Fantasie die Luft abschneidet, sondern um Selbstwertgefühl und Fallen lassen. Da gibt es kein richtig oder falsch sondern nur eine Annäherung, die beide Partner glücklich macht. Scham schützt ja auch, weil sie verhindert, dass uns jemand zu nahe kommt. Hast du dein Eindruck, dein Partner ist schamlos, kann dies das Gefühl erzeugen, ihm hilflos ausgeliefert zu sein.

Schamgefühle zeigen sich in ziemlich deutlichen körperlichen Signalen. Das macht die Scham so schlimm, denn jeder kann sie sehen an dem hochroten Kopf, dem Schweißfilm auf der Haut und der Körperhaltung. Wir fühlen uns mies und zeigen das auch noch. Keine Frage, dass es der Beziehungszufriedenheit nicht gut tut, wenn ein Partner solche Situationen erlebt. Scham kann zu Angststörungen , zu Schuldgefühlen und Aggression führen.

„Stell dich nicht so an!“ ist ein Satz, den man besser aus den Gedanken raushält, denn er macht es garantiert nicht besser sondern schlechter.

Selbst wenn wir uns darauf einigen: Scham ist eine gute Sache, einerseits um Grenzen einzuhalten und andererseits um sich selbst sicher zu fühlen – in der Sexualität birgt das Konfliktpotential. Ein erfülltes Liebesleben braucht Abwechslung und das Ausleben von Fantasien . Das erfordert den Mut, die Komfortzone des gewohnten kleinsten gemeinsamen Nenners zu verlassen. Das sollte jedoch freiwillig und in einer sicher anmutenden Atmosphäre geschehen. Die Partnerin bei der Masturbation mit einem Toy in der Dusche zu erwischen, ist je nach individueller Pärgung eine tolle Fantasie oder ein brutales Eindringen in die Intimsphäre.

 

Schamlosigkeit als Vertrauensbeweis

 

Eine Schamgrenze fällt selten auf einmal, sie sinkt eher über die Zeit. Langzeitpaare finden Stoffwechselgeräusche irgendwann den Aufwand, das Radio anzustellen, nicht mehr wert. Sie erkennen, der Partner weiß ja sowieso, was da gerade passiert. Deshalb muss aber niemand den Partner einladen, dabei zu sein. Ebenso entwickelt sich beim Sex der Mut, sich schamlos zu zeigen und annehmen zu lassen, langsam. Habe ich erst einmal Vertrauen aufgebaut, hält das – solange es nicht missbraucht wird. Eine Grenze kann auch ganz schnell wieder errichtet werden.

Die These, wenn der Partner alles weiß, ist nichts mehr geheimnisvoll genug, um erotisch zu sein, haben Paare sicher zu Beginn der Beziehung. Aber wäre es wirklich so, würden Langzeitpaare nicht bestätigen, dass Sexualität mit der Zeit intensiver und befriedigender erlebt wird – eben weil die Partner immer mehr voneinander wissen und sich vertrauen.

Überstarke Schamgefühle machen übrigens die Seele krank. Schuldgefühle entstehen und die sorgen für Verlust von Selbstbewusstsein und Rückzug. Problematisch wird es, wenn wir bemerken, dass die Schamgefühle in keinerlei Verhältnis zu dem stehen, was sie bewirkt hat. Insofern gilt bei aller Liebe: Schamgefühl, ja, bitte, aber nicht verrückt machen (lassen). Jeder Menschen hat individuelle Bedürfnisse und manchmal sind die eben alles andere als romantisch."

 

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