LiebeslebenWork-Love-Balance: Was tun, wenn der Job die Liebe auffrisst

Wenn die Work-Life-Balance aus den Fugen gerät, kann die Beziehung dabei unter die Räder kommen.
Wenn die Work-Life-Balance aus den Fugen gerät, kann die Beziehung dabei unter die Räder kommen.
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Wir brauchen unsere Jobs, um unser Leben zu finanzieren. Doch was, wenn die Beziehung stark unter dem Job-Stress leidet? Paarberater Eric Hegmann gibt Rat.

"Immer mehr Paare suchen heute Rat und Hilfe, weil die Work-Love-Balance aus dem Gleichgewicht geraten ist. Statt intimer Gespräche und ruhiger Kuschel-Zeit werden selbst zuhause noch berufliche E-Mails gecheckt und auch das Wochenende ist man für die Firma selbstverständlich erreichbar. Der Kopf steckt gedanklich immer in der Arbeit, selbst lange nach Feierabend. Die Liebe bleibt dabei rasch auf der Strecke. Zurück bleiben dann frustrierte Partner, die sich fragen, ob der Job es eigentlich wert ist, die Beziehung zu gefährden.

Zunächst ist Erfolg durchaus schön. Denn Bestätigung tut uns gut. Unser Selbstwert wächst durch Lob und Anerkennung. In einer glücklichen Beziehung werden sich die Partner gegenseitig unterstützen und Halt geben. Da ist ein Kompliment des Herzensmenschen ungleich wichtiger und aufbauender als ein “Gut gemacht!” der Teamleitung beiläufig im Kopierraum. Gefährlich wird es aber, wenn zuhause die Bestätigung ausbleibt. Wie in allen Bereichen suchen sich Menschen dann nämlich außerhalb der Beziehung das, was ihnen (vermeintlich) fehlt.

Warum ist heute vielen Menschen der Beruf mehr wert als die Liebe?

Ob "Nur die Liebe zählt" oder "Alles, was du brauchst, ist Liebe": Kein Präsentationserfolg in der Firma, kein erfolgreicher Monatsbericht, keine Grußkarte aus der Personalabteilung können die Umarmung des Partners ersetzen. Und wem wollte man denn auch zuhause vom Erfolg im Büro erzählen? Das Alter für Familienplanung und Eheschließung steigt seit Jahren in Deutschland an. Heute liegt es bei Mitte 30. Fürs Familienglück scheint für die meisten Menschen Voraussetzung zu sein, erfolgreich im Beruf zu sein und dadurch finanziell ausreichend ausgestattet. Die Sorge vor einem sozialen und finanziellen Abstieg belastet die Beziehung.

Hinzu kommt, dass wir in einer Zeit der Selbstoptimierung leben: Beneidenswerte Bilder auf Facebook vom Traumurlaub – da vergleichen sich viele Paare und setzen ihre Ansprüche herauf. Nach meiner Erfahrung geht es beim Einsatz im Beruf häufig gar nicht so sehr um Karrierewünsche, sondern um einen vermeintlichen Zwang, den Lebensstil verbessern oder mindestens halten zu können. Dabei ist aber eine ausgeglichene Work-Love-Balance wichtiger als ein neuer Flachbildschirm oder ein Städte-Trip am Wochenende.

Immer mehr Paare bleiben in der Work-Love-Balance auf der Strecke

In der Paarberatung sind es häufiger die Frauen, die zuerst bemerken, dass sich etwas zum Negativen verändert hat. Ein Mangel an Achtsamkeit, das Wegfallen von gemeinsamen Unternehmungen und kurzfristige Absagen, weil im Büro wieder etwas “dazwischen gekommen ist”.

 

Nun muss das jedes Paar selbst für sich ausprobieren, aber Zufriedenheit in der Beziehung ist auf lange Sicht immer mehr Wert als ein Bonus. Sobald ein Partner den Eindruck hat, er würde zu kurz kommen, wird sich das schnell in Konflikten um Arbeitsteilung oder Ausgaben ausdrücken. "Ich zeige viel mehr Einsatz als du" und "Würdest du mich lieben, würdest du den Computer jetzt ausmachen" werden dann Streitthemen. Aus ihnen entwickeln sich gegenseitige Vorwürfe, Abwertung und Verlust von Intimität.

Spätestens jetzt sollte das Paar klären, worum es tatsächlich geht beim Einsatz im Beruf: Existenznöte oder Selbstverwirklichung? Viele Männer fühlen sich verpflichtet, Karriere zu machen, um die Familie versorgen zu können. Das ist ein Glaubenssatz, der nicht einfach wegargumentiert werden kann. Da lässt sich auch nicht einfach ein Kompromiss finden, der beide Partner glücklich macht. Allerdings hilft: Evolutionär sind alle Lebewesen darauf ausgerichtet, Energie zu sparen. Ein Weg, zurückzufinden zu einer Work-Love-Balance, kann sein, das eigene Faultier zu verwöhnen und Freude am gemeinsamen Entspannen wiederzufinden.

Mein Tipp an Paare ist: Setzen Sie stark auf gemeinsame Unternehmungen. Am besten ein Mix aus Neuem und Bewährtem: Möglichkeiten, sich gemeinsam in neuen Situationen erleben zu können und ebenso Raum, um Vertrautheit und Geborgenheit zu spüren. Vorwürfe verändern den Partner sehr viel seltener als positive Erlebnisse. Wer als Paar den Spaß an einem gemeinsamen Ausflug wiedergefunden hat, wird ganz von selbst mehr Wert auf Auszeit vom Beruf legen. Ich hatte noch kein Paar in der Beratung, das sagte: "Wir bereuen, dass wir zuwenig gearbeitet haben". Vielmehr sagen sie: "Warum haben wir nicht unsere gemeinsame Zeit früher bereits mehr und häufiger genossen"?

Autor: Eric Hegmann | Paarberater, Single- und Parship-Coach

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